Dieter Eilts über Werders Saisonstart

Mit einfachem Fußball zum Erfolg

Werder ist noch weit entfernt von dem Fußball, den Trainer Florian Kohfeldt gerne spielen würde, analysiert Experte Dieter Eilts. Erst einmal muss die Mannschaft mit einfachen Mitteln möglichst viel erreichen.
07.10.2020, 10:45
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Dieter Eilts
Mit einfachem Fußball zum Erfolg

Zwei junge Spieler, die laut Dieter Eilts jetzt ihre Chance nutzen müssen: Manuel Mbom und Tahith Chong.

nordphoto

Zwei Werder-Siege in Folge – da musste ich kurz überlegen, wann es so etwas zuletzt gegeben hat. Es war am dritten und vierten Spieltag der vergangenen Saison gegen Augsburg und Union Berlin. Nach dieser langen Zeit sind solche Erfolgserlebnisse enorm wichtig für die Köpfe der Spieler. Sie haben neues Selbstvertrauen getankt und können nun in der Länderspielpause in Ruhe arbeiten. Mit den sechs Punkten aus drei Spielen hat Werder zum Saisonstart ein deutliches Zeichen gesetzt. Nach der Auftaktniederlage gegen Hertha hat die Mannschaft die richtige Reaktion gezeigt.

Überbewerten darf man die Punkteausbeute allerdings nicht. Schalke und Bielefeld sind keine Topmannschaften. Außerdem hatte Werder in beiden Spielen schwache Phasen, in denen die Partien fast gekippt wären. Gegen andere Gegner wird eine Leistung wie gegen Bielefeld womöglich nicht ausreichen, um zu gewinnen. Das dürfte auch Florian Kohfeldt klar sein, und der Trainer wird das gegenüber seiner Mannschaft deutlich ansprechen.

Leistungsabfall nach der Pause

Auffällig war, dass Werders Leistungsabfall in beiden Spielen nach der Pause einsetzte. Da fehlten plötzlich die Aggressivität und der Mut in den Offensivaktionen. Die Mannschaft wirkte sehr passiv. Ich kann mir das nur so erklären, dass bei den Spielern plötzlich Gedanken an die vergangene Saison hochkamen, als sie mehrmals mögliche Punktgewinne in der zweiten Halbzeit verspielten. Wichtig war aber dieses Mal, dass sie ihren Vorsprung sowohl gegen Schalke als auch gegen Bielefeld trotz aller Probleme über die Runden gebracht haben. Das gibt Sicherheit.

Ich bin überzeugt davon, dass die Mannschaft besser spielen kann als in den ersten Spielen, aber sie ist noch nicht gefestigt genug. Werder hat eine sehr bescheidene Saison hinter sich. Das scheint noch in den Köpfen der Spieler zu stecken. Jeder sollte jetzt die positiven Dinge aus den ersten Partien mitnehmen, um in den kommenden Wochen weiterhin mit konzentriertem, einfachem Fußball zum Erfolg zu kommen. Es ist Geduld gefragt, die fußballerische Komponente muss sich wieder entwickeln. Werder spielt noch nicht den Fußball, den Florian Kohfeldt gerne sehen würde, und es ist noch ein weiter Weg bis dahin.

Kein Herzog oder Micoud in Sicht

Gegen Schalke und Bielefeld hatte Werder jeweils deutlich weniger Ballbesitz als der Gegner, dabei will die Mannschaft eigentlich dominant auftreten. Dass das nicht funktioniert, liegt auch daran, dass es in der aktuellen Werder-Elf keine spielbestimmende Persönlichkeit gibt. Ich meine damit jemanden, den man in kritischen Phasen immer anspielen kann, wenn man nicht weiß, wohin mit dem Ball. Johan Micoud oder Diego waren solche Spieler. Zu meiner aktiven Zeit war es Andreas Herzog, der mit dem Ball immer Lösungen gefunden hat.

Heute muss Werder ohne solche Ausnahmekönner auskommen. Dafür gibt es andere Personalien, die Hoffnung machen. Jiri Pavlenka hat gegen Bielefeld mit großartigen Paraden die drei Punkte festgehalten. Mit Manuel Mbom hat sich endlich mal wieder ein Talent aus Werders Leistungszentrum in die Profi-Mannschaft hineingespielt. Ich hoffe, dass er zu einem unverzichtbaren Bestandteil wird. Für Werder wäre es wünschenswert, wenn noch weitere junge Spieler wie Tahith Chong oder Romano Schmid seinem Beispiel folgen würden. Die abgelaufene Transferperiode mit dem Abgang von Davy Klaassen und der Ausleihe von Johannes Eggestein hat ihre Chancen auf Einsatzzeiten erhöht. Die Mannschaft muss in ihren Leistungen jetzt konstanter werden und mehr als 45 ordentliche Minuten bieten. Ab dem achten Spieltag kommen die richtig schweren Gegner. Bis dahin sollte Werder genügend Punkte und Selbstvertrauen gesammelt haben, um ohne den ganz großen Druck der Abstiegsangst in diese Spiele gehen zu können.

Info

Zur Person

Dieter Eilts (55) schreibt als Kolumnist für den WESER-KURIER. Der Ehrenspielführer der Bremer, Europameister von 1996 und ehemalige U21-Nationaltrainer schaut bei Werders Spielen genau hin, analysiert die Leistungen der Mannschaft und die Entwicklungen im Verein.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+