Klaus Allofs im WESER-KURIER-Interview "Eine bezahlbare Mannschaft mit Zukunft"

Bremen. Vor den letzten drei Saisonspielen geht es für Werder noch um die theoretische Chance auf die Europa League. Für Klaus Allofs geht es um mehr, er muss den Neuaufbau des Kaders einleiten. Er spricht über Finanzen, Personal und Perspektiven.
20.04.2012, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Bremen. Vor den letzten drei Saisonspielen geht es für Werder noch um die theoretische Chance auf die Europa League. Für Klaus Allofs geht es um mehr - er muss den Neuaufbau des Kaders einleiten. Mit dem Werder-Chef sprachen Oliver Matiszick und Thorsten Waterkamp über Finanzen, Personal und Perspektiven.

Herr Allofs, die Bayern kommen. Vor vier Jahren war das noch das Gipfeltreffen zwischen dem Ersten und dem Zweiten der Liga, jetzt läuft Werder hinterher. Geht es am Sonnabend nur darum, mit einem blauen Auge davonzukommen?

Wir haben mit den vielen Ausfällen natürlich eine ungünstige Ausgangsposition -aber unser Anspruch bleibt bestehen, in den letzten drei Spielen noch die Punkte zu holen, die reichen könnten für die Europa-League-Qualifikation. Hier geht's nicht darum, Schadensbegrenzung zu betreiben.

Wie ist es zu dieser großen Diskrepanz gekommen, vor allem in so kurzer Zeit?

Bayern München ist der einzige Klub in Deutschland, der in den vergangenen Jahren immer oben gespielt hat. Das hat natürlich seine Gründe: Der Klub ist wirtschaftlich und auch von seiner Kompetenz her entsprechend gut aufgestellt. Wir können um den Platz hinter den Bayern kämpfen, aber die Bayern ernsthaft zu gefährden, das war und ist für Werder Bremen unmöglich. Und dass wir uns jetzt mal neu positionieren müssen, ist für mich ein normaler Vorgang, wie er bei allen anderen Vereinen außer Bayern auch schon vorgekommen ist.

Sie haben jetzt erklärt, warum die Bayern weiter ihren Weg gehen können. Die Frage ist aber: Warum konnte Werder dem nicht folgen?

Man muss sich doch eher die Frage stellen: Wie war es vor ein paar Jahren überhaupt möglich, dass Spiele zwischen Werder und Bayern beständig zuGipfeltreffen wurden? In der Vergangenheit ist es keinem Klub gelungen, sich über längere Zeit mit den Bayern zu messen. Wenn man auf einem - für unsere Verhältnisse - so hohen Niveau arbeitet, dann steigt auch die Gefahr für eine Abwärtsentwicklung.

Erstaunt es Sie, dass die Lücke in so kurzer Zeit wieder so groß geworden ist?

Die Lücke stellt sich vor dem Spiel am Sonnabend doch so dar: Wir sind Achter, Bayern ist Zweiter...

Das ist der nackte Tabellenstand.

Ja, aber nimmt man die gesamte Kaderqualität, war ein Unterschied immer da. Auch als es das Duell 1. gegen 2. war. Im Fußball kann man das ausgleichen, wenn es bei einem selbst gut läuft und beim Gegner vielleicht nicht so gut. Für mich wäre es eine große Lücke, wenn auf den Plätzen zwei bis acht Mannschaften stehen würden, die von ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten her nicht vor uns stehen dürften. Wir haben aber in der Bundesliga zehn Mannschaften, die bessere oder ähnlicheVoraussetzungen haben wie Werder Bremen.

Muss man sich Sorgen machen, Werder am Ende dieser Skala wiederzufinden?

Das kann sein, aber das muss nicht der Fall sein. Man muss eine realistische Einschätzung betreiben: Es ist nicht selbstverständlich, dass Werder Champions League spielt - das ist außergewöhnlich. Phasenweise kann es auch so sein wie in der vergangenen Saison, als wir gegen den Abstieg gespielt haben. In dieser Saison tun wir es nicht, aber wir bewegen uns in dieser Bandbreite. Man tut gut daran, das realistisch zu sehen. Zu sagen, wir sind der natürliche Gegenspieler von Bayern München, das ist die völlig falsche Einschätzung.

Wie realistisch ist es zu sagen, Werder spielt in der kommenden Saison in der Europa League?

Ich bin ziemlich sicher, dass wir zu diesem Kreis dazugehören, aber das ist ein Kreis von zehn, elf Mannschaften, der um die sechs europäischen Plätze spielt.

Warum ist die Europa-League-Qualifikation für Werder so wichtig, wenn sie wirtschaftlich gar nicht die Bedeutung hat?

Sie ist für die sportliche Entwicklung wichtig. Eine Teilnahme sorgt dafür, dass insgesamt die Stimmung besser ist. Die Spieler können sich in internationalen Begegnungen weiterentwickeln und Erfahrungen sammeln. Das hat alles eine große Bedeutung. Auf der anderen Seite ist es natürlich eine Gratwanderung: Für einen internationalen Wettbewerb muss man personell anders aufgestellt sein als nur für den Bundesligabetrieb. Wir wollen uns qualifizieren, aber wenn es nicht der Fall ist, wäre das kein Untergang. Im Gegenteil: Es würde uns vielleicht sogar ermöglichen, den Neuaufbau konsequenter voranzutreiben.

