Interview mit dem Werder-Sportchef Eichin: "An Schmerzgrenze gehen"

Bremen. Thomas Eichin spricht im Interview über Vertragsverhandlungen mit Aaron Hunt und sein erstes Jahr bei Werder.
Lesedauer: 4 Min
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Eichin:
Von Patrick Hoffmann

Bremen. Es ist zweifellos ein aufregendes Jahr für Werders Sportchef Thomas Eichin gewesen. Erst der Abstiegskampf im Frühjahr, dann die Trennung von Langzeit-Trainer Thomas Schaaf im Sommer und im Winter auch noch die Diskussionen um dessen Nachfolger Robin Dutt. Im Gespräch mit Patrick Hoffmann zieht der 47-Jährige ein Jahresfazit.

Herr Eichin, sind Sie froh, dass das Jahr 2013 in ein paar Tagen vorbei ist?

Thomas Eichin: Nein. Es war für mich ein sehr interessantes, aufregendes, nervenaufreibendes Jahr. Ich bin aber Realist, und deshalb habe ich die Situation hier in Bremen schon ganz richtig eingeschätzt, als ich im Februar als Sportchef angefangen habe.

Ach ja? Wie haben Sie die Situation im Februar denn eingeschätzt?

Werder hat in den vergangenen Jahren nicht so erfolgreich gespielt, wie sich das der eine oder andere vielleicht erhofft hatte. Das hat aber auch Gründe. Durch die Nichtteilnahme an europäischen Wettbewerben musste der Etat für die Mannschaft in den letzten Jahren um 35 Prozent reduziert werden. Werder hat glorreiche Zeiten hinter sich, aber die waren nicht die Normalität, sondern die Ausnahme.

Hand aufs Herz: Haben Sie wirklich gedacht, dass es so ein aufregendes Jahr werden würde? Mit dem Abstiegskampf im Frühjahr, der Trennung von Thomas Schaaf ...

... nein, nicht mit allen Einzelheiten. Ich habe nicht damit gerechnet, dass wir in der Saison 2012/2013 noch mal so enorm in den Abstiegskampf rutschen. Das ist mir erst nach ein paar Spieltagen bewusst geworden, dass das passieren kann. Aber ich habe sehr schnell gemerkt, dass Anspruch und Wirklichkeit in Bremen schon ein bisschen auseinanderliegen, und dass wir drei erfolglose Jahre nicht einfach in einer Hinrunde wieder begradigen können. Es wird einige Transferperioden brauchen, bis wir auch mal wieder an den europäischen Plätzen kratzen können.

Sie haben die Hinrunde der laufenden Saison erwähnt: Wie lautet Ihr Zwischenfazit?

Mein Ziel waren 20 Punkte in der Hinrunde. Gut, jetzt sind es nur 19 geworden, wir sind da also ein bisschen hinten dran.

Die Punktausbeute ist das eine, die Entwicklung der Mannschaft das andere. Wie zufrieden sind Sie damit?

Wir haben vor der Saison gesagt, dass wir die vielen Gegentore abstellen müssen, die Werder Bremen in den letzten Jahren immer bekommen hat, und die in den vergangenen Jahren nur durch enorme Qualität in der Offensive ausgeglichen werden konnten. Diese Spieler können wir heute aber nicht mehr bezahlen, und deshalb war es wichtig, die Defensive zu stärken. Das ist uns in den ersten Spielen auch gelungen, und danach haben wir vielleicht geglaubt, das wir schon weiter wären.

Liegt die Mannschaft also hinter dem Plan?

Das ist schwierig zu beurteilen. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Es ist sicher so, dass wir mit 19 Punkten nicht zufrieden sind. Ich hätte gerne das Mindestziel von 20 Punkten erreicht oder vielleicht noch ein paar mehr. Auch die hohe Zahl der Gegentreffer ist etwas, womit wir nicht zufrieden sind. Das gilt es abzustellen. Aber generell wurde mir der Saisonverlauf, gerade nach dem München-Spiel, zu dramatisch dargestellt.

Inwiefern?

