Sportpsychologe Mickler im Interview

„Die Situation wird nicht falsch eingeschätzt“

Bei Werder vermeidet man bisher die Benutzung des Wörtchens „Abstiegskampf“. Der DFB-Sportpsychologe Werner Mickler hat in unserem Interview erklärt, warum die Bremer sich genau richtig verhalten.
02.12.2019, 10:48
Lesedauer: 8 Min
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„Die Situation wird nicht falsch eingeschätzt“
Von Malte Bürger
„Die Situation wird nicht falsch eingeschätzt“

Für Sportpsychologe Werner Mickler verhält sich Werder-Trainer Florian Kohfeldt aktuell genau richtig in dieser sportlich schwierigen Phase.

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Werder hat nach zwölf Spielen magere elf Punkte auf dem Konto, steht lediglich aufgrund der um einen Treffer besseren Tordifferenz nicht auf einem Relegationsplatz. Und trotzdem vermeiden es die Bremer Verantwortlichen vehement, vom Abstiegskampf zu sprechen. Ist das Wort wirklich so bedrohlich?

Es kommt immer darauf an, was man erreichen will. Ich glaube, dass die Funktion dahinter eine ganz wichtige Rolle spielt. Wenn man es thematisiert, dann kann man es aus unterschiedlichen Gesichtspunkten tun. Beispielsweise wenn man glaubt, dass die Mannschaft noch immer nicht weiß, worum es geht und man sie deshalb für die bedrohliche Situation sensibilisieren möchte. Wenn das Wort allerdings zu oft in den Mund genommen wird, kann es auch dazu führen, dass es zu einer Verkrampfung kommt. Und das ist ja genau der gegenteilige Effekt, den man eigentlich haben will. Soweit ich die Situation in Bremen beurteilen kann, scheint es ja in erster Linie ein kleines Kopfproblem der Spieler zu sein. Da denke ich, dass es sinnvoller ist, sich an seinen Aufgaben zu orientieren und zu überlegen, was notwendig ist, um den Bock umzustoßen, wie es der Trainer gesagt hat.

Wenn Aufsichtsrats-Chef Marco Bode allerdings Anfang der Woche sagt, dass es noch viel zu früh sei, um über den Abstiegskampf zu reden, wirkt es schon so, als würde man die Situation völlig falsch einschätzen.

Nein, ich glaube nicht, dass die Situation falsch eingeschätzt wird. Wir haben den zwölften Spieltag gehabt – und da ist noch kein Mensch jemals abgestiegen. Das passiert erst endgültig am Ende der Saison. Deshalb hat Marco Bode in dieser Hinsicht völlig Recht. Andererseits haben die Verantwortlichen ja aber auch bereits deutlich gemacht, dass es eine kritische Situation ist. Um da unten rauszukommen, und das ist auch der richtige Ansatz, braucht man nicht nur eine gut stehende Abwehr, sondern auch den Mut, offensiv in Eins-gegen-Eins-Situationen zu gehen, um drei Punkte zu holen.

Das Wort Mut fällt in Bremen ohnehin sehr häufig. Trainer Florian Kohfeldt hat bei den Auftritten seiner Mannschaft vor allem einen Wunsch: Sie soll mutig sein. Müssten die Spieler und Verantwortlichen diese Eigenschaft nicht aber vielleicht auch außerhalb des Platzes zeigen und mutig mit dem Begriff Abstiegskampf umgehen?

Was habe ich denn davon? Ich verwende also irgendein Wort und möchte damit etwas erreichen. Die Frage ist aber: Kann ich mit diesem Wort genau das erreichen, was ich erreichen will? Wenn ich vom Abstiegskampf rede, ist immer sehr schnell im Kopf der Gedanke, dass es gefährlich werden und man verlieren könnte. Von daher muss man sich genau überlegen, ob dieses Wort funktional exakt so eingesetzt werden kann.

Kann die Akzeptanz einer schwierigen Situation mit einem solchen Begriff nicht auch befreiend sein? Fällt nicht eher Druck ab als dass er aufgebaut wird?

Nein, ich würde eher sagen, dass Druck aufgebaut wird. Wenn Sie persönlich um ihren Job kämpfen müssen und dort noch zusätzlich Druck aufgebaut wird, obwohl Sie schon unter Druck sind – gehen Sie das nächste Projekt mit Mut an, wenn der Chef das dann auch noch einmal deutlich macht?

Das wird für den einen oder anderen wahrscheinlich schwierig.

Und genau dasselbe ist bei Werder der Fall. Auf der einen Seite wird das Thema schon von den Medien und Fans besprochen, wenn dann auf der anderen Seite auch noch die Verantwortlichen im Verein Druck ausüben, dann kann das kontraproduktiv werden. Deswegen ist es so wichtig, genau zu analysieren, was wirklich verändert werden muss, den Spielern aber gleichzeitig so viel Selbstvertrauen zu geben, dass sie in der Lage sind, diese Situation zu meistern. Aber das ist natürlich nicht so einfach in solch einer Situation.

