Vor dem Spiel Werder gegen Gladbach

Eberl: "Wir müssen demütig bleiben"

Vor dem Spiel bei Werder Bremen spricht Gladbachs Sportdirektor Max Eberl im Interview über den mauen Saisonstart seiner Borussia, Gegner aus der Playstation und das Spiel in Bremen.
30.08.2015, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Andreas Lesch
Eberl: "Wir müssen demütig bleiben"

Am Apparat: Sportdirektor Max Eberl (41) strebt mit Borussia Mönchengladbach wieder nach oben – und muss ganz schön viel telefonieren, damit das gelingt.

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Vor dem Spiel bei Werder Bremen spricht Gladbachs Sportdirektor Max Eberl im Interview über den mauen Saisonstart seiner Borussia, Gegner aus der Playstation und das Spiel in Bremen.

Wie schwer fällt es Ihnen, sich auf die Partie an diesem Sonntag bei Werder Bremen zu konzentrieren – und nicht von Champions-League-Abenden gegen Juventus Turin, Manchester City und den FC Sevilla zu träumen?

Max Eberl: Überhaupt nicht schwer. Denn die Auslosung am Donnerstag war ein wunderbares Erlebnis. Aber sie war auch unwirklich für uns, für das kleine Borussia Mönchengladbach.

Warum?

Dass wir Gladbacher in Monaco neben Cristiano Ronaldo, Lionel Messi, dem FC Barcelona, Real Madrid und Juventus Turin Platz nehmen durften – das ist doch nun wahrlich unwirklich, wenn ich überlege, wann Gladbach das letzte Mal in solchen Töpfen vertreten war. 1978 war das!

Und dann kriegen Sie jetzt so eine Gruppe.

Die Gruppe wird unfassbar schwer. Wir spielen gegen den letztjährigen Champions-League-Finalisten, gegen den Europa-League-Sieger und gegen den Klub mit dem bestbezahlten Kader der Welt. Naja, da ist zumindest die Favoritenfrage eindeutig geklärt.

Klingt, als ob Ihre Hoffnung auf ein Weiterkommen sehr übersichtlich ist.

Die Hoffnung auf ein Weiterkommen, die mache ich mir jetzt gar nicht. Weil dieses Thema mir viel zu groß ist. Aber wir wissen, wie man solche Situationen meistert. 2011, als wir uns auf wundersame Weise vor dem Abstieg in die Zweite Liga gerettet haben, waren wir nach dem 30. Spieltag Letzter und hatten vier Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz. Und wir mussten noch gegen Dortmund spielen, damals Tabellenführer, gegen den Tabellenvierten Hannover, und gegen den SC Freiburg und den Hamburger SV, die beide um den Einzug in den Europapokal gespielt haben.

Klingt finster.

Ja, aber wenn wir da gesagt hätten: Um Gottes Willen, wie sollen wir da noch zehn Punkte holen – dann hätten wir sie nicht geholt. Aber wir haben uns auf jedes Spiel einzeln konzentriert. Damals haben wir gelernt: So ist immer was möglich.

Was bedeuten Ihnen die Champions-League-Abende, die nun auf Sie warten?

Das ist ein absoluter Bonus. Wir wollen da lernen von diesen großen Vereinen. Wir wollen Erfahrungen sammeln. Ich übertreibe jetzt mal ein bisschen: Unsere Jungs werden dort gegen Gegner spielen, die sie sonst nur von der Playstation kennen. Gegen Sergio Agüero, Yaya Touré und David Silva von Manchester. Oder gegen Juves Álvaro Morata. Das sind Weltklassespieler.

Haben Sie ein bisschen Angst, dass die Champions League für Ihr Team zu einer Last werden könnte? Das gab es ja immer mal wieder: dass Bundesligaklubs mit einer neuen Herausforderung im Alltag zunächst mal überfordert waren.

Wir haben immer betont, dass die Champions League für uns etwas Außergewöhnliches ist. Mönchengladbach war fast 40 Jahre von der europäischen Bildfläche verschwunden, hatte 15 Jahre Abstiegs- und Aufstiegskampf und hat in der Bundesliga keine große Rolle gespielt. In den letzten vier Jahren haben wir eine gute Entwicklung genommen. Aber das ist kein Automatismus, dass wir jetzt direkt wieder im Konzert der Großen dabei sind. Wir haben noch unfassbar viel zu tun. Wir haben auch die psychische Belastung durch den Wechsel zwischen Champions League und Bundesliga zu bewältigen. Jetzt fragen Sie wahrscheinlich nach der Bundesliga …

… ganz genau …

… dann sage ich es gleich: Es ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, dass wir in den nächsten Jahren immer auf Platz drei oder Platz vier landen. Wir müssen wieder ganz, ganz hart arbeiten und kämpfen, um einigermaßen um Europa mitspielen zu können, also um Platz sechs bis sieben.

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Wie geht das konkret: den Fokus der Mannschaft weg von den Feiertagen in der Woche und hin auf den Liga-Alltag am Wochenende zu lenken?

Wir müssen daran denken, was uns stark gemacht hat. Von der vergangenen Saison haben alle diese fantastischen Erlebnisse aus der Rückrunde im Kopf, in der wir mit einer Leichtigkeit, einer Selbstverständlichkeit Fußball gespielt haben, Tore erzielt haben, verteidigt haben. Es war alles unglaublich. Aber die Realität war eine andere.

Wie meinen Sie das?

