Die Krise hat das Miteinander verändert

Ein neues Klima bei Werder

Vor dem Keller-Duell in Köln tritt Florian Kohfeldt deutlich verändert auf. Er setzt erste Konsequenzen um. Das Klima ist angespannt. Offenbar sind Teile des Teams enttäuscht vom Trainer - was unfassbar ist.
20.12.2019, 10:05
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Julien Beer
Ein neues Klima bei Werder

Die Spieler ducken sich weg, und der Trainer steht im Mittelpunkt: Ein Bild mit Symbolcharakter, auch wenn es nur eine harmlose Trainingsszene ist.

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In den letzten drei Spielen gingen Florian Kohfeldt und Frank Baumann stets leer aus. Von daher war ihre Freude verständlich, als beide nach der Pressekonferenz am Donnerstag herzlich beschenkt wurden. Es ist eine schöne Tradition des bald 100 Jahre alten Fußball-Magazins „kicker“ aus Nürnberg, die Trainer und Manager der Bundesliga kurz vor Weihnachten mit dem berühmten Lebkuchen der Stadt zu verwöhnen. Ein Privileg, das aber nur die Protagonisten in der 1. Liga genießen. Kohfeldt und Baumann sind auf der Lebkuchen-Liste des „kicker“ also höchst gefährdet. Spätestens, seit der 1. FC Köln am Abend zuvor mit 4:2 in Frankfurt gewann, Werder damit in der Tabelle überholte und, schlimmer noch, auf den Relegationsplatz stieß. Und das vor dem direkten Duell am Samstag in Köln...

Der „kicker“ hielt diesmal aber noch eine andere Überraschung für Kohfeldt bereit. Sein Foto prangte groß auf der Titelseite, wo sonst die Lewandowskis und Klinsmänner der Liga zu sehen sind. Erstmals in dieser Saison war Werder Bremen der bundesweite Aufmacher. Es ging um „Kohfeldt und die Krise“, und im Text erfuhr der Trainer eine erstaunliche Neuigkeit aus der Bremer Mannschaftskabine: „Einzelne Akteure sind nach kicker-Informationen derzeit von Kohfeldt enttäuscht.“ Auf den ersten Blick ist das ein völlig harmloser Satz, im Kontext der vergangenen Tage und Wochen ist es aber Sprengstoff fürs Binnenklima bei Werder. Die Spiele konnten noch so schlecht sein, bis zum historischen 0:5-Debakel gegen Mainz verteidigte Kohfeldt seine Mannschaft und jeden einzelnen Profi wie eine Löwenmutter ihre Jungen. „Auch wenn mich wahrscheinlich wieder alle dafür zerreißen: Ich glaube an meine Spieler!“, das waren seine Worte nach der blamablen Leistung beim 1:6 in München.

Eine fragwürdige Haltung

Nicht ein einziger Spieler wurde vom jungen Cheftrainer öffentlich kritisiert, auch wenn sich in Werders Kabine genügend Profis tummeln, die seit Wochen ganz fürchterlich Fußball spielen. Kohfeldt musste sich für seinen Schmusekurs zeitweise bis an die Grenzen des Erträglichen verbiegen. Und erfuhr nun, wie enttäuscht doch einige dieser Spieler von ihm sind.

Man muss diesen Stimmungswandel im Binnenklima verstehen, um Kohfeldts Worte auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Köln einordnen zu können. Aus dem immer freundlichen Spielerversteher ist binnen weniger Tage ein höchst verärgerter Trainer geworden, der sich nicht mehr länger um die Befindlichkeiten von Fußball-Millionären kümmern möchte, die mit immer schlechteren Leistungen nicht nur den gemeinsamen Weg gefährden, sondern auch Werders Existenz in der Bundesliga. Auf dem Feld langsam zu sein, dafür aber schnell beleidigt – das kann ja nicht ernsthaft eine Haltung sein, die Werder in dieser kritischen Phase hilft.

