Werder hat Selke-Transfer forciert Ein ganz schön günstiger Millionendeal

Für viele Fans war der Böse schnell gefunden: Davie Selke selbst. Doch vieles spricht dafür, dass Selke eben nicht die treibende Kraft bei seinem Wechsel von Werder Bremen zu RB Leipzig war.
04.04.2015, 00:00
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Ein ganz schön günstiger Millionendeal
Von Timo Sczuplinski

Werders Spieler standen am Freitagnachmittag längst zum Abschlusstraining bereit. Nur einer fehlte: Davie Selke. Nein, er hatte sich noch nicht auf den Weg nach Leipzig gemacht. Er war natürlich in Bremen. Nur hing er auf dem Weg zum Übungsplatz in einer Fantraube fest. Doch statt mit Pöbeleien und Buhrufen begrüßte die grün-weiße Anhängerschaft Selke mit massenweise Autogrammwünschen. Hier eine Unterschrift, da ein vorweggenommenes Abschiedsfoto. Keine Spur von Wut. Bloß freundliche Zuneigung.

Immer noch überlagert die Nachricht von Davie Selkes Wechsel für etwa acht Millionen Euro zu RB Leipzig alles, was sonst noch so bei Werder passiert. In der grün-weißen Glückseligkeit samt sportlicher Wiederauferstehung ist Selkes Weggang für viele Fans ein schmerzhafter Stich in die Seele.

Der Böse in dieser Angelegenheit war für einige schnell gefunden: Davie Selke selbst. Die Wut über seinen Wechsel schaffte es bald aus dem Parallel-Universum der sozialen Netzwerke in die reale Welt. Ein Bremer Friseur wurde bedroht – bloß weil er mit einem Selke-Foto um Kunden warb. An Werders Trainingsplatz wurden Bodyguards eingesetzt für den Fall, dass doch jemand auf die Idee kommt, seinen Frust über den Wechsel persönlich an Selke auszulassen. Es würde auch nur wenig überraschen, begrüßten einige Stadionbesucher Davie Selke an diesem Nachmittag vor dem Spiel gegen Mainz 05 mit Pfiffen.

„Unsere Aufgabe ist es, Davie zu schützen“, sagt Werders Geschäftsführer Thomas Eichin deshalb. „Ich mache mir da eigentlich keine Sorgen. Und wenn es Pfiffe gibt, dann werden sie Davie nicht belasten“, sagt Trainer Viktor Skripnik. „Ich hoffe, uns auch nicht“, sagt Mittelfeldspieler Zlatko Junuzovic.

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Selkes Wechsel bringt eine Aufregung in die Werder-Welt, die den Bremern im Endspurt um die Europa-League-Plätze so gar nicht passt. Genauso passt Selkes Wechsel auch nicht in die Welt derer, die sich das Bundesliga-Geschehen viel weniger vom Geld gesteuert wünschten. Zugleich tut man Selke aber auch Unrecht, wenn man ihn als Initiator dieses Transfers sieht. Der Gang nach Leipzig mag ihn finanziell und irgendwann auch sportlich besser stellen. Doch in erster Linie scheint Werder der Profiteur dieses Spielerhandels zu sein.

Vieles spricht dafür, dass Selke eben nicht die treibende Kraft bei diesem Unterfangen war. Der Lockruf aus Leipzig war keiner, auf den Selke die ganze Zeit nur so gelauert hätte. Er war vielmehr ein Angebot, das Werder zu einem ziemlich günstigen Zeitpunkt ins Haus geflattert kam. Wichtige Vertragsgespräche standen bei den Bremern an oder waren in vollem Gange. Da waren die Millionen aus Leipzig gute Verhandlungsmasse.

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„Wir haben die Sache nicht gleich im Keim erstickt“, sagt Werders Geschäftsführer Eichin im Rückblick auf die Winterpause, in der Leipzig den ersten Anlauf nahm, Selke zu verpflichten. Mit Selkes Okay forcierte Werder das Geschäft sogar. Der Deal soll bereits vor Monaten als beschlossen gegolten haben.

Selkes Weggang sollte den Klub sportlich nicht ganz so sehr schmerzen, wie es etwa bei Zlatko Junuzovic der Fall gewesen wäre. Dessen Vertragsverlängerung im Februar war in dieser Form aber auch nur dadurch möglich geworden, dass Eichin im Winter schon „die Aussicht auf ein Transferplus“ hatte, so der Geschäftsführer. Mit anderen Worten: Auch die Selke-Millionen finanzierten Junuzovics neuen, besser dotierten Vertrag mit.

„Handlungsfähiger“ sei Werder nun, sagt Eichin. Nicht nur für das Ziel, möglichst viele andere Leistungsträger wie Franco Di Santo zu halten, sondern auch, um einen Neuen von außen dazu zu holen. Neben Anthony Ujah (1. FC Köln) ist auch der 23-jährige Mark Uth (SC Heerenveen) in Werders Fokus für die Selke-Nachfolge. Bei der Suche nach Ersatz sei man schon relativ weit, sagte Eichin.

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So gesehen hat Werder mit dem Verkauf von Selke offenbar vieles richtig gemacht. Andererseits werfen die Gründe, die den Selke-Deal auch notwendig gemacht haben, Fragen auf: Wie handlungsfähig ist Werder generell, wenn erst ein unverhofftes Millionen-Angebot nötig ist, um andere Leistungsträger halten zu können? Im Winter hatte Werder es in Erwägung gezogen, ins finanzielle Risiko zu gehen, zur Not sogar Schulden zu machen. Die jetzige Transferpolitik samt Selke-Wechsel wirkt eher wie eine Sicherheitsvariante.

Bode: Vernünftige Entscheidung

Auffällig ist auch, dass die acht Millionen Euro für Selke nicht komplett wieder in den Kader investiert werden können – sie fließen zu guten Teilen in die weiterhin notwendige Konsolidierung des Klubs. „Wir haben die Entscheidung nicht getroffen, weil wir finanziell am Abgrund stehen, sondern weil sie uns vernünftig erschien und der Spieler sich für diesen Weg entschieden hat“, sagt Werders Aufsichtsratsvorsitzender Marco Bode dazu.

„Wenn wir mit dem Geld vernünftig umgehen, werden wir vielleicht noch stärker“, findet Skripnik. Zudem habe man in Maximilian Eggestein, Levent Aycicek oder Melvyn Lorenzen noch viele eigene Jungs mit Potenzial. Der sportliche Verlust hält sich für Skripnik also in Grenzen. „Die sind vielleicht nicht so berühmt wie Selke“, sagt Skripnik. Aber vom Talent her könne es bei ihnen mal in eine ähnliche Richtung gehen. Vielleicht sind sie irgendwann die nächsten Selkes. Und der aktuelle? Der meldete sich erst mal nicht zu Wort. Dafür sprang ihm Mittelfeldmann Junuzovic zur Seite: „Ich bin mir sicher, dass er bis zum Schluss alles geben wird. Wir werden ihn dabei unterstützen.“

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