Dardai gegen Kohfeldt

Die Zukunftstrainer

In Berlin und Bremen versuchen Pal Dardai und Florian Kohfeldt, zwei Traditionsvereine in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Was eint die Trainer, was unterscheidet sie? Ein Vergleich.
14.02.2019, 07:15
Lesedauer: 4 Min
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Von Cedric Voigt

Der eine hatte während seiner Zeit als Spieler das Image des „harten Hundes“, der keinem Zweikampf aus dem Weg ging und seine Mannschaft anführte, der andere gilt als taktisch versierter Fußball-Fanatiker, der 2015 seine Trainer-Ausbildung an der Hennes-Weisweiler-Akademie als Jahrgangsbester abschloss: Pal Dardai und Florian Kohfeldt, die am Sonnabend (18.30 Uhr) mit Hertha BSC und dem SV Werder Bremen aufeinandertreffen, ließen sich leicht in Schubladen stecken – hätten sie nicht in der Vergangenheit immer wieder ihren Facettenreichtum bewiesen.

Bleibt die Frage: Worin unterscheiden sich die beiden Trainer, die die Aufgabe eint, einen traditionsreichen Bundesliga-Verein aus dem Mittelfeld zurück an die Spitze zu führen, wirklich? Mein Werder hat die Coaches der Tabellennachbarn aus Berlin und Bremen miteinander verglichen.

Der Werdegang

1997 zog es Dardai von Budapest nach Berlin, bis 2011 lief der einstige Mittelfeld-Abräumer insgesamt 297 Mal für die Hertha auf. Damit ist der 42-Jährige bis heute der Rekordspieler der „Alten Dame“, übernahm das Traineramt von Jos Luhukay im Februar 2015. Florian Kohfeldt spielte in Werders Nachwuchsmannschaften als Torhüter, der Sprung in den Profi-Fußball gelang ihm als Spieler aber nie. Um die eigene Perspektive um die eines ehemaligen Bundesliga-Fußballers zu ergänzen, beorderte Kohfeldt, mit 36 Jahren jünger als etwa Claudio Pizarro, neben Thomas Horsch auch den früheren Werder-Profi und Nationalspieler Tim Borowski in sein Trainerteam, als er Werders Profis im Oktober 2017 von Alexander Nouri übernahm.

Gemeinsam hat Kohfeldt mit Dardai, dass beide vor ihrem Engagement in der Bundesliga diverse Jugendmannschaften ihrer jeweiligen Klubs trainierten und dort erste Erfahrungen sammelten. Dardai, der einer ungarischen Fußballerfamilie entstammt und dessen Sohn Palko zu Herthas Profikader gehört, darf sich allerdings eine weitere, ganz besondere Trainer-Station in seinen Lebenslauf schreiben: Zwischen dem September 2014 und Juli 2015 war Dardai für das Nationalteam seines Heimatlandes Ungarn verantwortlich.

Die Bilanz

Vier Remis, drei Niederlagen: Für Dardai gab es nach den Spielen gegen Werder bislang wenig Grund zur Freude. Die Bremer sind der einzige Bundesligist, gegen den dem Ungarn noch kein Erfolg als Coach gelang. In der Hinrunde gewann Werder mit 3:1 im Weserstadion – ein hochverdienter Sieg. Auch, was den Punkteschnitt angeht, ist Kohfeldt seinem Gegenüber leicht überlegen: Werders Chefcoach fährt hochgerechnet 1,61 Punkte pro Spiel ein, Dardai kommt auf immer noch respektable 1,42. Ein Kuriosum, das Werder Mut machen könnte: In drei Versuchen holte Dardai in einer Rückrunde nie mehr als 19 Punkte. Kohfeldt hat erst einen Liga-Endspurt hinter sich – sammelte während der zweiten Hälfte der Saison 2017/2018 allerdings starke 29 Zähler.

Die Nachwuchsförderung

Beide, Dardai wie Kohfeldt, verstehen sich als Förderer der Jugend. Für Mannschaften im oberen Mittelfeld der Tabelle ist es letztlich auch eine Notwendigkeit, auf den Nachwuchs zu setzen: Die großen Stars sind nicht finanzierbar, die Ausbildung eigener Talente ungemein wichtig. „Die Maxi Eggesteins sollen zur Regel werden“, drückte Kohfeldt es in Anlehnung an das Paradebeispiel der eigenen Nachwuchsförderung vor der Saison aus – und ließ den Worten Taten folgen: Gerade im Angriff kommen Rohdiamenten wie Milot Rashica, Johannes Eggestein und Josh Sargent, 22, 20 und 18 Jahre alt, regelmäßig zum Einsatz und zeigen Leistung.

