Kainz' Zeit bei Werder – eine Bilanz

Ein unkonstanter Hochbegabter

Florian Kainz wartete bei Werder zweieinhalb Jahre auf den nächsten Schritt, nun zieht es den talentierten Flügelspieler nach Köln. In der Rückschau war Kainz in Bremen manchmal wichtig, aber nie unverzichtbar.
14.01.2019, 20:57
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Malte Bürger und Stefan Rommel
Ein unkonstanter Hochbegabter
nordphoto

Es gibt Spieler, die peilen direkt große Titel an und wollen schnellstmöglich das Trikot eines Topklubs tragen. Je gieriger der Wunsch nach Erfolg kommuniziert wird, desto besser. Florian Kainz ist anders. Bescheidener. Als er im vergangenen Mai auf seinen Status bei Werder angesprochen wurde, antwortete er: „Ich bin noch nicht unverzichtbar, sonst stünde ich immer in der Startelf. Ich muss mehr Konstanz ins Spiel bringen, darf mir keine schlechten Spiele mehr erlauben.“ Das klang recht einfach, gescheitert ist er an diesem Vorhaben dennoch. Nun steht Kainz vor einem Wechsel zum 1. FC Köln.

Eine endgültige Einigung gibt es noch nicht, Sportchef Frank Baumann bestätigte jedoch gegenüber Mein Werder: „Es gibt zwei, drei Interessenten, die sich bei uns gemeldet haben. Köln ist einer davon.“ Nun werde verhandelt. „Wir müssen schauen, ob unsere Bedingungen erfüllt werden und alle mit den Summen leben können.“ Genaue Zahlen nannte Baumann erwartungsgemäß nicht, in den Medien wird mit Beträgen von 2,5 bis vier Millionen Euro jongliert. „Ich kann mit allen Summen leben, die in der Öffentlichkeit spekuliert werden“, meinte der 43-Jährige schmunzelnd. Die Bremer hatten 2016 geschätzte 3,5 Millionen Euro an Rapid Wien gezahlt, um sich die Dienste von Florian Kainz zu sichern.

Das Talent aus der Alpenrepublik sollte bei Werder reifen, sich zu einer echten Größe entwickeln. So weit die Theorie. In der Praxis sah das etwas anders aus. Kainz erhielt aus seiner Heimat zwar regelmäßig Einladungen zur Nationalelf, seine Leistungen im Verein schwankten jedoch mitunter erheblich. Und trotzdem: Noch in der Vorsaison war der Österreicher in Bremen ein echter Dauerbrenner, lediglich in vier Ligapartien stand er nicht auf dem Rasen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass er nur selten über 90 Minuten spielte. Ganz dicht dran – und doch nicht richtig dabei.

Viele Stärken, wenig Konstanz

An sich bringt Florian Kainz einige Attribute mit, die Werders Offensiv-Vorhaben gut zu Gesicht stehen. Der 26-Jährige kann sich am Flügel oder in der Halbspur behaupten, hat einen ordentlichen Zug zum Tor und zeigt gute Läufe in die Tiefe. Sein Abschluss ist bemerkenswert gut und auch als Umschaltspieler nahm er bisher eine wichtige Rolle ein. Zudem ist Kainz recht dynamisch und zeigt beim ersten Kontakt fast immer den Impuls nach vorne. Wegen seines tiefen Körperschwerpunkts hat er auch ein ganz vernünftiges Dribbling und kann sich durch kurze Haken aus schwierigen Situationen lösen. Und: Seine Flanken aus vollem Lauf – selbst mit dem schwächeren linken Fuß – dürften mit die besten aller Werder-Profis sein.

Trotz dieser Fülle an Stärken hat der Außenangreifer nie so richtig den Durchbruch geschafft, was vorrangig mit ein paar grundlegenden Problemen zu tun hat. Kainz gelang es nicht, sich seines Aktionismus zu entledigen. Sein Spiel wirkt immer ein wenig überambitioniert und improvisiert. Ganz so, als müsste er sich für die nächste anstehende Hürde erst wieder eine Lösung zurechtlegen. Vielleicht liegt das an seinem Naturell als Spieler, der gerne weniger eingezwängt ist in ein Korsett – vielleicht aber auch an einer ausbaufähigen Vororientierung, die ihn in diese Verlegenheiten bringt.

Stark im Pokal, verzichtbar in der Liga

Florian Kainz hat immer auch Probleme, einer gelungenen ersten Aktion eine entsprechend hochwertige zweite folgen zu lassen. Seine Entscheidungsfindung ist nicht immer optimal – ein gravierender Nachteil, den Trainer Kohfeldt in der Analyse der Hinrunde für das gesamte Team ausgemacht hatte. Alles in allem fehlt es an der nötigen Konstanz, innerhalb eines Spiels und in einer kompletten Saison. Darüber konnte man in seinen ersten Monaten hinwegsehen, von einem gestandenen Bundesligaspieler müssten aber längst die nächsten Schritte kommen.

Die Geschwindigkeit des Absturzes war dennoch überraschend. Nach einer guten Vorbereitung im vergangenen Sommer überzeugte Kainz direkt im Pokal mit einem Traumtor – nur um danach fast komplett abzutauchen. Zuletzt saß er sogar häufiger auf der Tribüne, als dass er im Kader stand. Und doch betonten die Verantwortlichen noch im südafrikanischen Trainingslager, dass beide Seiten gewillt sind, auch in Zukunft nicht aufeinander verzichten zu wollen. Allerdings machte Trainer Florian Kohfeldt auch unmissverständlich klar: „Die Wahrscheinlichkeit, dass er 17 Spiele in der Rückrunde macht, ist nicht hoch.“ Klare Worte. Ehrliche Worte. Allerdings bieten sie nicht gerade die schönste Perspektive für jemanden, der gern Stammspieler wäre.

Kein Ersatz geplant

Spätestens als die Kölner anklopften, setzte ein Umdenken ein. Florian Kainz ergriff die Initiative, der Werder nun folgte. Letzteres hängt auch damit zusammen, dass die Konkurrenten der Rheinländer ein Leihgeschäft bevorzugen, auf das die Bremer dem Vernehmen nach nicht sonderlich scharf sind. Sie bevorzugen, so ist zu hören, einen Verkauf. Wenn der Preis stimmt. Damit Werders Vorstellungen erfüllt werden, läuft der branchenübliche Poker. Frank Baumann gibt sich dabei betont gelassen. „Wir sind in einer komfortablen Situation, wir müssen ihn aus sportlichen und finanziellen Gründen nicht abgeben“, sagte er. Es ist noch nicht lange her, da war das bei Werder anders.

Und wegen dieser Ausgangslage bricht im Falle eines Kainz-Abschieds beim Sportchef auch keine Panik aus. Milot Rashica, Josh Sargent und Johannes Eggestein haben in Werders Offensive allesamt Argumente für sich gesammelt. Eine Neuverpflichtung sei somit nicht notwendig. „Wir sind mit dem Kader zufrieden“, sagte Baumann am Montag noch einmal. „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir im Winter keinen mehr dazunehmen.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+