Was Kohfeldt beim Fehlstart besonders ärgerte

Dumm gelaufen statt clever gemacht

Die guten spielerischen Ansätze waren da, die Torchancen auch. Dennoch verlor Werder gegen eine nicht so starke Fortuna. Dabei wollten die Bremer nun viel abgezockter spielen. Der Trainer reagierte ernüchtert.
18.08.2019, 15:03
Lesedauer: 6 Min
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Von Jean-Julien Beer
Dumm gelaufen statt clever gemacht
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Die Szene wirkte grotesk. Und trotzdem sehr passend. Als Florian Kohfeldt gerade den Fehlstart seiner Mannschaft vor laufenden Fernsehkameras erklären sollte, zeigten die Monitore schräg über ihm in den Katakomben des Weserstadions ständig Bilder von jubelnden Werder-Spielern. Dort liefen tatsächlich die Tore aus dem 4:0-Testspielsieg gegen SD Eibar in einer Dauerschleife. Von jenem Spiel also, das einigen Werderanern wohl etwas die Sinne trübte. Zu viel klappte Ende Juli gegen den spanischen Erstligisten wunderbar. Auch Kohfeldt war nach jener Bremer Fußballdemonstration im Trainingslager am Chiemsee mächtig stolz, mahnte aber schon damals vorsichthalber, dass man noch keinen Punkt in der Liga gewonnen habe und bitte keiner abheben solle.

Das mit den noch nicht gewonnenen Punkten ist nach dem äußerst ernüchternden 1:3 gegen die biedere Fortuna aus Düsseldorf so geblieben, und auf den Boden muss der Trainer jetzt auch niemanden mehr zurückholen. Im Gegenteil. Die Stimmung ist im Keller, und angesichts des schwierigen Auswärtsspiels am kommenden Wochenende bei der TSG Hoffenheim läuft Werder Gefahr, in der Tabelle genau dort auch zu bleiben. Es gehört zwar längst zur Folklore des Bremer Traditionsvereins, das erste Saisonspiel nicht zu gewinnen. Aber diesmal sollte doch alles anders und besser werden, um von Beginn an Druck auf die Konkurrenten zu machen im Kampf um Europa. Sportchef Frank Baumann hatte sogar schon zu Beginn der Vorbereitung gemahnt, sich so zu rüsten, dass man nicht wieder in den ersten Spielen die Punkte liegen lässt, die am Ende einer Saison so schmerzhaft fehlen könnten. Und dann so ein Fehlstart.

Fortuna hatte Werder so erwartet

Fortunas Friedhelm Funkel, der erfahrenste Trainer der Bundesliga, brauchte nur wenige Worte, um das Geschehen auf den Punkt zu bringen. „Wir hatten weniger Spielanteile, waren aber sehr effektiv. Unser Torhüter hat super gehalten. Wir müssen aber besser Fußball spielen.“ Damit war alles gesagt, leider auch über Werders Leistung. Denn so sehr man sich nach dem ersten Saisonspiel auch freuen könnte über 63 Prozent Ballbesitz, eine herausragende Passquote von 93 Prozent oder über die 25 Torschüsse, „vielleicht die meisten Torschüsse aller Mannschaften an diesem Spieltag“, wie Baumann vermutete – letztlich kam alles so, wie es der Gegner erwartet hatte. Die Fortuna rechnete mit einer Bremer Mannschaft, der man vor allem im Mittelfeld den Ball lassen kann und die Probleme damit hat, im Jahr eins ohne Max Kruse im Strafraum Tore zu schießen; ebenso wussten die Gäste um die Patzer-Anfälligkeit der Bremer Defensive und schlugen eiskalt zu, als sich diese Chancen auftaten. Überhaupt freute sich Düsseldorfs Sportvorstand Lutz Pfannenstiel nach dem Spiel, dass sich die Analyse des Gegners Bremen ausgezahlt habe: „Wir wussten, was Werder in der Vorbereitung gemacht hat und wie wir sie zustellen können.“

