Der Ecken-König trifft seine Freunde

Die besonderen Tage von Niklas Schmidt gehen weiter

Niklas Schmidt tritt am Samstag im DFB-Pokal mit Werder gegen seinen Ex-Club VfL Osnabrück an. Mit zwei VfL-Spielern ist er noch befreundet. Während des Spiels aber werde die Freundschaft pausieren.
02.08.2021, 16:58
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Von Björn Knips
Die besonderen Tage von Niklas Schmidt gehen weiter

Niklas Schmidt.

Andreas Gumz

Es ist nicht nur kurios, sondern auch rekordverdächtig: Bei seinem dritten Pflichtspiel-Einsatz für die Profis des SV Werder Bremen hieß es bei Niklas Schmidt wieder „Ecke, Tor“. So eine Bilanz dürfte in der Geschichte des Traditionsclubs einmalig sein, vielleicht sogar bundesweit. Der eigentlich schon aussortierte 23-Jährige wird beim SV Werder zum Ecken-König und am kommenden Samstag nicht nur deshalb ganz besonders im Blickpunkt stehen: Denn in der ersten Runde des DFB-Pokals tritt Schmidt mit Werder bei seinem Ex-Club VfL Osnabrück an.

„Ich freue mich schon sehr darauf“, sagt Schmidt im Gespräch mit unserer „Deichstube“. Er ist wahrlich nicht der erste Profi, der diesen Satz vor so einem Duell benutzt. Bei Schmidt kann aber davon ausgegangen werden, dass er ihn auch wirklich so meint. Denn der Mittelfeldspieler hat in Osnabrück zwei ganz besondere Jahre erlebt. Erst dort sei er zu einem echten Profi geworden – dank des damaligen Trainers Daniel Thioune und dessen Assistenten Merlin Polzin. „Ich bin wirklich dankbar, dass ich Menschen kennengelernt habe, die mich gefördert und ein bisschen an die Hand genommen haben“, hat Schmidt unlängst in einem Deichstube-Interview verraten.

Kontakt zum VfL, den er nach einer zweijährigen Ausleihe und dem bitteren Abstieg im Sommer verlassen musste, gibt es noch reichlich. „Wir haben tatsächlich eine WhatsApp-Gruppe mit Maurice Trapp und Sven Köhler“, erzählt Schmidt und betont die besondere Beziehung zu seinen beiden ehemaligen Mitspielern: „Wir sind eng vernetzt. Darüber bin ich auch sehr froh. Denn im Fußball ist es gar nicht so einfach, Freundschaften aufzubauen.“ Am Samstag spiele das allerdings nur eine Nebenrolle, fügt Schmidt schnell noch an: „Es ist nun einmal ein Pokalspiel, da werden wir 90 Minuten lang keine Freunde sein.“

Gut möglich also, dass der neue Ecken-König seinem Ex-Club ganz schön wehtut. Schließlich hat er hat einen Lauf, sogar einen mit fünfjähriger Unterbrechung. Denn gleich seine erste Ecke als Werder-Profi führte im Herbst 2016 zum 2:1-Siegtreffer von Theodor Gebre Selassie. Lange musste Schmidt anschließend darauf warten, bis er endlich wieder für die Werder-Profis spielen durfte. Einsätzen in der U 23 folgten Ausleihen zum Drittligisten SV Wehen Wiesbaden und zum Zweitligisten Osnabrück. Schmidt machte seine Sache nicht schlecht, aber auch nicht herausragend. Werder-Sportchef Frank Baumann wollte ihn nach der Rückkehr aus Osnabrück jedenfalls gleich zu einem anderen Club weiterreichen – und das für immer. Doch Schmidt spielte eine tolle Vorbereitung und sich damit direkt ins Team. Seine Ecke beim Zweitliga-Auftakt gegen Hannover nötigte Simon Falette gleich mal zu einem Eigentor. So ging es auch in Düsseldorf weiter: Dort nickte Josh Sargent eine diesmal lange Schmidt-Ecke ein. Der inoffizielle Ecken-Hattrick war perfekt.

Sein Coach Markus Anfang spricht gerne von „einer Waffe, die wir mit reinbringen wollen“. Doch allein deshalb stellt er ihn nicht in die Startelf. „Niklas hat keine Angst, will den Ball haben und sucht die Aktionen nach vorne. Er spielt einen guten Ball und versucht immer wieder, die Situationen spielerisch zu lösen“, lobt Anfang, der Schmidt als einen von zwei Achtern einsetzt. Auf diesen beiden Positionen darf aber auch wie ein Zehner agiert werden. Die Spieler sind sehr frei, müssen allerdings auch nach hinten arbeiten. In diesem Bereich hat sich Schmidt enorm verbessert. Er bringt inzwischen auch die nötige Fitness dafür mit. Gegen Hannover gehörte er zu den Bremer Dauerläufern, musste dann kurz vor Schluss mit Krämpfen runter. Ähnlich war es in Düsseldorf, dort hielt Schmidt nach einer auffälligen Leistung immerhin bis zur 77. Minute durch. Bei Werder hatte man ihm das nicht zugetraut, auch deshalb sollte er gehen. An den Fähigkeiten des in der Jugend so gefeierten Riesentalents zweifelte eigentlich nie jemand. Doch was bringt es, wenn der Spieler seine Klasse nicht konstant zeigen kann, weil der Körper nicht mitspielt?

Das ist bei Schmidt auch dank einer Umstellung der Ernährung auf vegane Gerichte kein Thema mehr. Er gehört zwar noch nicht zu den Führungsspielern, ist aber schon mal Standardschütze Nummer eins. Der ruhende Ball gehört ihm, Ecken sind seine Spezialität. In Osnabrück werden sie sich darüber ein wenig wundern, dort gelang Schmidt in seinen zwei Jahren kein Assist mit einem Eckstoß. Immerhin hat er sich von seinem damaligen Teamkollegen Sebastian Kerk (jetzt Hannover 96) einiges abgeguckt, wie er neulich verriet. Da ist sie wieder – diese besondere Beziehung zum VfL.

Doch sein Herzensverein bleibt der SV Werder Bremen. Mit 14 Jahren war der gebürtige Kasseler 2012 an die Weser gewechselt. Natürlich mit dem Ziel, dort Profi zu werden. Im ersten Anlauf reichte es nur zu einem Kurzeinsatz, im zweiten nun schon zu zwei Zweitliga-Spielen. Beim letzten in Düsseldorf fieberte in der turbulenten Schlussphase keiner auf der Auswechselbank so enthusiastisch mit wie Schmidt, der den ganz späten 3:2-Siegtreffer per Jubelsprung feierte. „Es war unglaublich schön nach dieser Achterbahnfahrt“, sagte er später – und der Satz könnte auch seine Karriere beschreiben. Die nächste Station ist dabei für ihn eine besonders schöne: die Bremer Brücke in Osnabrück.

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