Der BVB in der Analyse

Dortmunds neue Wucht

Dortmunds Winter-Zugänge Erling Haaland und Emre Can sind erst seit ein paar Wochen da und zeigen doch schon auf, in welche Richtung sich der BVB entwickeln könnte. Für Werder wird es brandgefährlich.
22.02.2020, 09:14
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Rommel
Dortmunds neue Wucht
dpa

Es gab so viele stilprägende Szenen in Dortmunds Champions-League-Vergleich mit Paris Saint-Germain - man weiß gar nicht so genau, wo man am besten anfangen sollte. Vielleicht mir Erling Haalands Raserei Mitte der ersten Halbzeit, als der 60 Meter in deutlich unter sieben Sekunden zurücklegte und bei einem Konter förmlich nur so durchs Mittelfeld des Platzes pflügte?

Bei Haalands erstem Treffer vielleicht, mit dieser kurzen Reaktionszeit, dem absolut perfekten Timing zum Ball und der Körperbeherrschung, aus der Drehung sofort Orientierung und Körperspannung zu erlangen? Oder bei seinem zweiten Tor, den kurzen, explosiven Trippelschritten und dieser Rakete von einem Torschuss? Oder doch lieber Emre Can, wie er Neymar nach wenigen Minuten im Mittelfeld erstmals Hallo sagt, sein hartes Foul auch noch mit dem Schiedsrichter verhandeln will und dann Neymar am Boden liegend noch ein paar Takte zuflüstert?

Die Winterpause perfekt genutzt

Es soll ja Zeiten gegeben haben, da hatte der BVB eine Mentalitätsdebatte an sich kleben. Da gab es eine brave Mannschaft, die beim kleinsten Widerstand anfing zu zweifeln und nicht selten in sich zusammenbrach. Etliche sicher geglaubte Punkte verspielte Dortmund deshalb oder wie zuletzt gegen Werder die Aussicht auf das Pokalfinale in Berlin. Wenn es in der Winterpause aber einen Klub gegeben haben sollte, der seine offenkundigen Problemstellen aufgearbeitet und mit Transfers kaschiert hat, dann dürfte dies wohl der BVB sein. Die Umgestaltung des Kaders ist den Verantwortlichen offenbar in einem besonders eindrucksvollen Maße geglückt - was die Aussicht auf einen oder sogar drei Punkte für Werder am Wochenende auf ein sehr überschaubares Maß reduzieren dürfte.

Borussia Dortmund hat sich in Erling Haaland und Emre Can - in Anbetracht sonst üblicher Marktpreise - zwei echter Schnapper auf den Hof gestellt, die schon in den ersten Wochen einen sehr großen Einfluss auf die Statik des Dortmunder Spiels haben. Gegen PSG und davor gegen Eintracht Frankfurt brauste der BVB jedenfalls über seine Gegner hinweg, gerade das Spiel gegen Frankreichs Dominator war ein Paradebeispiel einer „erwachsenen“ Mannschaftsleistung und einer neu gefunden Körperlichkeit.

Mehr Körperlichkeit im Zentrum

Diese Dortmunder Zweikampfhärte und Widerstandsfähigkeit sei ein Schlüssel des Spiels gewesen, musste Paris‘ Trainer Thomas Tuchel feststellen. Und sie wird Werder im Ligaspiel am Samstag vor ganz andere Herausforderungen stellen, als dies noch beim Überraschungssieg im Pokal der Fall war. Da ließ Lucien Favre seinen einzigen echten Mittelstürmer Haaland 45 Minuten lang auf der Bank, Can stieß erst wenige Stunden zuvor zur Mannschaft und sollte eher pro forma im Kader stehen. Dass er dann in der hitzigen Schlussphase doch noch ein paar Minuten Spielzeit bekam, war eigentlich gar nicht geplant. Jedenfalls begann Favre vor knapp drei Wochen ohne seine beiden Zugänge und wurde von Werder kalt erwischt.

