Eine taktische Analyse zu Werder Bremen

Dutts Handschrift

Bremen. Robin Dutt galt als taktischer Innovator - in Bremen ist er zum Pragmatiker mutiert. Eine taktische Analyse zu Werder Bremen von Tobias Escher.
19.03.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Escher
Dutts Handschrift

Früher Innovator, heute eher Pragmatiker: Werder-Trainer Robin Dutt.

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Am Freitag kehrt Werder-Coach Robin Dutt zum Schauplatz seiner größten Erfolge zurück. Er führte den Underdog aus Freiburg in die erste Liga und machte sich dank seiner innovativen Spielweise einen Namen – auch weil er Ideen international renommierter Kollegen einbaute. In Bremen ist er davon noch weit entfernt

In seinen ersten Freiburger Jahren schaute Dutt sich das Angriffssystem von Sir Alex Ferguson ab. Der Coach von Manchester United ließ seine vier Angreifer, darunter Wayne Rooney und Cristiano Ronaldo, immer wieder die Positionen tauschen. Mit dieser flexiblen Taktik sicherte sich Manchester den Champions-League-Titel – und Freiburg den Aufstieg.

In der ersten Liga stellte Dutt auf ein 4-1-4-1-System um und importierte abermals einen Taktikkniff eines internationalen Top-Trainers: Pep Guardiola wies als Barça-Trainer Sergio Busquets an, aus dem Mittelfeld in die Abwehr fallen. In Freiburg übernahm Julian Schuster diese Rolle – mit durchschlagendem Erfolg. Freiburg überraschte die Liga und platzierte sich auf einem einstelligen Tabellenplatz.

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Von den Innovationen und der geballten Offensivkraft aus Dutts Freiburger Zeiten ist in Bremen bisher wenig zu sehen – im Gegenteil: Bei Werder ist Dutt zu einem Pragmatiker mutiert. Gern betont er, ein Trainer brauche Zeit, um ein Team spielerisch weiterzuentwickeln. Solange müssten die Fans mit defensivem Fußball Vorlieb nehmen.

So startete Werder mit einem 4-4-1-1-System in die Saison. Die Devise lautete, kompakt zu stehen und auf Konter zu lauern. Mit zwei Viererketten versuchte Bremen, den Gegner mit einem Pressing den Ball abzujagen und überfallartig zu kontern. Dies ging meist solange gut, bis der Gegner in Führung ging. Danach fehlten den Bremern spielerische Ideen, um den tiefer stehenden Gegner zu knacken. Dutt musste offensive Spieler bringen, wodurch das System instabil wurde. Hohe Niederlagen waren die Folge.

Tobias Escher.

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Überhaupt ist die Balance ein Problem bei Werder. Die Besetzung der Doppel-Sechs krankte daran, dass Dutt entweder zwei offensive Spielertypen aufstellte, was den Gegner zu Kontern einlud. Oder aber er setzte auf zwei defensivstarke Sechser, die allerdings keine Impulse nach vorne setzten. Die richtige Abstimmung hat er im 4-4-1-1 nur selten gefunden.

Mittlerweile hat Dutt sein Stammsystem auf eine Raute umgestellt. Mit dieser Formation ist Bremen etwas spielstärker geworden. Neuzugang Obraniak fällt als halblinker Mittelfeldspieler zurück und übernimmt das Aufbauspiel. Auf der anderen Seite schießt Junuzovic mit seiner Dynamik nach vorne. Die Formation hat vor allem den Vorteil, dass Aaron Hunt in der Rolle als freier Zehner besser eingebunden ist. Da die Rauten-Formation Platz für zwei Stürmer bietet und Junuzovic weit vorne agiert, hat Aaron Hunt mehr Anspielstationen vor sich.

Doch noch immer ist Werder weit davon entfernt, einen Gegner spielerisch dominieren zu können. Den Stürmern fehlt die technische Stärke, sodass sie oftmals zu Abnehmern für Flanken und lange Bälle verkommen. Außerdem ist das Flügelspiel in einer Rauten-Formation sehr abhängig von den Außenverteidigern. Diese Position sorgt bei den Werder-Verantwortlichen seit Jahren für Sorgenfalten. Auch diese Saison schwankt die Form von Garcia, Ignjovski und Co. von Spiel zu Spiel.

Dutts Pragmatismus hat den Bremern in dieser Saison allerdings schon einige Punkte beschert. Sein größtes Plus: Er hängt nicht stur an einem System, sondern variiert je nach Gegner und Spielstand. So sicherte er gegen Hamburg und Nürnberg den Sieg, indem er von der Raute auf defensivere 4-4-2- und 4-1-4-1-Formationen umstellte. Dutt ist sich auch nicht zu schade, sein Team ganz dem Gegner anzupassen, sei es durch eine Veränderung der Formation oder indem er Gebre Selassie als Wachhund für einen starken gegnerischen Außenverteidiger bringt.

Wer weiß, vielleicht lässt sich Dutt für das Spiel gegen Freiburg eine neue Formation einfallen. Vielleicht besinnt er sich an seiner alten Wirkungsstätte gar auf seine früheren Tugenden – und packt eine offensive Innovation aus.

Zur Person: Tobias Escher (25) ist Sportjournalist und Mitbegründer des Fußballtaktik-Blogs spielverlagerung.de. Für den WESER-KURIER versucht er, die taktische Handschrift von Werder-Trainer Robin Dutt zu entschlüsseln.

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