Taktikanalyse zum Ligastart Ein untypisches Werder-Spiel

Ein Punkt zum Auftakt wäre drin gewesen für Werder Bremen. Ein Gegentor kurz vor Abpfiff durchkreuzte aber alle Pläne in einem Spiel, das Werder gegen 1899 Hoffenheim in einigen Phasen kontrollierte.
20.08.2017, 12:09
Lesedauer: 6 Min
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Von Stefan Rommel

Die Partie lag zwischen den beiden Champions-League-Qualifikationsspielen der Kraichgauer gegen den FC Liverpool, was sich in Hoffenheims Aufstellung und teilweise auch am Auftreten der Gastgeber bemerkbar machte.

Ein Spiel mit sehr wenigen klaren Torchancen auf beiden Seiten entschied am Ende eine aus Bremer Sicht unglückliche Aktion - weil Hoffenheim von der Bank auch anders nachlegen konnte als Werder.

Werder-Coach Alexander Nouri vertraute mit einer Ausnahme der erfolgreichen Mannschaft vom Pokal-Spiel gegen Würzburg. Lediglich der im Pokal gesperrte Fin Bartels rückte wieder in die Startelf, dafür musste Jerome Gondorf weichen. Vor Torhüter Jiri Pavlenka bildeten Robert Bauer, Lamine Sane und Milos Veljkovic die Dreierkette, Theo Gebre Selassie (rechts) und Ludwig Augustinsson (links) spielten auf den Außenbahnen im Mittelfeld.

Maximilian Eggestein bekam erneut den Vorzug vor Philipp Bargfrede auf der Sechs, flankiert wurde er von Thomas Delaney und Florian Kainz auf den Halbpositionen. Im Angriff begann das Duo Max Kruse und Bartels. Werder agierte also wie erwartet in der gewohnten 3-1-4-2-Grundordnung.

Deutlich üppiger fielen die Veränderungen auf Hoffenheimer Seite im Vergleich zum letzten Pflichtspiel gegen den FC Liverpool aus. Gleich auf sechs Positionen änderte Julian Nagelsmann seine Mannschaft. Havard Nordtveit, Jeremy Toljan, Nadiem Amiri, Mark Uth, Adam Szalai und überraschend der erst 19-jährige Dennis Geiger standen für Pavel Kaderabek, Ermin Bicakcic, Lukas Rupp, Andrej Kramaric, Serge Gnabry (alle auf der Bank) und Sandro Wagner (nicht im Kader) in der Startelf.

Die Anfangsphase gehört Hoffenheim

Hoffenheim kam mit derselben Grundordnung wie Werder deutlich besser in die Partie und hatte extrem starke erste 15 Minuten. Das Gegenpressing griff nahezu perfekt, die Gastgeber kamen immer wieder zu hohen Ballgewinnen und schnürten Werder in die eigene Hälfte ein. Kerem Demirbay hatte nach wenigen Minuten schon die große Chance zur Führung.

Längere Ballbesitzphasen hatte Bremen kaum, auch in die gefürchteten Umschaltmomente fand Nouris Mannschaft nicht. Auch, weil Debütant Geiger auf der Sechs eine tadellose Partie ablieferte: Extrem ballsicher und ruhig und gedankenschnell nach Ballverlust.

Hoffenheim fand auch in engen Räumen gute Lösungen und konnte sich durchs Zentrum vors Tor kombinieren. Erst nach etwa 20 Minuten wurde Werders Mittelfeldpressing sauberer und vor allen Dingen das Zentrum in der eigenen Spielhälfte gegen den Ball besser kontrolliert. In der tieferen Staffelung im 5-3-2 oder auch 4-4-2-Pressing bekam Werder die Partie trotz phasenweise nur 30 Prozent Ballbesitz immer besser in den Griff und Hoffenheim zu keinen klaren Chancen mehr.

Werder stabilisiert sich im Laufe der ersten Hälfte

In dieser Phase leisteten sich die ansonsten sehr ballsicheren Gastgeber erstaunlich viele leichte technische Fehler und wurden rund um den gegnerischen Strafraum zu kleinteilig und kompliziert. Hoffenheims Überlegenheit wurde immer mehr zu einer Scheindominanz mit viel Ballbesitz in ungefährlichen Zonen. In die Räume zwischen den Bremer Abwehrlinien kam Hoffenheim nur noch selten. Wurden doch mal Anspielstationen gefunden, standen diese in geschlossener Stellung oder von mehreren Bremer Spielern umzingelt sofort wieder unter Druck.

Mit dem verbesserten Pressing wurde parallel dazu auch das Umschaltspiel der Bremer gefährlicher. Kainz war hier ein ganz entscheidender Faktor, der schnell in die Vorwärtsbewegung kam und aus seiner etwas tieferen Position nach Ballgewinn schnell Tempo aufnehmen konnte. Dazu fanden auch die wie schon im Pokal gegen Würzburg etwas versetzt agierenden Augustinsson und Gebre Selassie Zeit für Flügelläufe, wobei Gebre Selassie als Zielspieler für Flanken etwas höher agierte als Augustinsson.