Can im zentralen Mittelfeld ist die noch etwas schärfere Version des auch nicht eben als Jammerlappen verschrienen Axel Witsel. Und natürlich nochmal eine Spur härter als der feinfüßige Mo Dahoud. Julian Weigl, der eher über seine Antizipationsgabe kam, ist nicht mehr da. Aber Can ist deshalb auch keine Abrissbirne oder ein Staubsauger, sondern ein technisch sauberer, fußballerisch begabter Spieler, der von Strafraum zu Strafraum rennt und sich für alles und jeden zuständig fühlt. Can strafft nicht nur sich, sondern zwangsläufig auch die Mitspieler um ihn herum und das ist keine besonders gute Aussicht für Werder, das sich beim 3:2-Sieg neulich noch einen gewissen Überraschungseffekt zunutze machen konnte.

Cans Einfluss auf die Mannschaft ist in Zahlen bisher nicht zu fassen, er wird nur in der tiefergehenden Analyse und selbst dann nicht in einer harten Währung messbar. Für Jedermann sichtbar spielt und schießt sich aber Haaland schon in seinen ersten Wochen in Dortmund durch die Wettbewerbe. In 440 Einsatzminuten kommt Haaland auf sagenhafte elf Tore, also grob gesagt ein Tor pro Halbzeit.

Haaland erscheint fast perfekt

Die Gier nach Erfolg strömt aus allen Poren. Das zeigt sich im eigenen Torabschluss, aber auch in vielen kleineren Dingen: Die Freude für die Kollegen, wenn Aktionen gelingen. Die Spannung in allen Phasen des Spiels und sein fast schon überbordender Ehrgeiz. Für einen 19-Jährigen, der aus einer kleineren Liga in eine größere kommt und erstmals bei einem ganz großen Klub spielt, sind das sensationelle Beobachtungen. Haaland spielt für den BVB, als wäre er seit Jahren fester Bestandteil dieser Mannschaft und längst gewohnt, mit großem Druck umzugehen.

Spieltaktisch offeriert er Favre eine größere Bandbreite. Der BVB spielt nicht mehr nur im eigenen Ballbesitz und wenn doch, ist Haaland mit seiner Präsenz eine stete Bedrohung am und um den gegnerischen Strafraum. Wie exakt und perfekt getimed er den Ball im Vorlauf des ersten Treffers gegen Paris auf den Mitspieler klatschen ließ, geht schon fast unter. Dabei sind es diese kleinen Dinge, die den Angriff und damit die Torchance erst am Leben erhalten.

Haaland kann als Wandspieler agieren und dann sofort in die Tiefe gehen. Er kombiniert in engen Räumen gerne, sucht den Doppelpass, setzt seinen Körper nach Richtungswechseln aber auch bei hohen Zuspielen und Flanken geschickt ein und hat ein unglaubliches Näschen dafür, wo der Ball als Abpraller gleich landen könnte. Und wenn er erstmal ins Laufen kommt, scheint er kaum noch zu stoppen. Mario Götze, ein völlig anderer Spielertyp auf dieser Position ist derzeit komplett raus aus der ersten Elf, selbst Marco Reus ging im Haaland-Feuerwerk, flankiert vom überragenden Jadon Sancho, bis zu seiner Verletzung eher als Mitläufer durch.

Was sieht Werders Antwort aus?

Für Werder bedeutet das wohl, dass der Spieler erst gar kein Tempo aufnehmen darf. Kevin Vogt fehlt verletzt und nach den Eindrücken der letzten Partien wäre es Werders Winterzugang noch am ehesten zuzutrauen gewesen, Haaland zumindest einzubremsen. Also müssen andere Lösungen her. Wie genau die aussehen, ob Werder vielleicht gleich etwas tiefer steht, ob Haaland von vorne und hinten gepresst wird, ob die Zufuhr an Zuspielen der Ansatzpunkt ist, ob es überhaupt eine spezielle Form der Verteidigung gibt oder das Kollektiv alles auffangen soll, wird sich das Trainerteam in der Vorbereitung auf die Partie gründlich überlegt haben.

Ganz sicher ist, dass Borussia Dortmund noch mit einer ganz anderen Wucht auf Werders Mannschaft treffen dürfte, als das besonders in den ersten 45 Minuten im Pokalspiel der Fall war. Und darauf sollten sich die Bremer besser einstellen.

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