Maximilian Eggestein im Leistungsnachweis

Drei Spieler in einem

Maximilian Eggestein gehört oft zu den auffälligsten Spielern auf dem Feld. Gegen den BVB war das nicht der Fall – und doch gab der 22-Jährige das beste Symbol dafür ab, wie Werders Triumph gelingen konnte.
06.02.2019, 22:18
Lesedauer: 5 Min
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Von Cedric Voigt

Dass Maximilian Eggestein über eine Menge Talent verfügt, weiß man in und um Bremen schon lange. So wirklich in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist der 22-Jährige in dieser Saison dann allerdings erst in den besonderen Momenten: bei Distanzschusstoren etwa, oder nach Eggesteins Treffer gegen Frankfurt, dem ein geniales Dribbling vorausging.

Es sind die Ausnahmen in Eggesteins Spiel, die Szenen, die in den Highlight-Zusammenschnitten auftauchen, aber den Stil des Mittelfeld-Allrounders nicht unbedingt definieren – auch, wenn sich zumindest die Distanzschüsse so langsam anschicken, zum Markenzeichen zu werden. Eggesteins erster Streich aus dieser Kategorie ist bereits über ein Jahr her: Damals war es ein Fernschuss gegen Borussia Dortmund, der Werder zum Sieg verhalf. Nun kehrten die Bremer für einen denkwürdigen und erfolgreichen Pokalabend in das Westfalenstadion, das sich seit geraumer Zeit Signal-Iduna-Park nennen darf, zurück – und Eggestein zeigte in einer durch und durch unauffälligen Partie, was ihn auch ohne eigene Treffer so wertvoll für Werder macht.

Anders als in den meisten Liga-Spielen startete Werder weder mit einer Raute im Mittelfeld, noch entschied sich Florian Kohfeldt für das sonst so typische 4-3-3: Stattdessen baute man auf ein kompaktes 3-5-2, in dem die drei zentralen Mittelfeldspieler gemeinsam mit den fleißig nach hinten mitarbeitenden Max Kruse und Milot Rashica das Zentrum verschließen sollten und sich dicht an ihren Dortmunder Gegenspielern orientieren sollten, um zu verhindern, dass das Kombinationsspiel des BVB Tempo aufnimmt.

Während Davy Klaassen als linker Achter auch immer mal wieder rausrückte, um den BVB unter Druck zu setzen, war Eggesteins Rolle diejenige des Absicherers und Zuarbeiters: Seine fünf Tacklings erreichte bei Werder ansonsten nur Sebastian Langkamp. Bei einer Zweikampfquote von 72,7 Prozent – nur Nuri Sahin, der alle seine fünf Zweikämpfe für sich entscheiden konnte, erreichte in Werders Startelf einen besseren Wert – musste Eggestein nicht ein einziges Mal zu einem Foul greifen. Dazu kommen drei klärende Aktionen. Einzig in der 105. Minute, als Christian Pulisic schneller an einen Kopfball Axel Witsels gelangte als der Bremer Mittelfeldspieler und sich durch das grün-weiße Zentrum zum 2:1 dribbeln konnte, fiel es Eggestein schwer, rechtzeitig einzugreifen.

Trotzdem blieb Eggesteins Einsatz über 120 Minuten bemerkenswert – auch, weil der Youngster im Verlauf des Pokalfights nicht eine, nicht zwei, sondern gleich drei bis vier verschiedene taktische Rollen ausfüllen musste und mit Bravour meisterte. Als Achter im 3-5-2 arbeitete Eggestein viel nach hinten und hielt Theodor Gebre Selassie nicht nur den Rücken für Vorstöße frei, sondern machte sich auch immer wieder anspielbar, sodass Werder sich sauber nach vorne kombinieren konnte.

Nach der Auswechslung Nuri Sahins in der 76. Minute spielte Eggestein zunächst als Achter in der Raute, eine Viertelstunde später rückte Werders Allrounder dann eine Position tiefer auf die Sechser-Position vor der Abwehr: Philipp Bargfrede hatte für Claudio Pizarro Platz gemacht. Und als in der 114. Minute mit Bruder Johannes Eggestein für Gebre Selassie noch ein weiterer Offensivspieler eingewechselt wurde, rückte Eggestein gar auf die Position des rechten Außenverteidigers. Und bereitete von dort mit einem Vorstoß noch den Abschluss Davy Klaassens vor, der zu den zwei Ecken führen sollte, aus denen schließlich das 3:3 durch Martin Harnik hervorging.

Auch die enorm starke Passgenauigkeit von 88,4 Prozent angekommener Bälle verdeutlicht, wo die Stärken Eggesteins gerade in Spielen gegen nominell überlegene Gegner liegen: Das Eigengewächs fand über die komplette Spieldauer auch unter Druck immer wieder Lösungen, machte nur ganz wenige Fehler und zeigte sich enorm ballsicher. Achtmal brachte Eggestein Werder gegen den BVB in Ballbesitz, nur neunmal verlor er die Kugel. Ein besseres Verhältnis kann kein Startspieler von Werder vorweisen. Im Elfmeterschießen folgte dann das i-Tüpfelchen: Als zweiter Bremer Schütze übernahm Eggestein Verantwortung und verwandelte seinen Strafstoß überlegt unten links.

Topniveau wird zur Gewohnheit

Dass nach der Partie nahezu niemand über diese Leistung eines noch immer gerade einmal 22-Jährigen gegen den Tabellenführer der Bundesliga spricht, hat wohl mehrere Gründe: Zum einen sind da die Elfmeter-Helden Jiri Pavlenka und Max Kruse, zum anderen das Märchen des ewig jungen Claudio Pizarro, die eher im Kopf bleiben. Zum anderen sind offensive Glanzlichter einprägsamer als unermüdliche Defensivarbeit. Vor allem hat man sich im Fall Eggestein an so ein Leistungsniveau bereits gewöhnt – ein größeres Kompliment lässt sich der Entwicklung eines Spielers aus der eigenen Jugend kaum machen.

Zeitnah soll die Verlängerung von Eggesteins Vertrag bei Werder erfolgen. Zwei Jahre nach dem ablösefreien Abgang von Florian Grillitsch dürfte dem SVW damit ein wichtiges Zeichen auf dem Weg in eine erfolgreichere Zukunft gelingen. Schon in dieser Saison ist ein Titel nur noch drei Siege in den kommenden Pokalrunden entfernt. „Wir nehmen alles, was kommt“, zeigte sich Eggestein nach der Partie wenig wählerisch, liebäugelte aber auch mit einem Heimspiel gegen den Nordrivalen aus Hamburg. An Selbstvertrauen mangelte es nach dem Erfolg gegen den haushohen Favoriten jedenfalls nicht: „Dortmund ist zurzeit die beste deutsche Mannschaft“, hielt Eggestein fest – und ergänzte, halb im Spaß: „Was soll uns noch passieren?“

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