Die Lehren aus dem Berlin-Spiel

Ein bisschen Hertha sein

Werder zeigte sich in Berlin mitunter überfordert mit der harten Gangart des Gegners. Dieter Eilts und Uli Borowka, einst selbst für die Härte im Bremer Spiel zuständig, ordnen das Problem ein.
18.02.2019, 20:11
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Jannik Sorgatz

Sören Storks war bereits mit den Fingern in seiner Brusttasche unterwegs, doch nach kurzer Überlegung ließ er die Gelbe Karte doch stecken. Hertha-Verteidiger Niklas Stark war, wie Werder-Trainer Florian Kohfeldt später rekapitulierte, „voll aufs Standbein“ von Milot Rashica gegangen. Nach der unliebsamen Erfahrung im Zweikampf schien Rashica in der Folge wie ein Fahranfänger den einen oder anderen Schulterblick mehr einzustreuen, um auf Nummer sicher zu gehen, dass außerhalb seines Sichtfeldes nicht wieder jemand heranrauscht.

Diese Szene in der 21. Minute beim 1:1 zwischen Hertha BSC und Werder hatte am Sonnabend durchaus Symbolwert. "Es war hart und mit dieser Härte sind wir nicht richtig klargekommen. Wir haben nicht mehr Fußball gespielt, wie wir wollten", sagte Kohfeldt, der jedoch nicht Schiedsrichter Storks für die schwache Leistung seiner Mannschaft verantwortlich machen wollte: „Hertha war clever. Sie haben das gemacht, was der Schiedsrichter erlaubt hat." Dennoch blieb der Eindruck zurück, Werder habe sich den Schneid abkaufen lassen von einem aggressiven Gegner, das fand auch Dieter Eilts:


Bargfrede ist der Mann, den auch Uli Borowka im Gespräch mit Mein Werder nennt. Der heute 56-Jährige verdiente sich, so kann man es ausdrücken, von 1987 bis 1996 in Bremen den Spitznamen "Die Axt". „Die Sechserposition ist heute die wichtigste. Ein Philipp Bargfrede könnte vorwegmarschieren, dafür müsste er aber mal 30 Spiele machen in einer Saison", sagt Borowka mit Blick auf die Verletzungsanfälligkeit des 29-Jährigen. Für ihn hat Tabellenführer Borussia Dortmund mit Axel Witsel und Thomas Delaney eine "grandiose Lösung" gefunden, um auf der Sechs spielerische Stärke mit Zweikampfhärte zu verbinden. "Die können das Spiel lesen, aber auch mal dazwischenkacheln", sagt Borowka. Dass Delaney aus Bremen zum BVB wechselte, ist die Ironie dieser Geschichte.

Florian Kohfeldt hat sich als Cheftrainer einem spielerischen und ballbesitzorientierten Ansatz verschrieben, auf diese Weise hat Werder in den vergangenen 16 Monaten eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht vom Abstiegskandidaten zum Mitbewerber um die Europa-League-Plätze. Trotzdem stellt sich die Frage, ob die Mannschaft mitunter zu brav agiert. "Problematisch ist es schon, dass sie sich körperlicher Härte in ihrer Spielweise nicht anpassen können", schreibt ein User auf der Mein-Werder-Facebook-Seite. "Da fehlt mir dann oft die Kreativität oder Schnelligkeit. Wenn der Gegenspieler zu nah am Mann ist, dann muss eben der Ball schneller und cleverer laufen." Im Prinzip geht die Analyse in die Richtung, die auch Kohfeldt am Sonnabend einschlug. „Wir müssen daran arbeiten, dass wir wieder besser Fußball spielen, um so einen Gegner zu bestrafen", sagte er und meinte Herthas legitime, aber eben auch destruktive Herangehensweise.

Selbst Uli Borowka als Axt a. D. gefällt dieser Stil nicht besonders. „Ich habe viele Freunde in Berlin. Die würden sich auch mal etwas anderes wünschen", sagt er. Borowka hat große Erfolge in einer Zeit gefeiert, als weder während des Spiels zwischen Hertha und Werder noch danach ausgiebig debattiert worden wäre. Doch auch Dieter Eilts, sein Kollege von damals, weist darauf hin, dass sich die Regelauslegung seit den 80ern und 90ern enorm gewandelt habe – und nicht nur das:


Zahlen, an denen sich ein Bremer Problem mit gegnerischer Härte festmachen ließe, gibt es kaum. Umgekehrt sind Florian Kohfeldts Spieler selbst keine kompletten Kinder von Traurigkeit. Sie foulen im Schnitt 12,1-mal pro Partie, Herthas Spieler 13,5-mal. Die Unterschiede sind nicht riesig. Es fällt höchstens auf, dass Tabellenführer Dortmund am seltensten foult, es folgen der Zweite Bayern München und der Dritte Borussia Mönchengladbach. Dann kommt in der Foultabelle allerdings schon der VfB Stuttgart, Werders nächster Gegner, der momentan nicht Vierter, sondern 16. ist. Bremens Auftritt in Berlin hat dem VfB Anschauungsmaterial geliefert, welche Mittel am Freitag die richtigen sein könnten. Doch Werder-Coach Florian Kohfeldt hat zuletzt gesagt: „Wir lernen noch, und ich hoffe, wir lernen weiter schnell.“ Das muss sein Team nun auch in einem Kontext zeigen, der mit schönem Fußball weniger zu tun hat.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+