Werders Maskottchen Werdi Die tragische Geschichte der lustigen Möwe

Jüngere Werder-Fans kennen sie gar nicht mehr, doch die Möwe Werdi war mal eine große Nummer. Einst wollte Werder das Maskottchen mit Macht berühmt machen. Dann wurde der lustigen Möwe ganz plötzlich gekündigt.
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Die tragische Geschichte der lustigen Möwe
Von Christoph Bähr

Es war kurz vor Weihnachten, als Dany Rohe merkte, dass etwas nicht stimmte. Sie besuchte am Jahresende wieder einmal ihre Eltern in Bremen und schlenderte an einem Sportgeschäft im Steintorviertel vorbei. In der Vergangenheit hatte die fröhliche Möwe mit dem grün-weißen Käppi und den schwarzen Fußballschuhen sie beim Blick in dieses Schaufenster stets von mehreren Werder-Fanartikeln angelacht, doch jetzt war Werdi nirgends zu sehen. „Da habe ich mir schon gedacht, dass etwas passiert sein musste“, sagt Rohe. Und wie sie schnell herausfand, war tatsächlich etwas passiert: Werdi, das Werder-Maskottchen, hatte seinen Job verloren – gekündigt, einfach so. Andere Maskottchen machen regelmäßig durch Aussetzer von sich reden. Der Grotifant des KFC Uerdingen bepöbelte neulich etwa den Schiedsrichter. Werdi waren solche Eskapaden fremd, die Möwe war immer gut gelaunt, ließ sich nie etwas zu Schulden kommen, und trotzdem wurde sie Anfang des Jahrtausends gefeuert. Werdi sei von den Fans nie richtig angenommen worden, lautete die Begründung des Vereins. Dany Rohe blieb ein wenig traurig zurück. Die 49-Jährige hat ein ganz besonderes Verhältnis zu Werdi, sie hat die Möwe erschaffen.

Heutzutage ist Werdi nicht mehr als eine kuriose Randnotiz der Vereinsgeschichte, der gescheiterte Versuch, ein Werder-Maskottchen zu etablieren. Damals, Mitte der 90er-Jahre, war Werdi dagegen eine große Nummer, und Erfinderin Rohe war hautnah dabei. Es gab einen ganzen Katalog mit Fanartikeln rund um die Möwe, bei Heimspielen stand ein Mensch im Werdi-Kostüm am Spielfeldrand. Als Spielmacher Andreas Herzog im Sommer 1996 als großer Hoffnungsträger vom FC Bayern an die Weser zurückkehrte, posierte er bei seiner Vorstellung für die Fotografen – und zeigte dabei auf ein Bild von Werdi, das an der Wand prangte. Die Möwe war zu einem Symbol für den SV Werder geworden, fast so wie das Werder-W. „Das war eine schöne Zeit“, schwärmt Rohe.

Angefangen hatte alles 1994 mit einem Maskottchen-Wettbewerb von Werder und der Bremer Tageszeitungen AG. Rund 1000 Vorschläge gingen ein. Gleich mehrere davon kamen von Dany Rohe, die damals in Bremen Grafikdesign studierte. Die Möwe, die sie gezeichnet hatte, kam am besten an. Also arbeitete Rohe die Entwürfe weiter aus. Ein Seehund, ein Luchs und eben die Möwe kämpften in der letzten Runde darum, das neue Werder-Maskottchen zu werden. Es ging um viel Ruhm und Ehre. Die Entscheidung traf eine prominent besetzte Jury, zu der unter anderen Bürgermeister Klaus Wedemeier und Werder-Präsident Franz Böhmert gehörten. Und die Wahl fiel auf die noch namenlose Möwe. „Das Konzept mit dem Luchs hat uns auch sehr gut gefallen, aber bei einem Luchs fehlt eben der Bezug zu Bremen. Den hatte die Möwe“, erzählt Uwe Jahn, der als Vertreter des Dachverbands Bremer Fanklubs in der Jury saß.

Große Ziele mit der Möwe

Fans konnten anschließend Namensvorschläge für die Möwe einreichen und tauften das Maskottchen Werdi. Was folgte, war so ähnlich wie bei den heutigen Castingshows im Fernsehen. Der Gewinner des Wettbewerbs stand fest, und sofort sprang die Marketingmaschinerie an. Der Verein ließ ein Möwenkostüm anfertigen, und vor einem Heimspiel wurde Werdi den Fans fast wie ein Neuzugang für die Bundesliga-Mannschaft präsentiert. Auf dem Rasen des Weserstadions stand an diesem Tag auch Dany Rohe, der ein Scheck über 5000 D-Mark überreicht wurde, der Preis für den Sieg beim Maskottchen-Wettbewerb. Kurz vorher habe sie noch einen Vertrag unterschrieben und die Rechte an Werdi dem Verein abgetreten, erzählt Rohe. Werdi gehörte nun also Werder, und der Klub hatte Großes mit der Möwe vor. „Mit diesem Maskottchen wollen wir vor allem Kinder und Jugendliche ansprechen“, verkündete Manfred Blöhm, Werders Geschäftsführer für Marketing, im WESER-KURIER.

