Weshalb Werder sich strukturell neu aufstellt

Die Zeit nach Kohfeldt und Baumann

Frank Baumann hat seinen Abschied terminiert, auch Florian Kohfeldt wird den Klub auf Sicht verlassen. Werder bereitet sich schon jetzt auf die Zeit danach vor – die Vergangenheit zeigt, wie schwer das ist.
19.10.2019, 08:22
Lesedauer: 5 Min
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Die Zeit nach Kohfeldt und Baumann
Von Christoph Sonnenberg
Die Zeit nach Kohfeldt und Baumann

Rund um Werder wird die Frage diskutiert, wann sich die Wege von Florian Kohfeldt (links) und Frank Baumann trennen.

nordphoto

Dass alles irgendwann ein Ende hat, das wissen sie bei Werder ganz genau. Zweimal haben sie das erlebt. 1995, als die Ära Otto Rehhagel endete, und 2013, als Thomas Schaaf abtrat. Werder rutschte in der Folge in eine turbulente Phase, die mehrere Jahre andauerte. Die Neuorientierung dauerte und war schmerzhaft. Der gewohnte Erfolg blieb plötzlich aus, Gewohntes und Erprobtes galten nicht mehr. Und es gelang für Jahre nicht, einen Weg zurück an die Spitze zu finden.

Auf Rehhagel folgte irgendwann Schaaf, der Werder wieder erfolgreich machte. Jetzt, viele Jahre nach Schaaf, scheint mit Florian Kohfeldt und Frank Baumann wieder eine Kombination zu funktionieren, die Erfolg verspricht. Vielleicht keine Meisterschaft oder einen Europapokal, aber eventuell einen Pokalsieg oder die Teilnahme am Europapokal. Eine fußballerische Identität hat Werder schon wieder. Es macht Spaß, der Mannschaft zuzuschauen. Es braucht keine grün-weiße Brille mehr für das Gefühl, in Bremen könnte mal wieder was gehen.

Baumann angekündigter Abschied

Und dann sickerte vor ein paar Tagen die Nachricht durch, dass Baumann mit seinem 50. Geburtstag eine Auszeit nimmt. In spätestens sechs Jahren wird es den Sportchef Baumann bei Werder nicht geben. Kurz davor kochte im Anschluss an Werders 2:2 in Dortmund erneut das Gerücht auf, der BVB wolle Florian Kohfeldt möglichst zeitnah als Nachfolger Lucien Favre holen.

Kohfeldt stellte öffentlich klar, dass er Werder jetzt nicht verlassen will und werde. Was vor allem als Zeichen an seine Mannschaft zu verstehen war, um jeglich Unruhe zu verhindern. Es ist aber kein Geheimnis, dass Dortmund Bremens Trainer schon lang umwirbt. Dass sie versucht haben, sich ein vertragliches Zugriffsrecht zu sichern, falls Kohfeldt wechseln sollte. Das wird noch dauern, aber vermutlich nicht länger als zwei oder drei Jahre.

Und was kommt dann?

Es wird bei Werder wieder eine Phase zu Ende gehen, das zeichnet sich schon jetzt ab. Auch wenn es noch dauern mag, stellt sich die Frage, ob und wie sich der Klub gerade durch den langen Vorlauf darauf vorbereiten kann, um nicht wieder ins Taumeln zu geraten.

Wie ein Neubeginn aussehen kann, da gibt es verschiedene Ansätze. Thomas Eichin, der 2013 den Job des Sportchefs übernahm und bald darauf das Erbe Schaafs zu regeln hatte, wählte damals bewusst einen Gegenentwurf zum alten Trainer: Robin Dutt. „Ein völlig anderer Trainer-Typ“, sagt Eichin. Kommunikativ, unverbraucht. Auch sonst wählte der neue Manager ohne Werder-Vergangenheit einen neuen Weg. „Wir mussten etwas anders machen, um verkrustete Strukturen aufzubrechen. Davon waren nicht alle begeistert.“

Mehr Macht durch Erfolg

Werder war durch 14 Jahre Thomas Schaaf auf vielen Ebenen vom Trainer geprägt, von seinen Vorstellungen, seinen Entscheidungen. Aber der sportliche Erfolg war weg und damit die Einnahmen aus der Champions League, die gebraucht wurden, um den immer noch teuren Kader zu finanzieren. Plötzlich ging es ums Überleben. „Wir haben nicht in großen Zeitabständen von fünf Jahren gedacht, sondern immer nur an die jeweilige Saison“, sagt Eichin. „Es war nicht absehbar, wie lange das gut geht.“

Wer lange im Amt ist, hat das in der Regel seinen Erfolgen zu verdanken. So war es bei Schaaf mit einer Meisterschaft, zwei Pokalsiegen und vielen Jahren in der Champions League. Und so war es bei Rehhagel, auch „König Otto“ genannt. Rehhagel konnte königlich schalten und walten, ganz wie er wollte. Es gab kein Regulativ, niemanden, der seine Entscheidungen infrage stellte. „Es ergibt sich durch den Erfolg, dass der Einfluss und die Macht eines Trainers steigen“, sagt Willi Lemke, damals Manager an Rehhagels Seite.