Wie vorhersehbar sie ausfiel, ist das zutiefst beunruhigende an dieser Niederlage. Eine wackelige Defensive plagte Werder schon vergangene Saison, und wer nach dem Verlust des Topscorers Kruse die Tore schießen soll, war schon im Mai die zentrale Frage mit Blick auf die neue Saison. In der Sommervorbereitung sollten die Schwachstellen gezielt angegangen und Werders Spiel damit aufs nächste Level gehoben werden. Mehr Cleverness, mehr Abgezocktheit – darum ging`s. Nichts deutete zuletzt darauf hin, dass genau dieser Plan im ersten Saisonspiel krachend scheitern würde. Gemessen an den guten Trainingseindrücken und den ambitionierten Zielen wirkte Kohfeldts Spielfazit, als stamme es von einem verstaubten Tonband aus längst überwunden geglaubten Zeiten: „Wir waren vor dem gegnerischen Tor nicht abgeklärt und hinten nicht konsequent genug.“

„Wir haben nicht schlecht gespielt“

Die Frage nach Schein und Sein ist bei Werder nach diesem Auftakt deshalb gerade offener denn je in diesem Sommer. Die passende Antwort werden erst die nächsten Spiele liefern. Zwar wiesen die engagierten Mittelfeld-Leader Davy Klaassen und Maxi Eggestein zurecht darauf hin, „dass wir gegen Düsseldorf nicht schlecht gespielt haben“, man zum Teil „auch Pech“ gehabt habe bei den vielen Torchancen, und man das Saisonziel Europapokal deshalb „nicht nach einem Saisonspiel in Frage stellen“ werde. Und auch Torschütze Johannes Eggestein forderte nachvollziehbar, „dass wir versuchen müssen, uns die gute Stimmung aus der Vorbereitung zu bewahren“; jetzt an grundsätzlichen Dingen zu zweifeln, „das wäre falsch“.

Der Trainer aber wirkte mit Blick auf die Gesamtheit des Auftrittes ernüchtert. Denn natürlich weiß Kohfeldt, dass Profifußball primär ein Ergebnissport und die Bundesliga ein gnadenloser Verdrängungswettbewerb ist. Wer dann gegen eine Fortuna mit 1:3 verliert, die vor allem in der Offensive nicht mal in Bestbesetzung spielte, der kann in dieser Liga grundsätzlich gegen jede Mannschaft geschlagen vom Platz schleichen. Genau so wollte sich Werder in dieser Saison nicht präsentieren. „Wir dürfen uns nichts schön reden“, forderte Kohfeldt und sagte schon zum wiederholten Male: „Wir müssen wach sein.“

Kohfeldt vermisst „dieses Clevere“

Doch weil weite Teile des Bremer Spiels gut funktionierten, warb der Trainer in seiner ersten Analyse auch für eine „differenzierte Betrachtung“, wie er das nannte. „Wenn man sieht, wie wir uns die Chancen herausgespielt haben und wie wir außerhalb dieser drei Gegentore verteidigt haben, dann muss ich damit zufrieden sein“, meinte er, „aber die Effektivität, dieses Clevere, das gehört dazu, um ein Bundesligaspiel zu gewinnen. Das entscheidet Spiele. Und das haben wir heute nicht hin gekriegt.“ Dass ausgerechnet Kaan Ayhan per Kopf mustergültig zum 1:3 traf, rundeten den rabenschwarzen Tag für Werder ab; Fortunas Innenverteidiger hatten die Bremer nach intensiver Eignungsprüfung für zu schlecht befunden, um die Werder-Abwehr verstärken zu können.

Vor allem aber die Sache mit der fehlenden Cleverness nagte an Kohfeldt. Seine Gedanken kreisten immer wieder um diesen Punkt, offensichtlich wähnte er seine eingespielte Mannschaft in dieser Hinsicht schon deutlich weiter. Es sei „eines der Saisonziele“, verdeutlichte der Cheftrainer, „dass wir unser Spiel grundsätzlich in die Richtung clever und abgezockt entwickeln wollten. Und genau das kann ich uns gegen Düsseldorf nicht attestieren. Wir hatten gerade das 1:1 geschossen, alles lief in dem Moment für uns. Das darf uns nicht passieren, dass wir so schnell wieder in Rückstand geraten.“ So blieb mal wieder das unbefriedigende Gefühl zurück, dass mit den guten spielerischen Ansätzen viel mehr drin gewesen wäre. Doch erneut feierte nur der Gegner. Dumm gelaufen statt clever gemacht.