Beim Tag der Fans im Juli 1994 sprang eine fröhliche Möwe zwischen den Werder-Anhängern herum und machte ihre Späßchen. Später kam heraus: In dem Kostüm steckte Arie van Lent. Der aufstrebende Stürmer der Werder-Profis soll die Aufgabe hervorragend erledigt haben, bei den Bundesliga-Spielen übernahm den Job trotzdem jemand anderes: Dany Rohe. Die Erfinderin der Möwe schlüpfte selbst in das Werdi-Kostüm. Hartnäckig hält sich die Geschichte, nach der Werdi von den Anhängern in der Ostkurve ab und zu mit Bierbechern beworfen worden sei. Dany Rohe kann das nicht bestätigen. „Gerade die Kinder haben sich gefreut, mich in dem Kostüm zu sehen“, sagt sie. „Aber auch von den anderen Fans bin ich nie beworfen worden. Einmal hat mir sogar jemand Gummibärchen in Fischform geschenkt, weil eine Möwe ja am liebsten Fisch isst. Das fand ich total süß.“ Uwe Jahn dagegen erinnert sich schon daran, dass die Fans mit der lachenden Möwe nicht immer nur nett umgingen. Von Wurfgeschossen oder Beleidigungen hat er zwar nichts mitbekommen, „aber es gab schon mal Pfiffe, wobei nicht ganz klar war, ob die nicht auch der Mannschaft galten. In den Jahren 1997 und 1998 lief es ja sportlich nicht so gut.“

Fußballerisch war diese Zeit in der Tat eine Findungsphase, nachdem Erfolgstrainer Otto Rehhagel die Bremer 1995 in Richtung München verlassen hatte. Auf den Tribünen breitete sich derweil in Deutschland die Ultra-Bewegung aus, die auch Bremen erreichte. 1997 entstand die erste Bremer Ultra-Gruppierung „Eastside“. Die Kurve bezog zunehmend deutlicher Position gegen die Kommerzialisierung des Fußballs. Da hatte Werdi, das Maskottchen mit dem ausgeklügelten Marketingplan im Hintergrund, einen schweren Stand. „Natürlich stand Werdi auch für den modernen Fußball, den viele Fans ablehnten. Die Möwe war ja ein Produkt“, schildert Uwe Jahn.

Wie ein Castingstar

Doch nicht nur einige Ultras sahen Werdi kritisch. Als die Möwe kein Maskottchen mehr war, soll ein Werder-Verantwortlicher gesagt haben: „Das konnte ja nichts werden: ein Maskottchen, das dir auf den Kopf scheißt.“ Dany Rohe meint zu dieser Geschichte nur: „Es gab Leute im Verein, die Werdi nicht mochten.“ Die Anti-Werdi-Fraktion setzte sich schließlich durch. Wie ein Castingstar flog die Möwe kurzzeitig sehr hoch, wurde gefeiert und dann schnell vergessen. Werdis Ende war zugleich auch Werders Abschluss mit dem Thema Maskottchen. Vor der Möwe hatte bis in die 1980er-Jahre die Heidschnucke Pico, benannt nach Werder-Legende Pico Schütz, am Spielfeldrand gestanden. Nach Werdi hat der Klub bis heute nicht einmal mehr daran gedacht, wieder ein Maskottchen einzuführen. Während also beispielsweise die Dortmunder ihre rundliche Biene Emma, die Schalker ihren großnasigen Knappen Erwin und die Gladbacher ihr grinsendes Fohlen Jünter haben, gibt es an der Weser kein passendes Gegenstück. „Wenn man Werder-Fans nach einem Maskottchen fragt, sagen die nur: Sowas brauchen wir nicht“, schildert Uwe Jahn.

„Alles hat eben seine Zeit“, meint Werdi-Erfinderin Dany Rohe. „Und die Zeit mit Werdi hat Spaß gemacht.“ Die 49-Jährige lebt schon lange in Alling bei München. Selbst im tiefsten Bayern hat Rohe Werdi aber nicht vergessen. In ihrem Haus stehen Müslischalen, Fahnen und Becher mit dem Konterfei der Möwe. Auch diverse Comicstrips mit Werdi, die sie für das Werder-Magazin zeichnete, hat Rohe noch. Eine dieser Geschichten hängt an der Wand. Zu sehen sind Werdi und Otto Rehhagel. Die Möwe fragt die Trainerlegende, ob sie nicht einmal eingewechselt werden könne. Rehhagel gibt daraufhin zu bedenken, dass es wohl kein Trikot in der passenden Größe gebe. Rohe hat diesen Comicstrip vom Trainer signieren lassen.

Werdi kannte sie also alle, die Werder-Legenden genauso wie die Promifans. In einem anderen Comic ist die Möwe zum Beispiel mit Rudi Carrell zu sehen. Einige Jahre lang führte Werdi ein Leben voller Rock’n’Roll, trat im ausverkauften Weserstadion auf, schaffte es als Plüschtier in viele Kinderzimmer und war ein begehrtes Fotomotiv. Die Karriere des Maskottchens endete jedoch jäh, der Abstieg verlief rasant. Jüngere Fans kennen Werdi heute gar nicht mehr. Ältere Fans fragen Dany Rohe ab und zu mal nach der Möwe. Dann nimmt sie einen Stift und zeichnet Werdi aus dem Stehgreif auf ein Blatt Papier. „Das verlernt man nicht“, sagt sie. Die Werdi-Erfinderin seufzt. Ziemlich plötzlich sei der Tod der Möwe damals gekommen. „Woran sie gestorben ist, weiß ich bis heute nicht genau. Ich hoffe nur, dass es ihr gut geht im Maskottchenhimmel.“

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