Weltmeister Olaf Thon im Interview

„Eggestein lebt von wichtigen Toren“

Nach der Länderspielpause spielt Werder gegen Schalke. Im Interview mit dem WESER-KURIER spricht Olaf Thon über die Lage beider Teams, die Entwicklung von Maxi Eggestein und die Stärken von Nabil Bentaleb.
20.11.2019, 17:35
Lesedauer: 8 Min
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Von Jean-Julien Beer
„Eggestein lebt von wichtigen Toren“

Olaf Thon gewann mit Schalke 1997 den Uefa-Cup.

dpa

Herr Thon, Schalke feierte auswärts schon drei Siege, Werder gewann erst ein Heimspiel in dieser Bundesliga-Saison. Ist damit die Favoritenrolle klar fürs Wochenende?

Olaf Thon: Nach der vergangenen Saison hätte man eher davon ausgehen können, dass Werder stärker ist als Schalke. Es hat sich aber von Anfang an gezeigt, dass Schalke 04 überraschend stark ist und sogar noch mehr Punkte hätte haben können, mit etwas mehr Glück. Bei Werder läuft es genau umgekehrt: Von Beginn an haben sie mit Verletzungen zu kämpfen. Sahin und andere haben dann den Laden im Mittelfeld nicht in den Griff bekommen. Favorit ist dennoch keiner, finde ich, es wird ein 50:50-Spiel, in dem wirklich alles passieren kann.

Werder wollte nach Europa, ist jetzt aber auf den 14. Platz abgerutscht, nur zwei Punkte vor dem Relegationsrang. Ist es gefährlich, wenn man denkt, man ist zu gut für den Abstieg?

Den Fehler werden sie nicht machen. Sie haben erfahrene Spieler im Team, allen voran Claudio Pizarro, der Jungs wie die Brüder Eggestein führen kann. Die älteren Spieler wissen schon genau, worum es geht. Auch Trainer Florian Kohfeldt weiß, dass jetzt erstmal Abstiegskampf angesagt ist. Die Vereinsführung bei Werder Bremen ist ebenfalls dafür bekannt, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Ich bin sicher: Sie haben verstanden, in welch prekärer Situation sie sind. Wobei man auch sagen muss: Die Ergebnisse waren in der Regel sehr knapp, sie haben nie so richtig einen vor den Bug bekommen.

Schalke hingegen hätte in dieser Saison mehrmals Tabellenführer werden können. Warum klappt das in den entscheidenden Momenten nicht?

Ich glaube, das ist vor allem der Überraschung geschuldet, dass sie überhaupt so gut dastehen. Aber natürlich machte sich zuletzt auch der Ausfall der beiden Innenverteidiger Stambouli und Sané bemerkbar. Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Trainer David Wagner hat zwar gesagt, ihm sei egal, wer die Tore macht – wenn aber die Stürmer gar nicht treffen, ist das auf Dauer eine Schwächung. Ich glaube jedoch, die Stürmer werden bald wieder treffen. Und im Mittelfeld wird Suat Serdar immer besser, er spielt jetzt mit sehr viel Selbstvertrauen, auch Omar Mascarell zieht dort super die Fäden.

Hinzu kommt mit Alexander Nübel ein überragender Torhüter…

Das ist wirklich ein superstarker Torwart. Ich habe ihn jetzt auch einige Male im Training beobachtet. Es ist unfassbar, was der für Bälle hält. Sein Vertrag läuft bekanntlich aus. Da bin ich mal gespannt, wo die Tendenz hingeht, wo er im nächsten Jahr spielen wird. Ich hoffe natürlich: auf Schalke!

Es gab ja schon Schalker, die zum FC Bayern gegangen sind, wie Sie wissen, Herr Thon…

Aber bei mir war die Konstellation anders. Damals sind Lothar Matthäus und Andreas Brehme von Bayern zu Inter Mailand gewechselt, dadurch waren im Münchner Team Plätze frei. Aber Manuel Neuer wird bei Bayern bleiben. Für mich ergibt es überhaupt keinen Sinn, dass Nübel nach München geht. Alle, die normal denken, sehen das so. Außer, jemand wüsste mehr. Dass Neuer aufhört, Fußball zu spielen, zum Beispiel. Das glaube ich aber nicht. Oder dass Neuer ins Ausland geht, aber das glaube ich auch nicht. Und einen Zweikampf zwischen Nübel und Neuer im Bayern-Tor wird es auch nicht geben.

Sie waren als Weltmeister später auch der Kapitän der Schalker Eurofighter von 1997. Der jetzige Schalke-Trainer David Wagner war damals ein Ergänzungsspieler im Kader, hat aber keine größere Rolle gespielt. Welche Erinnerungen haben Sie eigentlich an ihn?