Angeleitet werden die „jungen Wilden“ bei Werder von Routiniers wie Kapitän Max Kruse (30), Abwehr-Organisator Niklas Moisander (33) oder Sturm-Legende Pizarro (40). Dass Kohfeldt die individuelle Arbeit nicht nur als Chance versteht, Spieler am Anfang ihrer Laufbahn zu verbessern, beweisen auch Ü30-Akteure wie Theodor Gebre Selassie oder Sebastian Langkamp, die ihr Spiel im Herbst ihrer Karriere noch einmal weiterentwickelten.

In Berlin findet sich ein ganz ähnliches, vielleicht noch radikaleres Bild vor: Vom Kader, dem zweitjüngsten der Liga, vorgegeben, haben zahlreiche Spieler Anfang 20 eine wichtige Rolle im Team von Pal Dardai inne. Den Eigengewächsen Arne Maier (20) und Jordan Torunarigha (21) gehört die Zukunft und zum Teil bereits die Gegenwart, externe Talente wie Liverpool-Leihgabe Marko Grujic (22) und der bei RB Salzburg ausgebildete Valentino Lazaro (22), den Dardai vom Rechtsaußen zum rechten Verteidiger umschulte, sind schon heute Leistungsträger.

Vor der Saison tauschten die Herthaner ihren unbeliebten Slogan „We try. we fail. we win“ - wir versuchen es, scheitern (zunächst), wir gewinnen – gegen die Ansage „Die Zukunft gehört Berlin“. Dardai, der wohl Sportlehrer geworden wäre, wenn es den Fußball nicht gegeben hätte, soll diese Zukunft Gegenwart werden lassen. Dafür baut er nicht nur auf erfahrene Säulen zwischen den Jungspunden – Vedad Ibisevic (34), Rune Jarstein (34) und Salomon Kalou (33) geben ihre Erfahrungen weiter – sondern auch auf Nahbarkeit, Kontakt zu den Spielern der Nachwuchsmannschaften und frühe Chancen für Talente im Profitraining. „Das ist ein bisschen wie bei Ajax Amsterdam“, beschrieb Dardai das Berliner Modell im „DFL-Magazin“.

Die Spielidee

Über Jahre – auch in den ersten zwei vollen Saisons unter Dardai – stand die Hertha für einen vielfach als langsam und behäbig verschrienen Fußball, der zwischen viel gemächlicher Ballzirkulation zwischen Sechsern und Innenverteidigern und klassischem Konterfußball pendelte. In dieser Saison ist der Pragmatiker Dardai, der die Spielweise seiner Mannschaft stark auf die Fähigkeiten seiner Spieler zuzuschneiden versucht, vielseitiger geworden. Hertha-Spiele machen mittlerweile auch dem neutralen Zuschauer Spaß, wenngleich die Grundprinzipien sich weiter ähneln.

Egal, ob mit der Dreierkette und zwei Spitzen oder klassisch in der 4-2-3-1-Grundordnung: Noch immer ist es nicht das Spiel der Hertha, den Gegner im Ballbesitz zu dominieren. In 21 Saisonspielen war die Hertha in dieser Statistik ihrem Gegner nur fünfmal voraus. Kohfeldts Bremer sind quasi das exakte Gegenstück dazu: Die Grün-Weißen hatten in 16 Spielen mehr Ballbesitz als der Gegner. Werder versucht am liebsten, den Gegner aus dem Positionsspiel heraus zu knacken. Dafür erhielt Kohfeldt im Sommer gleich mehrere Wunschspieler, etwa Davy Klaassen oder Yuya Osako. Auch die vorhandenen Spieler mussten sich taktisch angesichts der anspruchsvollen Spielweise entwickeln.

Dass er an diesem Ideal nicht dogmatisch festhält, bewies Kohfeldt zuletzt beim 4:0-Sieg über den FC Augsburg, als er bewusst auf hohes Pressing und schnelle Konter setzte. Werder hat also inzwischen mehr als einen Stil im Repertoire – und in Sachen Grundordnungen nicht nur die Stamm-Formation im 4-3-3 auf Lager, sondern auch eine Raute sowie verschiedene Variationen der Dreierkette.

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