Werders Testspielgegner Bidvest Wits

Ein Dämpfer für die „Clever Boys“

Die Bidvest Wits führen trotz einer Niederlage gegen die Kaizer Chiefs weiter die Tabelle der Premier Soccer League an. Am Freitag treffen sie mit dem aktuell einzigen deutschen Spieler in Südafrika auf Werder.
11.01.2019, 11:08
Lesedauer: 3 Min
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Von Jannik Sorgatz
Ein Dämpfer für die „Clever Boys“
Mein Werder

Gavin Hunt hat seine persönliche Heatmap in der Coaching-Zone über 90 Minuten tiefrot gefärbt. Doch als die 0:2-Niederlage seiner Mannschaft besiegelt ist, vergrößert der Trainer der Bidvest Wits seinen Aktionsradius mit einem beherzten Sprint auf den Rasen in Richtung Schiedsrichter. Der ist allerdings nicht Hunts primäres Ziel, der Coach will seine Spieler einfangen, die dem Schiedsrichter seit einer Rudelbildung in der Nachspielzeit gar nicht mehr von der Pelle gerückt sind. Robyn Johannes hatte nach einem Check erst die Gelbe Karte gesehen, aus der nach einem verbalen Feuerwerk eine glatte Rote Karte wurde.

Schon vor dem Anpfiff notiert ein Reporter in seinem Bericht: „electrifying atmosphere“. Dass das kleine Bidvest Stadium mit seinen zweieinhalb Tribünen an diesem Abend unter Spannung steht, dazu tragen die Mannschaften auf dem Platz und die Fans drumherum gleichermaßen bei. Die Kaizer Chiefs, Südafrikas populärster Verein aus dem Township Soweto, hat wie immer so viele Fans mitgebracht, dass der Heimvorteil des Gegners schwindet, die Wits werden dafür von der Marching Band der Universität, an der sie 1921 gegründet wurden, musikalisch angefeuert. Es gibt Bier, Chips, Popcorn und Biltong, südafrikanisches Trockenfleisch, der Bass aus den Boxen lässt die alte Tribüne vibrieren. Vor der Skyline Johannesburgs herrscht eine Stimmung, die an Karneval in Rio und an einen Freitagabend beim High-School-Football in den USA erinnert.

Das Niveau auf dem Rasen kann mit der Atmosphäre jedoch nicht mithalten. Bei den Chiefs läuft es sportlich generell nicht in dieser Saison. Seit Ernst Middendorp, Arminia Bielefelds Jahrhunderttrainer, zum zweiten Mal übernommen hat, gab es zwar erst eine Niederlage. Doch die Meisterschaft ist nach der Hälfte der Saison schon kaum noch zu erreichen. Dagegen träumen die Bidvest Wits, einst als Wits University Football Club gegründet, von der zweiten nach 2017. Bereits damals hieß ihr Coach Gavin Hunt, mit insgesamt vier Titeln ist der Mann mit dem Körper eines Rugbyspielers der erfolgreichste Vereinstrainer des Landes. Dass die Wits in den ersten 16 Spielen nur zehn Gegentore kassiert haben, untermauert die starke Saison im Sinne des Sprichworts, wonach die Defensive Meisterschaften gewinnt. Überhaupt ist die Premier Soccer League in Südafrika eher zwischen den Strafräumen ein Spektakel, es fallen im Schnitt nur etwas mehr als zwei Tore.

Der einzige Deutsche in Südafrikas erster Liga

Die Wits pendeln gegen die Chiefs zwischen einer Dreier- und einer Viererkette. Hinten können sie fast ausschließlich Nationalspieler aufbieten, was gegen Werder am Freitag allerdings nicht der Fall sein dürfte. Doch Hunt ist dafür bekannt, viel und mitunter undurchsichtig zu rotieren. Gegen die Chiefs zählt Denis Weidlich zu den Spielern, die auf der Tribüne sitzen. Der 32-Jährige ist in Hamburg aufgewachsen und hat 163 Drittligaspiele in seiner Karriere gemacht, die meisten für Hansa Rostock und Rot-Weiß Erfurt. 2012 stand Weidlich für Erfurt in ein paar Spielen mit dem damals 18-jährigen Kevin Möhwald auf dem Platz. Aktuell ist er der einzige deutsche Spieler in Südafrikas erster Liga. Sein ehemaliger Trainer in Rostock, Peter Vollmann, empfahl ihn vor zwei Jahren an Ernst Middendorp weiter. So wechselte Weidlich erst zu Maritzburg United und von dort zu den Wits.

Die werden in der ersten Halbzeit gegen die Chiefs nur aus der Distanz und nach Standards ansatzweise gefährlich. Auch Werders Sportchef Frank Baumann sieht ein Zweikampf-Festival im Mittelfeld, das zwar unterhaltsam ist, sich fußballerisch aber auf einem überschaubaren Niveau bewegt. Immerhin: Gegen die schnellen Spieler der Wits wird Werders Konterabsicherung geprüft werden. Die wiederum versagt bei den Wits, nachdem die Chiefs mit einem ihrer ersten Schüsse aufs Tor in Führung gegangen sind. Das 0:2 ist die Vorentscheidung und der Jubel der Chiefs-Fans wirft ernsthafte Fragen auf, wie es erst abgehen muss, wenn ihre Mannschaft mal wieder einen Titel gewinnt.

Coach Hunt sagt lieber nichts

Die Wits, Spitzname „The Clever Boys“, bleiben Tabellenführer, haben aber an Vorsprung auf die Orlando Pirates eingebüßt. „Ich sage lieber nichts, nachher sage ich etwas, was ich nicht sagen sollte“, sagt Trainer Hunt nach dem Spiel. Ob er damit den Auftritt seiner Mannschaft meint, die kaum eine richtige Torchance hatte, oder die Linie des Schiedsrichters, bleibt unklar. Von einem Interview und ein paar Fragen zum Spiel gegen Werder rät die Pressesprecherin der Wits ab: „Ich glaube, das ist kein guter Abend.“

Dass Werders Spieler am Freitag nicht in den Genuss der speziellen Atmosphäre im Bidvest Stadium kommen werden, ist definitiv ein Wermutstropfen. Auch dieser Test muss unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, allerdings ist er von 17 Uhr deutscher Zeit auf 13 Uhr verlegt worden – dann ist das Gewitterrisiko geringer. Denis Weidlich freut sich trotzdem auf das Duell mit dem Bundesligisten: „Wir werden einiges sehen, was wir noch lernen können.“

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