Werder-Talent Davie Selke Ein schmaler Grat

Bremen. Mit vielen Toren in der deutschen U19 lässt Davie Selke viele Werder-Fans schon von einem neuen Top-Star träumen. Doch zeigen viele Beispiele, wie schwierig der Sprung vom Hoffnungsträger zum etablierten Profi sein kann.
30.07.2014, 00:00
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Ein schmaler Grat
Von Marc Hagedorn

Davie Selke trifft und trifft und trifft. Der Nachwuchsstürmer von Werder Bremen nutzt die U 19-Europameisterschaft in Budapest gerade dafür, sich bundesweit einen Namen zu machen. In manchen Medien wird er sogar schon als potenzieller Nachfolger von Miroslav Klose gehandelt. Dabei hat sich Selke noch nicht einmal in Werders Bundesliga-Mannschaft etabliert. Außerdem zeigen andere Beispiele, wie schwierig der Sprung vom Hoffnungsträger zum etablierten Profi sein kann.

Nach dem Schlusspfiff standen die zwei jungen Kerls lange beieinander. Davie Selke unterhielt sich mit Florian Grillitsch. Das EM-Halbfinale der U 19 zwischen Deutschland und Österreich war gerade mit einem deutschen 4:0-Sieg zu Ende gegangen, da spielte sich diese Szene auf dem Rasen des Ferenc-Szusza-Stadions ab, die in Bremen für Stolz sorgte.

Florian Grillitsch spielt bei Werder in der U 19, er hat zwei Tore bei dieser EM erzielt. Davie Selke spielt in Werders U 23, er hat sogar sechs Mal getroffen und kann dieses Turnier am Freitag gegen Portugal als Torschützenkönig und Europameister beenden. Thomas Wolter, Sportlicher Leiter von Werders Nachwuchszentrum, sagt: „Wir haben uns tierisch gefreut. Klasse, dass Davie so auf sich aufmerksam macht. Und schön auch, dass Florian bei den Österreichern der auffälligste Spieler war.“

Vor allem Selke ist es nun, der bundesweit für Aufmerksamkeit sorgt. Die Online-Redaktion des „Spiegel“ hat ihm gerade eine eigene Story gewidmet, die Kollegen des Nachrichtenmagazins „Focus“ gingen sogar so weit, Selke als potenziellen Nachfolger von Miroslav Klose ins Gespräch zu bringen. Bei Werder zeigt man sich da ein wenig zurückhaltender.

„Er spielt eine sehr, sehr gute EM, und wir wissen, was wir an ihm haben“, sagt Frank Baumann, Direktor Profifußball und Scouting, „nicht umsonst haben wir ihn schon als A-Junior in die U 23 und zu den Profis geholt.“ Eine übergroße Erwartungshaltung will man aber nicht aufbauen. Baumann sagt: „Es ist etwas anderes, ob man seine Tore in einer der stärksten Ligen der Welt schießen muss oder gegen Gleichaltrige.“ Klar ist aber auch: „Wir wollen ihn weiterhin fördern.“ Das heißt, dass Selke nach seiner Rückkehr aus Ungarn bei den Profis trainieren wird. Auch am Sonntag, beim „Tag der Fans“, wird er dabei sein.

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Damit wäre der groß gewachsene Angreifer schon ein ganzes Stück weiter als manch ein anderer Altersgenosse, der in der Vergangenheit ebenfalls Hoffnungen machte und große Ziele verfolgte. Erinnert sich noch jemand an den hünenhaften Verteidiger Janis Crone von 1860 München? Oder an den vielversprechenden Schalker Mittelfeldspieler Benjamin Wingerter? Oder an Ioannis Masmanidis, den quirligen Techniker von Bayer Leverkusen? Fast auf den Tag genau zwölf Jahre ist es her, dass dieses Trio mit der deutschen U 19-Nationalmannschaft ein EM-Finale gegen Spanien mit 0:1 verlor. Torschütze für Spanien war damals Fernando Torres. Eingewechselt für Deutschland wurde übrigens Philipp Lahm.

Letzterer hat bekanntlich eine Weltkarriere hingelegt, die anderen drei Kameraden nicht. Bei Crone verliert sich nach einem Engagement beim SV Sulzemoos vor zwei Jahren die Spur. Wingerter wechselte zu diesem Zeitpunkt zu Rot-Weiß Essen und spielt viertklassig. Masmanidis kickt nach einer Odyssee über Zypern und Griechenland in Belgien beim Zweitligisten CS Visé. Nirgendwo sonst welkt der Lorbeer so schnell wie beim Übergang vom Juniorenbereich in den Profifußball.

Bei den deutschen Torschützen vom Montag fällt die Prognose nicht leicht: Marc Stendera von Eintracht Frankfurt warf ein Kreuzbandriss aus der Bahn, Mittelfeldmann Levin Öztunali von Bayer Leverkusen ist vor allem bekannt, weil er der Enkel von Uwe Seeler ist, und Hany Mukhtar von Hertha BSC hat bei seinen 324 Erstligaminuten nur jeden dritten Zweikampf gewonnen. Selke schließlich kommt auf drei Bundesligaeinsätze für Werder.

In Ungarn dagegen läuft es wie geschmiert: Torjäger Selke trifft so selbstverständlich wie einst sein Vorbild Mario Gomez, Spielmacher Stendera zaubert wie vor ihm Mario Götze, die Mittelfeldspieler Öztunali und Mukhtar sind beseelt davon, in Budapest am Freitag „den zweiten Pokal in diesem Sommer nach Deutschland holen“, wie U 19-Trainer Marcus Sorg sagt. Der künftige DFB-Sportdirektor Hansi Flick bescheinigt den Jahrgängen 1995/96 bereits eine „hohe Qualität“. Doch eine Garantie für eine große Karriere ist das nicht.

Verletzungen, falsche Versprechungen und falsche Karriere-Entscheidungen können vieles zerstören, genau wie die falsche Einstellung der Jungstars, die von Kindesbeinen an immer die Besten ihres Jahrgangs waren. Werders Kapitän Clemens Fritz sagt: „Die Jungen müssen lernen, dass man auch mal auf der Bank sitzt, dass nicht immer alles so glatt und so gerade weiterläuft wie im Nachwuchsbereich.“

Davie Selke hat diese Erfahrungen schon gemacht. Nachdem er im Winter bei den Profis angekommen war, spielte er im Frühjahr dort keine Rolle mehr. „Stück für Stück“ habe man ihn bei Werder an größere Aufgaben herangeführt, sagt Frank Baumann: „Davie ist ein extrovertierter Typ, aber aufnahmebereit für Kritik und Verbesserungsvorschläge.“ So wolle man weitermachen. Damit es bei Selke nicht so kommt, wie einst bei Janis Crone, Benjamin Wingerter und Ioannis Masmanidis.

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