In dieser Phase wirkte das Bremer Spiel sowohl defensiv als auch offensiv stimmig und gut balanciert. Allerdings fehlte in der Offensive in ein paar Szenen auch die nötige Zielstrebigkeit, um vielversprechende Angriffe auch entschlossen und schnell zu Ende zu spielen. Es mangelte an der Effizienz, auf die sich Werder in sehr vielen Spielen der vergangenen Rückrunde verlassen konnte, wo oft gleich mit der ersten Chance auch das erste Tor erzielt wurde. Gegen Hoffenheim vergab aber Kainz kläglich und Augustinsson scheiterte mit einer Halbchance.

Die zweite Halbzeit begann zunächst noch so ausgeglichen wie die erste geendet hatte, dann aber entwickelte sich mehr und mehr eine Hoffenheimer Dominanz, auf die Bremen mit noch weniger Gegenpressing und mehr Fallen nach Ballverlusten reagierte und so automatisch tief in die eigene Hälfte gedrängt wurde.

Werder agierte größtenteils nur noch im Abwehrpressing, Hoffenheims Innenverteidiger rückten bis weit in die gegnerische Hälfte mit ein. Somit wurde das Gegenpressing der Gastgeber wieder enorm forciert und die eigentlichen Zielkorridore für mögliche Bremer Konterangriffe von Hoffenheimer Spieler abgedeckt - und nicht von Kruse oder Bartels besetzt.

Die Bremer Defensivstrategie war losgelöst betrachtet gut ausformuliert und umgesetzt. Was aber darunter komplett litt, war die Umschaltbewegung nach Ballgewinn und das Ballbesitzspiel. Das war quasi kaum noch existent, Werder verlor zu viele Bälle zu schnell und konnte dank des starken Gegenpressings des Gegners seine Zielspieler nicht in der Form einsetzen, dass sich noch vernünftige Angriffe entwickeln ließen.

Die in der ersten Halbzeit noch gute Balance im Bremer Spiel ging mehr und mehr verloren, in die gefährlichen Räume vor dem Hoffenheimer Tor kam Werder bis zum Abpfiff gar nicht mehr.

Ein paar Zahlen verdeutlichten diese Einbußen an Offensivqualität: Die Innenverteidiger fanden im Spielaufbau keine Anspielstationen in der Spitze, Veljkovic, Sane und Bauer spielten im gesamten Spiel insgesamt nur ganze vier Pässe direkt auf Kruse oder Bartels durch. An einem „normalen“ Arbeitstag dürfte der verletzte Niklas Moisander alleine diesen Wert übertreffen.

Es fehlten auch die Einzelaktionen, die das gegnerische Pressing auch auf eigene Faust hätten auflösen können. Bartels blieb total blass, kam nur auf 30 Ballaktionen und zwei Torschussvorlagen. Kruses Ausweichen auf die Flügel mit anschließenden Zuspielen auf Bartels und den nachrückenden Kainz wurde von Hoffenheim sauber und konzentriert verteidigt.

Das stockende Offensivspiel wurde durch die ersten beiden Bremer Wechsel der zweiten Halbzeit noch verstärkt, ohne den starken Umschaltspieler Kainz gab es fast gar keine Entlastung und insgesamt auch keinen einzigen Torschuss mehr. Das Ziel war gegen bemerkenswert gallige Hoffenheimer, die immerhin Liverpool in den Beinen und wohl auch schon wieder ein wenig im Kopf hatten, das Remis über die Zeit zu retten.

Dabei half, dass die Standards der Gastgeber erstaunlich schwach waren und von Werder gut verteidigt werden konnten. Allerdings konnte Hoffenheim mit Torschütze Kramaric, Nationalspieler Serge Gnabry und dem eigentlichen Kapitän Eugen Polanski von der Bank nochmal richtig nachlegen - während Werder auf Kaliber dieser Kategorie derzeit nicht zurückgreifen kann.

Am Ende sollte es Aron Johannsson nach Kramaric‘ krummem Ding noch retten. Ein Spieler, der offensichtlich gehen darf. Auch das zeigte letztlich den Unterschied zwischen beiden Mannschaften und das Problem, das Werder an diesem Nachmittag hatte: So konzentriert die Mannschaft verteidigte, so harmlos blieb sie im Offensivspiel. Werder hat einer der besten Offensivmannschaften der Liga nur wenig angeboten. Aber Werder hat selbst auch sehr wenig Offensivkraft entwickeln können. Die Mannschaft hatte wenige Torchancen und war vor dem Tor dazu nicht effizient. Das sind für Werder sehr untypische Merkmale.

30 Tore hat Werder in den letzten zehn Bundesligaspielen erzielt, dabei immer mindestens zweimal pro Spiel getroffen. Das letzte „zu Null“ gab es vor einem halben Jahr beim 0:1 gegen Gladbach. Die Serie musste irgendwann reißen. In den folgenden Spielen - selbst gegen die Bayern - sollte Werder aber vielleicht wieder etwas mehr auf eine gewisse Ausgewogenheit zwischen Defensive und Offensive achten.

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