Es ist doch so: Wir haben eine klare Entwicklung innerhalb der Mannschaft. Wir haben einen hervorragenden Mannschaftsgeist. Wir haben überhaupt keinen Spieler mehr, der nicht in dieses Team hineinpasst. Das ist ein ganz, ganz wichtiger Faktor für die Zukunft. Das einzige, was ich negativ beurteilen muss bislang, ist, dass wir in unseren Heimspielen zu wenig Punkte gemacht haben. Ich bin auch nur in ganz wenigen Spielen unzufrieden gewesen mit der Einstellung der Mannschaft. Die ersten zwanzig Minuten gegen Frankfurt als Beispiel, wo wir einfach nicht mutig genug waren. Ich bin nicht unzufrieden, ich bin aber auch nicht zufrieden. Wir werden uns in allen Bereichen steigern müssen. Aber das werden wir auch tun.

Sie könnten die Qualität auch durch Transfers steigern. Holen Sie im Winter neue Leute? Und was müsste dieser Spieler mitbringen?

Er müsste eine absolute Qualitätssteigerung darstellen. Und das ist bei Wintertransfers nicht einfach. Man sagt das immer so leicht: Werder braucht Verstärkungen. Aber mit jedem neuen Spieler blockiere ich einen anderen. Wir versuchen doch gerade, Talente wie Felix Kroos, Davie Selke und Martin Kobylanski einzubauen. Wenn ich jetzt auf dem Transfermarkt aktionistisch rumrenne, blockiere ich diese jungen Spieler. Außerdem sind in unserem Konsolidierungsplan für den Winter keine Transfers geplant. Nur, wenn ich da hundertprozentig mit dem Trainerteam der Meinung bin, dass da jemand eine starke Verbesserung ist, werden wir was tun.

Es wurden zuletzt immer wieder die Namen Darryl Lachmann und Marco Motta gehandelt.

Ich sage zu beiden erstmal nichts. Da gibt es auch noch 50 bis 100 andere Namen, die bei mir in Notizblöcken stehen. Zu Motta kann ich nur deshalb etwas sagen, weil Spieler von Juventus Turin im Zuge unserer Kooperation immer sehr interessant sind, wenn sie dort nicht zum Stammpersonal gehören. Motta ist sicher ein sehr guter Spieler, aber es ist auch die Frage, ob er besser ist als ein Theodor Gebre Selassie oder ein Clemens Fritz.

Suchen sie aus finanziellen Gründen vor allem ablösefreie Spieler und Profis aus unteren Ligen?

Es gibt da schon noch ein paar andere Möglichkeiten. Aber wir können halt nicht mehr das Scheckbuch zücken und mit anderen Bundesligisten mitbieten bei Sieben-, Acht-Millionen-Euro-Transfers. Wir müssen versuchen, kreative Dinge zu machen. So wie bei Santiago Garcia, Franco Di Santo und Luca Caldirola. Das sind alles junge Spieler mit Steigerungspotenzial. Es kann aber auch sein, dass ich im Sommer einen älteren Spieler hole, wenn ich glaube, dass er für unser Team wichtig ist.

Und wie sieht es bei den Vertragsverlängerung aus? Wie ist der Verhandlungsstand bei Aaron Hunt?

Ich werde bei Aaron bis an die Schmerzgrenze gehen, weil er ein enorm wichtiger Spieler für die Mannschaft ist. Er wird sich entscheiden müssen, ob er eine Werder-Ikone werden möchte, eine Art Kultfigur. Oder ob er, und dazu hat er die Klasse, noch einmal wechselt und noch mal sehr, sehr gutes Geld verdient und etwas Neues ausprobiert. Wir werden im Januar das nächste Gespräch führen, und vielleicht sind wir dann schlauer.

Und wie sieht es bei Sebastian Mielitz aus?

Sebastian Mielitz hat gerade eine schwierige Phase hinter sich, da muss man erst mal abwarten, wie die Entwicklung ist. Und dann werden wir uns sicher zeitnah zusammensetzen.

Es ist Weihnachten. Sie dürfen sich jetzt also einfach mal ein paar Dinge für 2014 wünschen. Also, bitte.

Ich wünsche mir für die Rückrunde genügend Punkte, um in Ruhe an dieser Mannschaft arbeiten zu können. Und ich wünsche mir, dass unsere Fans uns weiterhin so unterstützen. Das finde ich bislang vorbildlich, und das habe ich so noch bei keinem Verein erlebt.

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