Die Bundesliga-Kolumne von Christian Stoll

Die Stimmung kippt

Um nichts mehr oder weniger als Werders bloße Existenz in der höchsten deutschen Fußballliga geht es jetzt, schreibt Stadionsprecher Christian Stoll in der Bundesliga-Kolumne.
16.12.2019, 17:58
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Stoll
Die Stimmung kippt

Christian Stoll ist Stadionsprecher im Weserstadion.

WESER-KURIER

Ludwig Augustinsson, der kluge Schwede, wusste schon nach Paderborn, was Ambach ist: „Wir sind im Abstiegskampf.“ Um nach einer Sekunde der Überlegung noch hinzuzufügen: „im Moment“. Ich fürchte, lieber Ludde, dieser Moment wird bis zum 34. Spieltag andauern.

Vielleicht sollten wir an diesem Dienstag als Einlaufmusik nicht wie sonst „Lebenslang Grün-Weiß“ spielen, sondern Doktor Schiwagos Schicksalsmelodie, damit auch dem Allerletzten im Weserstadion klar wird, um was es ab jetzt geht. Um nichts mehr oder weniger als Werders bloße Existenz in der höchsten deutschen Fußballliga.

Wir mögen dort jetzt der stolze Traditionsverein mit der längsten Stehzeit sein, aber wen interessiert das? Und, ganz ehrlich, mich interessiert auch einen feuchten Kehricht, wer da – natürlich anonym – seinen Dreck über die Verantwortlichen in und um Werder im Netz auskübelt. Alle, mich ausdrücklich eingeschlossen, haben Fehler gemacht. Und am Ende dieser Fehlerkette steht eben der Platz – noch – gerade so über dem Strich. Aber was nützt, bitte sehr, der Blick zurück im Zorn nach gestern, es ist geboten, die Dinge im Heute nüchtern zu analysieren, um ein Morgen für unser aller SVW zu gewinnen.

Und das Allerwichtigste dabei ist nun, unsere Fans nicht zu verlieren. Da geht nix drüber. Und seien wir offen, die Stimmung kippt. Wie kann das aussehen? Zum Beispiel wie in Dortmund, Leverkusen, Frankfurt und Wolfsburg oder auch die ersten 43 Minuten in München. Es ist eine alte Geschichte: Stimmung, Leidenschaft, Feuer entwickeln sich nie von oben (den Tribünen) nach unten (dem Spielfeld). Wie schon der beste Fußballfilm ever heißt und zeigt: Fever Pitch. Wenn die Bargfredes und Bittencourts und Klaassens das Messer zwischen den Zähnen nicht nur tragen, sondern auch zeigen, dann merken das die Fans.

Überschwappende Werder-Welle

Das einfache Wollen durch Willen begeistert uns, da sind wir schnell ganz schlicht. Und dann schwappt die Werder-Welle vom Rasen in die Blöcke und von dort doppelt verstärkt wieder nach unten. So einfach funktioniert Fußball in Atmosphäre gemessen und ist doch so einfach nicht zu erreichen, denn es gibt ja noch andere elf Spielverderber.

Und damit sind wir rasch zurück in der rauen Realität. Mit Mainz und Köln warten jetzt eben keine Karnevalsvereine, sondern zweimal Augenhöhe. Denn weder der 1. Fußballsportverein 05 noch der Effzeh haben heuer Ansprüche angemeldet von wegen Europa und so. Der Mainzer Fastnachtsgarde hat der Ex-Bremer Rouven Schröder norddeutsche Realität aber so was von eingetrichtert, und die Kölner haben ihren Saisonhöhepunkt mit dem Erfolg gegen Pille 04 bereits gerade erreicht.

20 Punkte erreichbar

Was heißt das nun für uns? Auch wenn einige Superschlaue im Internet die Herren Baumann und Kohfeldt für überfordert halten; die Zahl 20, postuliert vor inzwischen einigen Wochen als Punktlandung zur Winterpause, ist ziemlich schlau kalkuliert gewesen. Zum einen weil 20 bekanntlich die Hälfte von 40 ist, also dem durchschnittlichen „Sollte man haben“ zum Klassenerhalt und zum anderen, weil die 20 auch zu Weihnachten bei aller vollkommen berechtigten Kritik, insbesondere der Anhänger, immer noch erreichbar ist.

Zu unseren Fans vielleicht zum Ende noch eine kleine Geschichte, die deutlich macht, was eigentlich los ist. Das Bayernspiel hab ich bei meinem Kumpel Jürgen Peter, Vereinswirt von Arminia, gesehen. Dort, am traditionsreichen Bischofshol, trifft sich jede Woche das grün-weiße Hannover. Diesmal waren wir so zwei Dutzend. Ich habe die Meute vor dem Spiel gefragt, wer denn Dienstag nach Bremen käme. Alle Hände hoch. In der Halbzeit kam dann ein älterer Herr zu mir an den Tisch. „Ich melde mich ab für Bremen, ich bin hier der Uralt-Werderaner, aber entweder schaff ich Werder, oder Werder schafft mich.“

Im Moment Letzteres! Ich denke, den elf wohl situierten Herren, die Dienstag ab 18.30 Uhr die englische Alles-oder-nichts-Woche beginnen, ist ihr Auftrag klar. Mahlzeit!!!

Christian Stoll (59)

ist seit 1996 Stadionsprecher von Werder Bremen im Weserstadion. Im wöchentlichen Wechsel mit Thomas Eichin, Jörg Wontorra, Lou Richter und Klaus-Dieter Fischer schreibt Christian Stoll in unserer Zeitung, was ihm im Bundes­liga-Geschehen aufgefallen ist.

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