Ich würde es nicht ganz so hart formulieren, er hat damals ja auch ein Tor geschossen und zum Erfolg der Mannschaft beigetragen, vor allem, als unser Sturmduo Mulder/Max verletzt ausfiel. Er war ein schneller Stürmer. Es können halt nicht immer alle spielen, man braucht aber einen großen Kader. Es ist aber wichtig, dass ein großer Kader auch funktioniert, gerade das sieht man heute bei Schalke und David Wagner. Mit dem gleichen Personal wie im Vorjahr kann man auf einmal wieder Berge versetzen. So war es auch bei Bayern München. Der Niko Kovac hat es nicht hinbekommen, und dann kommt der Hansi Flick und gewinnt mit dem gleichen Kader wieder. Das ist also auch eine Kunst.

Immerhin hat Schalke wieder einen Trainer mit Stallgeruch, wie man so schön sagt.

Ja, David Wagner, der lange weg war von Schalke, ist wieder heimgekehrt. Das ist wunderbar zu sehen. Aber die jetzigen Erfolge haben nichts damit zu tun, ob auf der Bank nun der Marc Wilmots säße oder er. Jetzt zählt nur die Trainerleistung – und nicht mehr, was vor 20 Jahren bei den Eurofightern mal war. Natürlich kann man darüber schön philosophieren und wir liegen uns dann auch mal in den Armen und sprechen über die alten Zeiten. Umso besser, wenn einer mit Stallgeruch zurückkommt, auch wenn er als Spieler nicht die totale Performance hatte. Aber David Wagner war dabei damals, also ist er einer von uns.

Werder will trotz der Krise und sieben nicht gewonnenen Bundesligaspielen weiter offensiv nach vorne spielen. Ist das naiv oder löblich?

Ich finde das genau richtig. David Wagner hat der Schalker Mannschaft auch Aktivität verordnet. Das zahlt sich in der Tabelle aus, Rückschläge gehören jedoch auch dazu. Wie nun bei Werder. Natürlich gehen einem Trainer später irgendwann die Argumente aus, wenn er zehnmal nicht gewonnen hat. Ich glaube: Wenn Florian Kohfeldt noch fünf weitere Spiele nicht gewinnt, dann wird er sich auch anders äußern. Das sind alles Momentaufnahmen. Aber klar ist: Wenn man so lange nicht gewinnt, steht ein Trainer massiv unter Druck. Dann seine offensive Spielweise beizubehalten mit diesen tollen Offensivspielern von Werder, das wird nicht einfacher. Dieser Milot Rashica übrigens, der gefällt natürlich auch mir sehr gut. Da wird Werder große Schwierigkeiten haben, diesen Spielern zu halten. Ich finde Werders Kader insgesamt spitze, es ist schade, dass sie so viel Pech mit den Verletzungen hatten.

Als früherer Weltklasse-Mittelfeldspieler haben Sie ein besonders gutes Auge für die Position. Wie schätzen Sie Bremens Maxi Eggestein ein?

Ich denke, man kann ihn ein wenig mit Schalkes Harit vergleichen. Das sind beides sehr bewegliche und schnelle Spieler. Gerade die Leute, die hinter den Spitzen agieren, werden natürlich auch an Toren und Vorlagen gemessen. Und da kann Maxi Eggestein noch viel, viel mehr.

Vergangene Saison hatte er zu dieser Zeit schon vier Tore geschossen, jetzt noch keins. Teilweise musste er aber auch defensiver spielen.

Und genau das ist das Problem dabei. Besser, man bleibt bei seinem ursprünglichen Plan. Man wird oft gezwungen, das stellt man immer wieder fest, dass man nach hinten geht, wenn viele Leute ausfallen. Denn hinten gewinnt man ja angeblich die Spiele. Wenn ich mir Schalke jetzt ansehe: Da geht es immer nur nach vorne. Es ist schön zu sehen, welches Selbstvertrauen die Mannschaft dadurch nun hat. So gelingen Dinge, die im vergangenen Jahr unmöglich schienen.

Eggestein durfte schon einmal bei Joachim Löw reinschnuppern, trotz einer starken U21-EM als Stammspieler wurde er aber nicht mehr nominiert, dafür zum Beispiel der Ex-Schalker Sebastian Rudy. Kann das einen jungen Spieler ablenken?

Schwer zu sagen. Jogi Löw hat natürlich eine Riesen-Auswahl an talentierten Spielern. Wenn er sich auf einmal für Rudy entscheidet, muss man sagen: Puh, das war überraschend, aber er hat offenbar einen erfahrenen, ballsicheren und spielstarken Mann im Mittelfeld gebraucht – und deshalb ist Maximilian nicht dabei gewesen. Das sind meist ganz einfache Erklärungen. Und es geht oft einher mit der Leistung im Verein: Bist du mit deinem Klub erfolgreich, dann hast du auch mehr Chancen in der Nationalelf. Das sieht man gerade bei Schalkes Suat Serdar. So muss auch Eggestein das sehen und einfach weitermachen. Wobei ich glaube, dass er seine Stärken mehr in der gegnerischen Hälfte hat als weiter hinten.