Als Leiter der sportpsychologischen Ausbildung für angehende Fußball-Lehrer des DFB hatten Sie seinerzeit auch mit Florian Kohfeldt zu tun. Welche Möglichkeiten haben Sie ihm damals vermittelt, um seine Spieler als Chefcoach aus solchen mentalen Sackgassen zu führen?

Florian hat schon sehr viel Vorerfahrung gehabt, er ist zudem ein sehr intelligenter Trainer. Er weiß genau, dass es eine sehr wichtige Komponente gibt: Man muss sich auf die Spieler einlassen und herauskriegen, was die Spieler in solch einer Phase brauchen. Wir nennen das situative Führung. Und das macht er meines Erachtens sehr gut. Da gibt es Spieler, die man ein bisschen anschieben muss, andere wiederum muss man in Watte packen, damit sie nicht überdrehen. Das sind Punkte, an denen er sehr sensibel mit der Mannschaft umgehen muss. Wenn man ihnen allerdings auch Selbstvertrauen geben will, muss man ihnen aufzeigen können, dass sie gewisse Dinge gut können und bereits gut gemacht haben. Dadurch werden Spieler noch einmal daran erinnert, dass sie die Fähigkeiten dazu bereits besitzen. Zudem brauchen sie die Sicherheit, dass nicht sofort negative Konsequenzen drohen, wenn sie ein Risiko beim nächsten Mal erneut eingehen.

Wie groß ist die Gefahr, dass ein Trainer seine Spieler in solch einer Phase verliert?

Das kann in dem Moment passieren, in dem man sich als Trainer zu sehr selbst unter Druck setzt und sich nicht mehr so verhält, wie man eigentlich sein möchte. Das merken die Spieler sofort. Doch eigentlich möchte man ja vorleben, dass die Situation zu meistern ist – und das macht die Werder-Familie ja auch aus, dass sie davon überzeugt ist, dass es funktionieren wird. Wenn ein Trainer aber zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist und sich zu sehr infrage stellt, dann hat das Ausstrahlungen auf die Mannschaft.

Und umgekehrt? Auch Florian Kohfeldt dürfte enttäuscht sein, dass seine Spieler ihre Qualitäten derzeit nicht auf den Platz bringen – zumal er sich öffentlich stets vor sie stellt und jegliche Kritik meist auf sich nimmt.

Ich hoffe nicht, dass man das als Trainer macht. Es ist immer wichtig, dass man sich – egal, ob man gewonnen oder verloren hat – zusammensetzt und sachlich analysiert. Und das macht Florian wirklich sehr gut. Im Endeffekt will ein Trainer mit dem Team zusammen das Ziel erreichen. Es ist kein Selbstzweck nach dem Motto: „Ihr gewinnt, damit ich mich profilieren kann.“

Ist es denn geschickt, individuelle Fehler eines Torwarts wie nach dem Freiburg-Spiel als Trainer auf sich zu nehmen? Wirkt das nicht unglaubwürdig?

Ich glaube schon, dass Jiri Pavlenka natürlich weiß, dass er da Fehler gemacht hat. Wenn er trotzdem noch Unterstützung von seinem Trainer bekommt, dann geht er schon mit einer gewissen Erleichterung ins nächste Spiel hinein. Dieses Gefühl zu geben und Vertrauen zu vermitteln, halte ich für einen Vorgesetzten in jedem Job für unheimlich wichtig.

Vize-Kapitän Davy Klaassen hat jüngst nach dem Schalke-Spiel noch einmal den Satz gesagt, der in den Vorwochen fast mantraartig immer wieder zu hören war: „Wir sind zu gut für den Abstiegskampf.“ Wie kann man so etwas noch sagen, wenn die Tabelle doch ein gegenteiliges Bild vermittelt?

Zunächst einmal macht es deutlich, dass Davy Klaassen davon überzeugt ist, dass Werder eine ganz gute Mannschaft beisammenhat. Florian Kohfeldt hat es aber natürlich auch schon relativiert, indem er gesagt hat, dass Qualität nicht vor einem Abstieg schützt. Das muss ich ganz klar unterstreichen. Es ist völlig richtig, wie Florian reagiert hat. Man muss frühzeitig erkennen, dass man in einer kritischen Situation ist, den Finger in die Wunde legen und sagen: Ja, wir haben Qualität – aber wenn wir sie nicht abrufen, dann sind wir nicht besser als alle anderen.

Wie groß ist Ihrer Erfahrung nach der Unterschied zwischen den öffentlichen Worten eines Trainers und den internen Ansagen?

