Interview mit Werders Trainer Dutt bittet um Geduld

Bremen. Werder-Trainer Robin Dutt zeigt sich im WESER-KURIER-Interview trotz der Pokalblamage seines Klubs optimistisch für den Bundesliga-Start am Sonnabend in Braunschweig.
07.08.2013, 19:48
Lesedauer: 5 Min
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Nach dem Debakel von Saarbrücken geht in Bremen die Angst vor einem Abstieg des SV Werder um. Im Gespräch mit Thorsten Waterkamp erklärt Trainer Robin Dutt, warum er trotzdem keine Bauchschmerzen hat.

Herr Dutt, Werder-Legende Max Lorenz hat gesagt, er habe Mitleid mit Ihnen, weil Sie "mit so einen Material arbeiten" müssten...

Robin Dutt: Die Aussage hätte er sicher etwas mannschaftsfreundlicher tätigen können. Ich erkenne zwar den positiven Ton mir gegenüber, aber Spieler sind kein Material. Spieler sind Menschen – das Material liegt bei uns unten im Materialraum.

Dann sagen wir es korrekt: Dass Sie mit diesen Spielern arbeiten müssen, mit diesem Kader, den Sie selbst ja nicht zusammengestellt haben.

Es hat mich ja keiner gezwungen, bei Werder zu unterschreiben.

Sie wussten, was Sie taten...

Die Verantwortlichen bei Werder haben mir von Anfang an nichts vorgemacht. Im Umfeld wurde mir auch nichts vorgemacht: Das Erbe von Thomas Schaaf, hat man mir gesagt, das musst du erst mal hinkriegen. Wir stecken alle in der Aufgabe, die man mir prophezeit hat.

Hat es auch Stimmen gegeben, die Ihnen von einem Engagement in Bremen abgeraten haben?

In jedem Verein, den ich übernommen habe, gab’s Leute, die gesagt haben: Du übernimmst einen klasse Verein. Und es gab Leute, die gesagt haben: Hör zu, mach das lieber nicht. Mach das nicht nach Finke in Freiburg, mach das nicht nach Heynckes und einem zweiten Platz in Leverkusen, und mach das nicht nach Schaaf.

Lassen wir das Erbe der Schaaf-Ära mal außen vor. Haben Ihnen wohlmeinende Freunde gesagt: Die sportliche Perspektive in Bremen ist sehr problematisch, lass die Finger davon?

Darauf darf man nicht hören. Es gibt zu viele, die undifferenzierte Ratschläge geben. Selbst ich als Trainer, als sogenannter Fachmann, musste mir wochenlang auf Video die Spiele angucken, um mir einigermaßen ein Bild zu machen. Und dann brauchte es noch mal sechs Wochen Vorbereitung, ehe dieses Bild klare Konturen hatte. Da kann ich nicht auf irgend jemanden, der ein bisschen Sportschau schaut, Rücksicht nehmen.

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Die Konturen, die Sie jetzt auf dem Bild sehen – erfüllen oder übertreffen die Ihre Erwartungen? Oder sind Sie davon enttäuscht worden?

Nein. Die Erwartung war ja die, dass wir hier Zeit brauchen, um etwas aufzubauen. Und dass diese Zeit einem Trainer in Bremen vom Umfeld, von den Verantwortlichen, von den Fans auch gegeben wird. Das fordere ich für die Mannschaft ein, gar nicht mal für mich persönlich. Um diese Zeit bitte ich einfach.

Sie haben in den vergangenen Wochen stets den Kader gelobt – aus Höflichkeit, weil Sie mit dem zufrieden sein mussten, was Sie haben?

Nein, das hat damit zu tun, dass ich trennen will zwischen Transfers und vorhandenem Kader. Ich finde, dass wir eine Qualität im Kader haben. Ich kann jetzt nicht sagen, wer aus diesem Kader in drei, vier Jahren, wenn wir uns eine Mannschaft in erfolgreicheren Sphären vorstellen, wer dann noch drin steht. Aber es werden viele noch drin stehen. Dieser Kader gibt vieles her, um die nächsten Schritte zu machen.

Und Transfers?

Transfers tätigen wir unabhängig vom Kader.

Aber benötigen Sie nicht zwingend weitere Spieler?

Mir steht es nicht zu, nach nur sechs Wochen über die Qualität meines Kaders in der Öffentlichkeit zu urteilen. Das würde ja bedeuten, dass ich glaube, nach sechs Wochen schon alles an Potenzial ausgeschöpft zu haben, und zu dem Schluss komme: Ich brauchen einen Neuen. Wer das denkt, der hat den Trainerberuf verfehlt. Trainerberuf heißt: Entwicklungsarbeit.