Sind Kohfeldts Erwartungen zu hoch?

Vielleicht sind Kohfeldts Erwartungen in dieser Frage aber auch überzogen; schließlich schickte er keine Jungfuchs-Auswahl aufs Spielfeld, sondern vom Alter her eine der erfahrensten Mannschaften der Liga. Sehr viel cleverer und abgezockter dürften viele dieser Spieler in ihrer Karriere nicht mehr werden; auch das ist ja ein Grund, warum sie heute in Bremen spielen und nicht bei neureichen Vereinen in der Premier League oder in Dortmund. Ob die fehlende Cleverness also im Geist dieser Werder-Mannschaft stecke, wurde Kohfeldt gefragt. „Ich weiß es nicht“, antwortete er nachdenklich, „ich muss mich da noch auf die Suche machen“.

Zu viel Energie sollte er darauf aber nicht verschwenden. Hätte seine Mannschaft nur jede dritte Großchance verwandelt, wäre die offensichtlich fehlende Cleverness in vielen Spielmomenten schnell als Phantomdiskussion abgetan worden. Deshalb werde er „trotz der brutalen Unzufriedenheit“ mit diesem 1:3 „nicht auch nur einen Hauch zweifeln an unserer fußballerischen Herangehensweise“, sagte Kohfeldt. Er weiß: Vor allem fehlen Werder Tore; idealerweise immer eins mehr, als diese Mannschaft hinten kassiert. Die meisten Tore schießt gewöhnlich ein Mittelstürmer. Weil Kohfeldt ahnte, dass Werders Ballbesitzfussball in der Nach-Kruse-Ära zu vielen Torchancen führen würde, hatte er eigens Niclas Füllkrug zurück nach Bremen gelotst. Der bewies in der Bundesliga bereits eindrucksvoll, nicht viele Chancen für ein Tor zu brauchen, wenn er richtig fit und in Form ist. Nach seinem dritten Knorpelschaden im Knie ist Füllkrug auf einem guten Weg. Gegen Düsseldorf wollte Kohfeldt ihn schon früher bringen, zumal Milot Rashica zwischenzeitlich über Oberschenkelprobleme klagte. Letztlich kam Füllkrug aber erst in der 65. Minute und damit zu spät. Wenn die nächste Trainingswoche gut laufe, sei der Torjäger aber bereit „für 60 bis 70 Minuten“, erklärte Kohfeldt, das mache ihn fortan „auch zu einem Startelfkandidaten“.

Schalkes Bentaleb könnte nun helfen

Auch die Bemühungen um den Schalker Mittelfeldspieler Nabil Bentaleb könnten nach diesem Fehlstart intensiviert werden. Den Bremern schwebt ein Leihgeschäft vor. Bentaleb gilt zwar als schwieriger Charakter, man könnte ihn aber auch als extrem zielorientiert bezeichnen. Also genau als das, was Werder gerade auf Bundesliganiveau zu fehlen scheint. Beschweren dürfte sich in der braven Werder-Kabine niemand über einen solchen Transfer; alle anderen hatten gegen Düsseldorf die Chance, zu zeigen, dass es auch ohne einen aggressiven und torgefährlichen Spielertypen wie Bentaleb geht. Sie haben aber auch diese Chance versemmelt.

In der Enttäuschung über den verpatzten Saisonstart ging derweil unter, dass Werder mit nun 1867 Bundesligaspielen neuer Rekordhalter in Deutschland ist und den Hamburger SV ablöste. Dass Werder bei Schlusspfiff alt aussah, ließ sich tatsächlich nicht leugnen. Ein wenig stolz darf man auf die neue Rekordmarke aber dennoch sein.

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