WK-Experte Dieter Eilts im Interview

„Es fehlt ein Mentor"

Früher gab Dieter Eilts bei Werder einen ebenso kompromisslosen wie erfolgreichen Sechser. Mittlerweile haben die Bremer auf dieser Position so ihre Problemchen, für Eilts wird zu viel gelernt als geleitet.
16.10.2020, 09:54
Lesedauer: 3 Min
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„Es fehlt ein Mentor
Von Christoph Sonnenberg
„Es fehlt ein Mentor"

Werders Ehrenspielführer und WK-Experte Dieter Eilts.

WESER-KURIER
Herr Eilts, nach den Abgängen von Kevin Vogt, Philipp Bargfrede und Nuri Sahin hat Werder keinen Spieler für die zentrale defensive Position im Mittelfeld geholt. Ein strategischer Fehler?

Fehler hin, Fehler her, es ist eine Frage der finanziellen Möglichkeiten, der Machbarkeit. Marko Grujic war offenbar zu teuer und ihm fehlte bei Werder die Perspektive. Mag sein, dass es noch andere Optionen gab, die sich zerschlagen haben. Mit Patrick Erras hat Werder einen Spieler geholt, der diese Position kennt. Alle anderen, die eingeplant sind, können auf der Sechs spielen, aber es ist nicht ihre angestammte Position.

Maximilian Eggestein soll sie nun einnehmen. Kann er das?

Er kann das, das haben wir ja auch schon gesehen. Aber es ist ein anderes Spiel für ihn. Läufe in die Tiefe kann er nicht mehr so häufig machen. Und das ist ja eine Stärke seines Spiels, selbst in den Strafraum zu gehen. Und das hat ihn hervorgehoben von den anderen. Wenn ich Maxi spielen sehe, habe ich das Gefühl, dass er sich auf einer offensiveren Position im Mittelfeld wohler fühlt.

Welche Fähigkeiten hat Eggestein?

Das sind einige. Er ist ball- und passsicher, laufstark, hat ein ordentliches Zweikampfverhalten und kann ein Spiel lesen. Die Frage ist, ob er dort dauerhaft funktioniert. Zu meiner Zeit hatte ich Mirko Votava neben mir, der permanent mit mir gesprochen und mich geführt hat. Philipp Bargfrede hatte Torsten Frings neben sich, der auf ihn aufgepasst hat. Jetzt gibt es dort keinen mehr, der diese Rolle des Mentors übernehmen könnte.

Sie selbst haben auf der sogenannten Sechs jahrelang auf Weltklasseniveau gespielt. Was braucht es dafür?

Neben den eben genannten Fähigkeiten ist Präsenz wichtig, was auch bedeutet, die Mitspieler zu dirigieren, an den richtigen Platz zu stellen. Diese Position ist das Bindeglied zwischen Defensive und Offensive. Wer dort spielt, ist für die richtige Balance einer Mannschaft zuständig.

Haben sich die Anforderungen verändert, seitdem Sie nicht mehr spielen?

Die Aufgabe ist komplexer geworden. Zu meiner Zeit gab es mitunter noch die Anweisung, bloß nicht über die Mittellinie zu gehen. Heutzutage müssen Sechser auch in der Offensive präsent sein. Es wird sehr viel verlangt.

Warum wird die Wertigkeit dieser Position trotzdem so oft unterschätzt?

Gute Frage. Eine Erklärung hierfür würde mich auch interessieren, ich kenne sie nämlich nicht. Vielleicht weil Spieler auf dieser Position selten Spiele entscheiden, weniger spektakuläre Szenen haben. Dabei wird oft übersehen, wie häufig sie Passwege zustellen, Bälle abfangen, Zweikämpfe gewinnen, die anschließend nach einigen Stationen zum Tor führen.

War das für Sie während Ihrer Karriere frustrierend?

Überhaupt nichts. Ich habe mich pudelwohl gefühlt, der Mannschaft mit meinen Fähigkeiten zu helfen. Man hat dort sehr viele Ballkontakte. Wie viele das sind, wird häufig unterschätzt. Ich würde den Sechser heute schon fast als zweiten Spielmacher bezeichnen, da viele Mannschaften den Spielaufbau über den defensiven Mittelfeldspieler gestalten.

Neben Eggestein stehen auf der Sechs noch Erras, Manuel Mbom und Kevin Möhwald zur Verfügung. Vielleicht auch noch Christian Groß. Sind das qualitativ und quantitativ ausreichende Alternativen?

Bei allen genannten Spielern glaube ich nicht, dass sie sofort auf allerhöchstem Niveau diese Position ausfüllen könnten. Florian Kohfeldt hat selbst gesagt, dass er es Erras noch nicht zutraut. Mbom sieht er stärker, wenn er das Spielfeld vor sich hat, also auf der Position des rechten Verteidigers, auch wenn er jetzt seine ersten Einsätze im Mittelfeld hatte. Im zentralen Mittelfeld muss man versuchen, permanent die kompletten 360 Grad des Spielfelds im Blick zu haben, da scheint Mbom laut der Scouting-Abteilung noch Probleme zu haben. Und Möhwald kommt eigentlich, wie Eggestein auch, aus einer offensiveren Rolle. Alle Spieler sind auf dieser Position noch im Lernprozess und ich bin gespannt, wie schnell die Spieler die notwendige Leistung auf der Position dauerhaft zeigen.

Grujic war bereits vergangenen Sommer Wunschkandidat, in diesem erneut. Wäre er eine Verstärkung gewesen?

Das hätte gepasst. Er bringt vieles mit und hat die Leistung bei Hertha schon regelmäßig auf Bundesliganiveau gebracht. Er hätte der Mannschaft weiterhelfen können.

Gibt es in der Bundesliga einen Spieler, der für Sie auf dieser Position herausragt?

Joshua Kimmich. Obwohl er ganz viele Positionen spielen kann, in der Innen- wie Außenverteidigung, auf der Sechs. Er traut sich, in die Tiefe zu gehen, um selbst zum Torabschluss zu kommen. Wie das Siegtor gegen Dortmund im Supercup gezeigt hat. Kimmich macht das in meinen Augen überragend.

Das Gespräch führte Christoph Sonnenberg.

Info

Zur Person

Dieter Eilts (55)

ist Werders Ehrenspielführer und Kolumnist des ­WESER-KURIER. Eilts stand von 1988 bis 2002 in 516 Spielen für Werder auf dem Platz. Er spielte 31 Mal für Deutschland und wurde 1996 Europameister.

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