Und die braucht Zeit, viel Zeit.

Ein Verein muss einen Prozess gehen, dafür steht Werder. Vielleicht wäre es einigen Leuten in Bremen ja lieber, man könnte fünf, sechs Spieler kaufen. Aber das ist nicht Werder. Und das ist schon gar nicht das Werder von heute. Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, dass wir mittelfristig ganz viele eigene Talente nicht nur im Kader stehen haben wollen, sondern auch in der Stammformation.

Aber die Frage ist doch seit Saarbrücken: Hat der Kader überhaupt die Qualität, die Klasse zu halten?

Das sind Sorgen, die die Fans haben dürfen. Aber ich als Trainer doch nicht. Wenn ich jetzt auch noch in diesen Chor mit einstimme, dann wäre ich ein schlechter Trainer. Ich bin hierher geholt als ein, ja, Hoffnungsträger, der zu neuen Ufern führt – da kann ich mich doch nicht schon nach sechs Wochen hinsetzen und ein trauriges Gesicht machen.

Aber Herr Dutt, Hand aufs Herz. Auch ein Hoffnungsträger darf mal Bauchschmerzen haben. Wann haben Sie welche gehabt?

Bisher noch keine. Wissen Sie, was ich schon für Vereine trainiert habe? Die standen vor der Insolvenz. Die Stuttgarter Kickers zum Beispiel sehen sich als Zweitligist und hatten damals 1,5 Millionen Etat. Wissen Sie, da haben Sie Bauchschmerzen, weil da Leute auf der Geschäftsstelle hocken, die alle ihren Arbeitsplatz verlieren – und zwar alle auf einmal. Da haben Sie Bauchschmerzen, wenn die Familienväter und -mütter Sie angucken und sagen: Bitte keine Insolvenz.

Bauchschmerzen macht in Bremen das Saarbrücken-Spiel. Weniger die Niederlage an sich als die Art und Weise, in der verloren wurde – das war erschreckend.

Es gibt nichts schönzureden. Sie können es peinlich nennen, Sie können es nennen, wie Sie wollen. Aber es ist normal, dass man zu diesem Zeitpunkt von außen die Sorge hat, dass dieses Pokalergebnis auf die Punktspiele abfärbt. Andererseits ist es normal, dass der Trainer versucht, seiner Mannschaft zu sagen: Das war Mist – aber das heißt nicht, dass wir am Sonnabend auch verlieren.

Aber erwartet Sie nicht ein ähnlicher Gegner wie in Saarbrücken? Einer, der als Aufsteiger unglaublich laufen, rennen und kämpfen wird?

Ja, aber hätten wir ein kleineres Problem, wenn wir gegen Bayern spielen würden oder gegen Dortmund? Oder gegen den SC Freiburg? Ich bin optimistisch, ohne dass ich etwas versprechen kann.

Wie wichtig ist ein Sieg in Braunschweig?

Er könnte die Arbeit unglaublich erleichtern. Und wenn im Heimspiel gegen Augsburg ein weiterer Sieg dazukommt, dann hast du in der Tabelle wahrscheinlich bis Ende September Ruhe. Wenn du aber verlierst, hast du bis Weihnachten keine Ruhe. Die Kurve von Werder wird so sein: hoch, runter, hoch, runter – in der Hoffnung, dass es im Mittel nach oben geht.

Wo steht Werder am Ende dieses Aufs und Abs?

Klar, dass Sie das wissen möchten...

Natürlich möchten wir das wissen...

Hoffentlich so, dass die Leute relativ früh sagen können: Puh, Gott sei Dank hat sich das zu Saisonbeginn nicht bestätigt, die Jungs sind doch auf einem richtigen Weg.

Sie sagen immer, Ihr Ziel sei es, eine Basis zu legen für die weitere Arbeit hier.

Ja.

Grundsätzlich ist dann – da werden Sie zustimmen – das Saisonziel als Teil dieser Basis der Klassenerhalt.

Ich versuche, eine andere Formulierung zu finden, weil ich nicht über Klassenerhalt und Tabellenplätze sprechen will. Ich will, dass wir die Leistung der Mannschaft als Maßstab nehmen, unabhängig vom Tabellenplatz. Dass wir nichts mit dem Abstieg zu tun haben wollen – selbstredend.

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