In der Hinrunde haben wir erst mal nur ganz solide verteidigt. Wir haben angefangen mit einem 1:1 gegen den VfB Stuttgart und mit einem 0:0 in Freiburg. Wir hatten eine Mannschaft, die Fußball gearbeitet hat. Das ist in dieser fantastischen Rückrunde ein bisschen untergegangen – und das versuchen wir jetzt jedem Spieler in Erinnerung zu rufen. Jedem, der es hören will, und jedem, der es nicht hören will. Wir müssen Fußball wieder mehr arbeiten.

Hat Ihre Mannschaft in dieser Rückrunde über ihre Verhältnisse gespielt?

Nein. Wir haben verdient Platz drei erreicht. Aber klar, unsere Spieler haben alle auf Top-Top-Top-Niveau gespielt, ja. Wir haben davon profitiert, dass andere Klubs wie Dortmund und Schalke Probleme hatten. Und wir haben eben von unserer unglaublichen Leichtigkeit profitiert. Wenn Sie mir jetzt sagen: Ja, dann holt sie doch zurück, die Leichtigkeit …

… dann antworten Sie was?

Diese Leichtigkeit entsteht über Wochen und Monate, über ein langsam wachsendes Vertrauen in ein System, in eine Mannschaft, die funktioniert. Dieses Vertrauen müssen wir uns erst wieder neu erarbeiten.

Muss Ihre Mannschaft, um nach den Monaten der Leichtigkeit diese Alltagsarbeit zu bewältigen, eine neue Mentalität finden?

Nein. Diese Mentalität haben wir in den letzten Jahren immer wieder gehabt. Aber uns fehlt nun mal unser Kapitän Martin Stranzl; das tut uns sehr weh. Und dass Max Kruse und Christoph Kramer uns verlassen haben, das schmerzt auch. Dazu sind ein paar Leistungsträger wie Oscar Wendt oder Tony Jantschke nicht auf ihrem Top-Niveau. Das kann eine Mannschaft wie Borussia Mönchengladbach nicht verkraften.

Hatten Sie bei den Niederlagen in den ersten beiden Saisonspielen den Eindruck, dass die Spieler geglaubt haben, es werde schon alles weitergehen wie bisher?

Ich möchte es nicht von der Hand weisen, dass das bei dem einen oder anderen eine Rolle gespielt hat. Aber das darf bei uns keine Rolle spielen. Solche Gedanken können sich vielleicht die Top-Vereine wie der FC Bayern leisten. Wir nicht. Wir müssen ganz, ganz demütig bleiben, das haben wir in den vergangenen Jahren gelernt.

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Wie stabil ist Ihre Mannschaft mental?

Wir haben immer noch genug Charakterköpfe, genug Leader auf dem Platz. Sie müssen jetzt aber auch diese Leaderrolle annehmen und vorneweg gehen und sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Sie sollen nicht überlegen: Wie kann ich jetzt den nächsten Pass nach vorne spielen? Sondern: Wie kann ich jetzt gemeinschaftlich mit meinem Kollegen das nächste Tor verhindern?

Was bedeutet Ihnen das Spiel in Bremen?

Wir fahren nach Bremen mit null Punkten. Deshalb ist das Spiel für uns besonders wichtig. Wir treffen dort auf eine Mannschaft, die unfassbar viel Mentalität auf den Platz bringen wird, die eine sehr gute Qualität hat und eine gute Struktur. Das wird ein Spiel voller Laufbereitschaft und Intensität. Da müssen wir richtig dagegenhalten, um etwas mitzunehmen.

Werder hat auch Probleme zurzeit.

Ja, aber Werder hat in den letzten Jahren eine gewisse Stabilität gewonnen. Sie lassen sich nicht mehr völlig überraschen, wenn etwas mal nicht so läuft. Und vergessen Sie nicht: Die Bremer sind in der Tabelle einen Punkt weiter als wir.

Wie angespannt sind in den vergangenen Tagen in Gladbach der Trainer, die Spieler und das Umfeld gewesen?

Wir haben in den vergangenen vier Jahren Fantastisches geleistet und tolle Erfolge gefeiert. Deshalb ist das Vertrauen in das, was wir tun, absolut da. Sowohl die Mannschaft als auch der Trainer sind ruhig. Es gibt Fehler, die wir gemacht haben und die es zu verbessern gilt. Aber das werden wir in aller Ruhe und mit Bedacht machen. Wir werden nicht in Aktionismus verfallen.

Die Parallele, die manch einer schon zum Absturz der Dortmunder in der vorigen Saison gezogen hat, ist also übertrieben?

In der Bundesliga ist alles möglich. Keiner von uns darf so blauäugig sein zu sagen: Naja, wenn’s schlecht läuft, dann werden wir halt Achter oder Neunter. Nee, nee, wir müssen schon alle hoch sensibel sein. Und das sind wir in Gladbach – weil wir’s alle gelernt haben.

Sie haben als Saisonziel nur einen einstelligen Tabellenplatz ausgegeben …

… ja, aber das ist kein Blabla. Das ist die Realität, die wir in Gladbach haben. Wir haben drei Jahre etwas Sensationelles geleistet. Aber jetzt müssen wir uns erst mal stabilisieren.

Herr Eberl, wie ist das für Sie persönlich: plötzlich Krisenmanager sein zu müssen, nachdem es so lange nur bergauf ging?

Ich bin jetzt sieben Jahre Manager, und da war ja nicht alles nur rosarot. Ich habe auch schon ein Jahr erlebt, in dem wir auf dem Platz tierisch auf die Fresse bekommen haben. Ich habe immer wieder Demut gelernt, und ich habe auch in der Zeit des Erfolges nie die Bodenhaftung verloren. Ich bin mit Gladbach schon durch einige Krisen gegangen.

Sie schlafen also noch gut?

Ja. Aber ich finde, diese Frage ist doch etwas überzogen, nach dem zweiten Spieltag in der Bundesliga.

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