Was Fußball-Statistiken wirklich aussagen

Die Zahl der Wahl

Intensive Läufe statt Kilometerzahl, „Expected Goals“ statt Torschüsse: Wer möglichst viel Mehrwert aus Fußball-Statistiken schöpfen will, darf nicht nur flüchtig hinschauen.
18.11.2018, 16:14
Lesedauer: 4 Min
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Von Cedric Voigt und Jannik Sorgatz

Bei Bundesliga-Spielen wird inzwischen jeder erdenkliche Wert erfasst. Der Fußball ist zu einer wahren Spielwiese für Statistikfreunde geworden. Doch was sind die Statistiken wirklich wert?

Ballbesitz

Ballbesitzstatistiken können bei der Frage nach Spielstilen durchaus Aussagekraft haben: Über kurze Intervalle sind sie ein guter Indikator, welche Mannschaft die aktivere ist. Über längere Zeiträume erlaubt der Ballbesitzdurchschnitt auch einen Rückschluss auf die spielerischen Vorlieben einer Mannschaft – zumindest dann, wenn Trainer und Spielphilosophie währenddessen gleich geblieben sind. Bei Werder lässt sich etwa erkennen, dass Florian Kohfeldt (53,8 Prozent Ballbesitz in dieser Saison) mit Werder einen größeren Fokus auf Ballbesitzfußball legt als etwa Robin Dutt (44 Prozent in der Saison 2013/2014) oder Viktor Skripnik (46,2 Prozent in der Saison 2015/2016).

Vorsicht ist geboten, von bloßen Ballbesitzwerten auf Spielverläufe zu schließen: Ein großer statistischer Vorsprung kann mit Überlegenheit einhergehen, er kann aber auch damit zusammenhängen, dass eine Mannschaft nach einem Rückstand die Initiative ergreifen muss, vom verteidigenden Team aber aus den gefährlichen Zonen ferngehalten werden kann. Hier hilft es, nachzuschauen, ob vor allem Torwart und Innenverteidiger die Ballaktionen unter sich ausmachen oder auch Offensivspieler stark eingebunden werden. Die entsprechenden Werte finden sich in der Mein-Werder-App unter „Formation“ beim Klick auf die Spieler.

Laufleistung

„Viel hilft viel“ ist im läuferischen Bereich nur ein Teil der Wahrheit. Tatsächlich ist diese etwas vielschichtiger. Einerseits gibt es natürlich positionelle Unterschiede: Innenverteidiger, Sechser und auch manche Stürmertypen halten oft über weite Strecken der Partie ihre Positionen. Sie haben von Haus aus nicht die Kilometerwerte vorzuweisen wie weiträumiger agierende zentrale Mittelfeldspieler. Auch Außenverteidiger, die über 90 Minuten die Seitenlinie rauf und runter marschieren müssen, laufen oft große Strecken. Außerdem lässt sich das Läuferische qualitativ weiter aufschlüsseln - hinter den „intensiven Läufen“ ist etwas mehr Dampf als hinter den üblichen Bewegungen auf dem Feld, und gerade im Bereich der angezogenen Sprints sind immer wieder auch antrittsstarke Offensivspieler gefragt. Daten zur Laufleistung stellt unter anderem bundesliga.de zur Verfügung - besonders Davy Klaassen und Maximilian Eggestein nehmen hier bislang ligaweit Spitzenpositionen ein.

Zweikampfquote

Das Stiefkind der Statistikfreunde. In Prozenten ausgedrückte Zweikampfbilanzen sind besonders verführerisch: Gerne weisen sie für Spieler plakative Werte wie 0 oder 100 Prozent gewonnener Zweikämpfe aus, ignorieren auf den ersten Blick aber die Anzahl der direkten Duelle. Zahlen wie die oberen sind bei 15 geführten Zweikämpfen deutlich bemerkenswerter als bei deren fünf. Aber selbst mit diesem zusätzlichen Kontext fällt es schwer, aus Zweikämpfen allein etwas abzuleiten: Der Sieg im direkten Duell bedeutet nicht zwingend einen Ballgewinn, wenn etwa der zweite Ball nach einem gewonnenen Kopfballduell vom Gegner erobert werden kann. Natürlich sind gewonnene Zweikämpfe besser als verlorene - die Werte bedürfen allerdings einer Einordnung.