Frühzeitig die Nachfolge regeln

Je mehr Macht, desto größer das Vakuum, das bei einem Abgang entsteht. Plötzlich fehlt die Person, die lange Zeit fast alles bestimmt hat, an der sich alle orientiert haben. Das lässt sich kaum vermeiden, sagt Klaus Allofs, 13 Jahre Werders Manager. „Wenn eine Persönlichkeit einen Klub verlässt, die die Philosophie des Klubs stark geprägt, ihm einen Stempel aufgedrückt hat, wird es eine Phase geben, in der sich der Klub neu orientieren muss.“

Und doch gibt es Maßnahmen, die Werder ergreifen kann. In Teilen können sie sich in Bremen darauf vorbereiten, dass wichtige Personen den Klub verlassen. „Man muss Leute im Umfeld frühzeitig an Aufgaben heranführen. Frank Baumann ist das beste Beispiel dafür“, sagt Allofs. Noch zu seiner Zeit als Manager habe Baumann als sein Assistent begonnen, sich einzuarbeiten. In vielen Bereichen des Klubs hat Baumann mit der Zeit hospitiert und sich fortgebildet. Auch wenn zunächst nicht absehbar war, in welchem Job er letzten Endes bei Werder landen würde.

Ähnlich ist es nun mit Clemens Fritz, der ein 18-monatiges Trainee-Programm durchlaufen hat. Ihn sehen viele als Baumanns Nachfolger. Für Allofs ist das allerdings zu weit gegriffen, sich schon jetzt fest zu legen. „Man kann seinen Nachfolger nicht fünf Jahre konservieren.“ Richtig sei es allerdings, „frühzeitig mit der Suche zu beginnen. Idealerweise gibt es dann nicht nur eine, sondern mehrere Personen zur Auswahl.“

Werder hat sich neu aufgestellt

Bei Werder beschäftigen sie sich schon lange und intensiv mit der Frage, wie sich der Klub von den handelnden Personen möglichst unabhängig machen kann. Indem in anderen Bereichen möglichst wenig Fehler gemacht werden, lautet das Fazit. Die anderen Bereiche, das sind Infrastruktur, die medizinische Abteilung, aber auch das Leistungszentrum oder die scharfe Aufteilung der Geschäftsbereiche. Hier muss ein Verein sehr gut aufgestellt sein, das ist die Basis für Erfolg. Und in all diesen Bereichen hat sich in den letzten zwei Jahren angeschoben von Kohfeldt und Baumann sehr viel getan. Man könnte sagen, dass das neue Werder nur wenig mit dem alten zu tun hat.

Es sind viele neue Räumlichkeiten im Weserstadion entstanden oder sie wurden umgebaut. Besprechungs- und Analyse-Räume wurden mit neuster Technik ausgestattet. Selbst die Anordnung der Räume wurde bedacht, um möglichst kurze und effektive Wege zu schaffen. Werder hat sich dafür beim FC Arsenal umgeschaut und einiges abgeschaut.

Dortmunds Klopp-Problem

Im Vergleich zu vielen anderen Klubs in der Bundesliga ist Werder strukturell jetzt sehr gut aufgestellt. Und es sollen weitere Verbesserungen folgen, als nächstes sind die Trainingsplätze dran. In allen Bereichen beste Arbeitsbedingungen zu bieten, ist ein wichtiger Teil, um erfolgreich arbeiten zu können. Da ist es am Ende egal, wie Trainer oder Sportchef heißen. Viele Personen können ihren Weg finden in den jetzt vorhandenen Strukturen, so der Plan.

Das ist natürlich nur eine Theorie. Am Ende, so wird es immer sein, hängt eben doch sehr viel an den handelnden Personen. Und da gibt es Konstellationen die funktionieren, und es gibt welche, die tun es nicht. „Dortmund ist ein gutes Beispiel“, sagt Klaus Allofs. Auch mit viel Geld, guten Spielern und besten Bedingungen ist Dortmund nicht dort, wo der Verein mit Jürgen Klopp war. „Der BVB leidet bis heute unter dem Abschied Klopps.“ Es fehlt etwas. In Bremen, mit Florian Kohlfeldt, glauben die Dortmunder das zu finden, was ihnen fehlt. Jeder Werder-Fan kann das gut verstehen.

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