Er hat selber schon gesagt, dass Löw eher die Spieler nominiert, die international spielen…

Das ist doch klar.

Eggestein hat seinen Vertrag bei Werder verlängert und ist nicht zu einem anderen Klub gewechselt. Macht es das schwerer, Nationalspieler zu werden?

Ja, aber das ist ja seine Entscheidung gewesen, bei Werder zu verlängern. Er hätte ja auch zu einem Verein gehen können, der international spielt. Dafür ist er selber verantwortlich. Ich denke aber, der Zeitpunkt wird für ihn noch kommen, eine solche Entscheidung zu treffen – je nachdem, wie er mit einer Leistungssteigerung vorankommt oder eben nicht. Für größere Vereine muss man sich empfehlen. Das ist bei ihm im Moment nicht da, aber das ist auch kein Problem. Er hat ja gerade erst bei Werder verlängert. Es ist vielleicht ganz gut, als junger Spieler dort sein Umfeld zu haben. Alles braucht seine Zeit. Leute wie er, das ist aber klar, die leben von den Big Points, also von wichtigen Toren und Vorlagen – und davon, dass eine Mannschaft funktioniert. Wenn die Mannschaft gegen den Abstieg spielt, dann bist du bei den internationalen Klubs genauso wenig gefragt wie beim Bundestrainer. Das ist ja auch normal: Löw kann zwischen zehn starken oder sogar stärkeren Spielern für eine solche Position auswählen, da nimmt er natürlich die, die gerade einen Lauf und eine breite Brust haben.

Im Sommer wollte Werder den Schalker Problemfall Nabil Bentaleb verpfichten. Hätte er Werder besser gemacht?

Mal abgesehen davon, dass Bentaleb nicht fit war und sich noch einmal operieren lassen musste, hat Werder einen ähnlichen Spieler eigentlich schon im Mittelfeld mit Nuri Sahin. Auch er ist ein Linksfuß, wobei Bentaleb ein offensiverer Spieler ist, den ich ungern in der eigenen Hälfte habe spielen sehen. Der hat seine Qualitäten wirklich hinter den Spitzen. Alles andere ist für ihn nicht so optimal, auch wenn ihn der damalige Schalker Trainer Domenico Tedesco gerne im defensiven Mittelfeld einsetzte. Ich habe immer gesagt: Das gefällt mir nicht, weil er zu risikoreich im Spielaufbau war und dadurch zu viele Bälle in der eigenen Hälfte verloren hat. Aber vorne, mit seinem Zauberfuß, da hat er geniale Pässe gespielt. Ein Spitzenmann, ganz ohne Zweifel. Ich bin mal gespannt, ob Schalke da selbst noch einmal zugreift und nach seiner Genesung versucht, ihn wieder ins Team zu integrieren. Der Vertrag läuft ja noch bis 2021 und er hat wirklich großes Potenzial. Aber man sieht daran auch: Eine Mannschaft muss funktionieren. Da zählen nicht immer nur die sportlichen Fähigkeiten des einzelnen Spielers. Man muss sich auch entsprechend in ein Team einbringen.

Aber immerhin hat Bentaleb mal 20 Millionen gekostet. Das ist auch für Schalke viel Geld.

Sehr, sehr viel Geld. Bentaleb war mit der teuerste Transfer. Es ist schade, dass es so gekommen ist. Trotzdem hoffe ich, dass er noch einmal eine Chance bei Schalke bekommt und dann funktioniert. Aber das ist Zukunftsmusik. Im Moment läuft es im Schalker Mittelfeld sehr gut mit Harit, Mascarell und Serdar.

Einen Ex-Schalker gibt es bei Werder schon: Benjamin Goller spielt seine erste Bundesliga-Saison. Hat Sie das überrascht oder gefreut?

Auch wenn Schalke mit Norbert Elgert den besten Jugendtrainer der Welt hat, können ja nicht alle Nachwuchsspieler bei Schalke auch Profi werden. Ich habe Benjamin öfters spielen sehen und fand ihn immer stark, weil er wahnsinnig schnell und trickreich war. Es ist nicht überraschend, dass er jetzt gerade im Sturm für Werder eine Option ist. Und der kann natürlich genauso von einem Claudio Pizarro profitieren wie die anderen jungen Spieler bei Werder auch. Was Pizarro mit seinen 41 Jahren noch leistet, das ist ja wirklich unglaublich. Vielleicht spielt er bald in der Traditionsmannschaft von Werder Bremen, und dann gegen uns Schalker. Aber eigentlich ist er dafür noch viel zu fit.

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