Schüsse/Schüsse aufs Tor

Hier verbirgt sich eine typische Fehlerquelle beim flüchtigen Blick auf Statistiken: Oft wird die Mannschaft, die mehr Schüsse abgibt, für die gefährlichere gehalten. Dass die Frequenz allerdings wenig über die Qualität von Abschlüssen aussagt, wird dabei ignoriert. Aussagekräftiger ist da schon der Blick auf die Schüsse, die ihren Weg tatsächlich aufs Tor des Gegners gefunden haben: In der Regel stammen diese besser platzierten Bälle aus höherwertigen Chancen, auch, wenn sie womöglich nicht so spektakulär aussehen wie der Distanzschuss, der knapp am Kasten vorbeizischt. Die präziseste Annäherung an die tatsächliche Chancenqualität bilden bislang „Expected Goals“-Werte. Ein blinder Fleck, der statistisch bislang nicht erfasst wird: große Gelegenheiten, die nicht zum Abschluss kommen.

Expected Goals

1,51:3,11 gegen Leverkusen, 1,25:1,55 gegen Mainz, 1,47:2,89 gegen Gladbach – bei den „Expected Goals“ (xG) bekommen Fußball-Ergebnisse plötzlich zwei Nachkommastellen. Dieser auf den ersten Blick kryptische Statistik-Ansatz soll helfen, zuverlässiger die Frage zu beantworten, wer verdient ein Spiel gewonnen oder verloren hat. In ihrer Sendung „Match of the Day“ setzt die BBC schon länger auf „Expected Goals“, auch bei Sky wurden sie kürzlich vor dem Topspiel Dortmund gegen Bayern benutzt.

Die krummen Resultate setzen sich zusammen aus allen Torabschlüssen in einer Partie. So hatte Max Kruses Flugkopfball beim Stand von 1:3 gegen Gladbach eine Erfolgs-Wahrscheinlichkeit von 33 Prozent, entsprach also 0,33 „Expected Goals“ (Quelle: understat.com). Am besten lässt sich deren Funktionsweise anhand eines Elfmeters erklären. Statistisch gesehen, gehen 76 Prozent rein, macht 0,76 xG. Beim Blick auf Werders Werte bei den vergangenen drei Niederlagen fällt auf: Vorne war die Mannschaft im Schnitt sogar produktiver als in den ersten acht Spielen, sie hat dafür mehr als doppelt so viel zugelassen. So wurde aus einer der sichersten Defensiven der Liga binnen weniger Wochen eine der löchrigsten.

Werder lernt derzeit das statistische Phänomen der Regression zur Mitte kennen. An den ersten acht Spieltagen ist das Team punktemäßig zu gut weggekommen, langsam pendelt sich alles ein. Aber Vorsicht: In der Tabelle nach „Expected Points“ ist Werder sogar nur Elfter, knapp hinter dem nächsten Gegner, dem SC Freiburg. Runterbrechen lassen sich die Zahlen natürlich auch auf einzelne Spieler: Johannes Eggestein ist mit 0,65 xG pro 90 Minuten der produktivste Bremer. Um die Aussagekraft der Zahl zu steigern, fehlen ihm allerdings ein paar Minuten. Claudio Pizarro reicht fast an Eggestein heran und hat dreimal so lange auf dem Platz gestanden. Dass Johannes‘ Bruder Maximilian schon vier Tore erzielt hat, war im wörtlichen Sinne der „Expected Goals“ nicht zu erwarten. Alle seine Abschlüsse kommen auf gerade einmal 0,86 xG. Auch das lehren die „Expected Goals“ einem Fußball-Fan: Wie groß eine Chance wirklich war, wird tendenziell überschätzt.

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