Gerade in Bremen argumentieren die handelnden Personen sehr sachlich. Dass aber nicht alles nach außen gebracht wird, was intern besprochen wird, zeigt, dass man eine Einheit in solch einer Situation darstellt und niemand ausschert. Das finde ich gut, dass das bei Werder so ist.

Wobei es sicherlich nicht immer einfach ist, eine Einheit zu sein. Wo es ohnehin schon rumort und Unzufriedenheit über die sportliche Gesamtsituation gibt, bietet sich viel Raum für Konflikte der Spieler untereinander. Wie kann man dem entgegenwirken?

Dass es Konflikte gibt, ist ja völlig normal. Entscheidend ist, dass sich alle dem gleichen Ziel unterordnen. Wenn ein Beteiligter meint, er müsse jetzt sein Ego nach vorne bringen, dann ist das für die Mannschaft sicherlich nicht hilfreich. Man muss sich immer klar machen, was für das Team am erfolgreichsten ist. Genau das zeichnet eine Mannschaft aus, die von vornherein weiß, dass sie gegen den Abstieg spielt, weil sie sich auf ihre Stärken besinnt, die sie zur Verfügung hat. Anders als bei einem Verein wie Werder, wo es ja eigentlich in die Richtung des europäischen Wettbewerbs gehen sollte. Für die Bremer ist die jetzige Situation aufgrund der Vorjahre zwar nicht ganz neu, aber alle wissen auch, dass sie dort nur herauskommen, wenn sie als Einheit agieren.

Sie haben Europa angesprochen. In der Vorsaison wurde dieses Ziel nur knapp verpasst. War man sich vielleicht unterbewusst zu sicher, dass man nun wiederholt nach oben schauen dürfe und die schlechten Zeiten endgültig abgehakt sind?

Das kann bei dem einen oder anderen Spiel im Kopf platziert sein, aber ich denke, dass die handelnden Personen schon genau wissen, was Sache ist. Man darf aber auch Werders Verletzungsmisere nicht außer Acht lassen. Mit Dingen wie diesen muss man sich in einer Saison auseinandersetzen und stellen. Jede Mannschaft hat irgendwann eine Delle, bei der es nicht so gut gelaufen ist. Am Ende wird man sehen, wie gut man damit umgegangen ist. Werder hat jetzt früh genug den Warnschuss bekommen, nun muss der Verein daraus auch wirklich lernen.

Hilft jetzt nur noch der pure Erfolg, ein Sieg im nächsten Spiel? In solch einer Krisensituation reichen doch keine kleinen Glückseligkeiten mehr, oder?

Es ist wichtig, sich nicht nur an einem Sieg festzuhalten. Das Entscheidende ist die Erkenntnis, wie etwas auf dem Platz gemacht wurde. Wenn man ein schlechtes Spiel macht und spät durch einen fragwürdigen Treffer mit 1:0 gewinnt, könnte man sagen: Friede, Freude, Eierkuchen. Aber nein. Viel wichtiger ist, welche Leistungen auf den Platz gebracht und welche erarbeiteten Inhalte aus der Trainingswoche umgesetzt wurden. Da zählt die Frage: Ist dies der richtige Weg, um auch zukünftig, langfristig erfolgreich zu sein? Das ist der Anspruch, den die Spieler im Kopf haben müssen. Nur nach dem Motto aufzutreten „Egal wie, Hauptsache wir gewinnen irgendwie“ hört sich für mich immer danach an, als hätte ein Spieler keinen Eigenanteil daran. Wenn es nur um Glück und Zufall geht, würde ich dazu raten, in die Kirche zu gehen und eine Kerze aufzustellen.

In Bremen war allerdings sinngemäß in den vergangenen Wochen sehr häufig zu hören: „Wenn wir so weitermachen, dann werden wir die Punkte holen.“ Das Resultat ist bekannt. Wie lässt sich die richtige Balance gerade in dieser jetzigen Situation finden?

Das geht nur über die klare, sachliche Analyse und die Erkenntnis, was gut gelaufen ist und an welchen Stellschrauben gedreht werden muss, um das System auf ein noch höheres Niveau zu bekommen.

Abschließende Frage: Ist der Kopf in der Fußball-Bundesliga viel wichtiger als der Fuß?

Wenn ich es ganz spitz sage, dann ist es so, weil der Kopf auch den Fuß steuert (lacht). Andererseits würde ich sagen, dass es gewisse Automatismen gibt, die ein Spieler beherrscht. Das Problem ist, dass diese Automatismen nicht mehr funktionieren, wenn der Kopf in eine ganz andere Denkrichtung geht.

Zur Person

Werner Mickler (66) ist Sportpsychologe. Von 1982 bis 1996 war er im Psychologischen Institut der Sporthochschule Köln tätig, seitdem ist er selbstständig und arbeitet für Verbände, auch für den DFB.

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