Kohfeldt zieht die Zügel an

Spät aber deutlich zieht Kohfeldt nun die Zügel an. Die Spieler seien „völlig zurecht betroffen“ über ihre Leistungen, kommentiert er recht trocken die selbstkritischen Stimmen aus der Mannschaft, die es nach den indiskutablen Leistungen zuletzt immer wieder zu hören gab. Schon am Mittwoch mussten alle Spieler auf dem Trainingsplatz antreten, statt zu regenerieren. „Auch als Zeichen, dass hier keiner weg rennt“, erklärt Kohfeldt. Der freie Donnerstag wurde gestrichen, stattdessen standen Einzelgespräche und taktische Veränderungen auf dem Plan. „Zwei Tage nach einem Spiel haben wir normalerweise auch in englischen Wochen immer frei“, betont der Trainer. Aber nach drei Niederlagen in Folge (bei 1:12 Toren) ist bei Werder gerade nichts normal. Im Ablauf vor dem Spiel werde es weitere Veränderungen geben, wenn möglich auch in der Aufstellung, denn taktische und personelle Veränderungen gehören ebenfalls zu den Konsequenzen, die Kohfeldt angekündigt hat. „Es geht jetzt nur darum, die elf Spieler zu finden, die am Samstag in Köln am ehesten in der Lage sind, eine Reaktion zu zeigen“, gibt Sportchef Frank Baumann seinem Trainer dabei volle Rückendeckung.

Kohfeldt, das wird im Vorfeld des enorm wichtigen Köln-Spiels deutlich, will nicht länger als treu sorgende Mutter Theresa vom Osterdeich auftreten. Er ist gewillt, harte, aber notwendige Entscheidungen zu treffen, auch wenn die Möglichkeiten in diesem verletzungsanfälligen Kader dafür nicht gerade exorbitant sind.

Nur keine Schockstarre

Ob er einen Spieler wie den Eigentorschützen Milos Veljkovic nun trösten müsse, der sogar Tränen geweint habe? Eine solche Frage genügt schon, um Kohfeldt in Wallung zu sehen. „Es ist jetzt nicht die Zeit, alle in den Arm zu nehmen", stellt der Trainer sehr deutlich klar, "ich sehe meine Aufgabe jetzt darin, Lösungen aufzuzeigen und den Spielern klare Handlungsanweisungen für das Spiel zu geben." Dabei soll es auch darum gehen, wie sich die Mannschaft nach einem Rückstand (oder einer Führung) zu verhalten hat, um "eine Schockstarre" wie gegen Mainz zu verhindern.

In Köln erwartet Kohfeldt einen Gegner, der „mit unglaublicher Leidenschaft“ und auch mit körperbetontem Fußball zur Sache geht. Es ist deshalb Zeit für simple Botschaften. „Wir müssen dagegen halten. Unsere 14 Punkte werden zum Klassenerhalt nicht reichen“, sagt Kohfeldt, und die angepeilten 20 Punkte können es bis zur Winterpause nicht mehr werden. Das vierte Adventswochenende entscheidet nun darüber, auf welchem Tabellenplatz Werder überwintert. Es gibt nur noch drei Möglichkeiten: Relegationsplatz 16, direkter Abstiegsplatz 17 oder das rettende Ufer, also Platz 15. Nichts davon war in dieser Saison Werders Ziel. Und Kohfeldt ist sich nach den farblosen Auftritten seiner Spieler nicht mehr so sicher, was eigentlich besser wäre für die Winterpause.

Klar, mit einem Sieg in Köln würde Werder die bittere Hinrunde wenigstens mit einem positiven Erlebnis beenden. Andererseits, weiß auch der Trainer, bleiben die Sinne scharf, wenn man in der Tabelle bis zum nächsten Spiel am 18. Januar beim Abstiegskonkurrenten Fortuna Düsseldorf auf einem Abstiegsplatz steht. Er persönlich, meint Kohfeldt, würde das positive Gefühl bevorzugen. Ob das alle in der Kabine auch so sehen, kann man nach den letzten Tagen bei Werder nicht mehr mit Gewissheit sagen. Baumann jedenfalls will in Köln eine Mannschaft sehen, die sich mit Leidenschaft wehrt. Das müsste dann eine völlig andere Mannschaft sein als im Heimspiel gegen Mainz.

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