Sie haben gesagt, dass selbst im Fall einer Europa-League-Qualifikation das Gehaltsbudget weiter gekürzt wird. Wie weit müssen Sie reduzieren?

Wir haben die Vorgabe unseres Aufsichtsrates, wirtschaftlich zu arbeiten und folgen ihr mit Überzeugung. In der Vergangenheit haben wir schwarze Zahlen geschrieben, in dieser Saison wird das nicht der Fall sein. Unser Gehaltsgefüge hat sich entwickelt, weil wir uns immer wieder für die Champions League qualifiziert haben. Man weiß, dass in der Champions League Minimum 20 Millionen Euro in die Kasse kommen. Das ist eine Aussicht, die in der Europa League überhaupt nicht besteht. Ich will gar keine genauen Zahlen nennen, aber wir haben einfach weniger Geld für Gehälter zur Verfügung.

Aber die Gehaltsliste ist doch schon enorm ausgedünnt. Mertesacker, Frings, Jensen, Pasanen, Vranjes, Wesley, demnächst Wiese. Und das reicht noch nicht?

Ist ja schon richtig. Aber es kommen auch Spieler, und die verdienen auch Geld. Wir sollten trotzdem weniger ausgeben.

Immerhin bringt der TV-Vertrag der Liga eine 50-prozentige Einnahmesteigerung. Das Geld wird nach einem leistungsbezogenen Schlüssel verteilt. Könnte es deshalb passieren, dass Werder nicht mehr bekommt als die bisherigen 20 bis 22 Millionen?

Es hat ja in den Medien schon Aufstellungen gegeben, dass Mannschaften, die weiter unten stehen, mehr Geld erhalten werden. Das ist eigentlich schon die Antwort. Wir müssen natürlich sehen, wie der neue Verteilerschlüssel aussieht, aber das Prinzip der Solidarität wird nicht aufgegeben werden. Etwas mehr Geld werden wir sicher bekommen.

Geld soll auch der neue Trikotsponsor bringen. Eine Entscheidung steht immer noch aus?

Es wird intensiv daran gearbeitet. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir rechtzeitig einen neuen Partner präsentieren können. Sorgen, dass wir ohne Trikotsponsor dastehen könnten, mache ich mir nicht.

Klingt aber danach, als täte man sich schwerer als erwartet...

So eine neue Partnerschaft, das ist eine wichtige Entscheidung. Sie muss einerseits von der finanziellen Ausstattung her stimmen, aber es muss auch von der Partnerschaft stimmen. Es ist klar, dass wir nicht das Erstbeste nehmen werden.

Lassen Sie uns einen Blick auf den Kader der nächsten Saison werfen. Auch wenn Sie jetzt die Vertragsverlängerung von Clemens Fritz bekanntgegeben haben, ergibt sich noch ein eher diffuses Bild.

Nein, Gott sei Dank für uns nicht. Wir haben unsere Vorstellungen, ob wir mit einigen Spielern weitermachen wollen oder nicht. Eine wichtige Stellschraube ist natürlich Claudio Pizarro. Aber auf allen Positionen sind wir so vorbereitet, dass wir eine Mannschaft zusammenstellen können, die einerseits bezahlbar ist, aber die eben auch eine sportliche Zukunft hat.

Was hat Ihnen die Rückrunde mit Blick auf den aktuellen Kader gezeigt?

Drei Spieltage vor Schluss werde ich das jetzt nicht an einzelnen Spielern festmachen. Aber grundsätzlich ist es natürlich so, dass man mit der Entwicklung einiger Spieler zufrieden ist. Und es ist so, dass Thomas Schaaf und ich mit der Entwicklung einiger Dinge nicht so zufrieden sind. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, das zu verändern. Dass 14 Verträge auslaufen, wird gern als eine Riesenkatastrophe gesehen, aber für mich ist das überhaupt keine Katastrophe. Man kann und muss sich über ganz viele Dinge ganz intensiv Gedanken machen.

Mit Clemens Fritz und Sokratis haben Sie zwei Spieler unter Vertrag, die Ihre Fixpunkte beim Umbau sein könnten?

Die Korsettstangen sind vorhanden, ja. Am besten kommen noch zwei, drei andere aus der bestehenden Mannschaften dazu. Claudio wäre einer. Danach geht es aber darum, neue zu entwickeln. Ich nenne den Namen Aaron Hunt: Er muss, wenn wir funktionieren wollen, in der nächsten Saison vornweg gehen. Und wenn er nicht vornweg geht, dann hat er seine Rolle nicht erfüllt. Das ist nicht böse gemeint, das sind einfach unsere Erwartungen. So ist er bei uns eingestuft. Ihn habe ich jetzt nur als Beispiel genannt, da haben wir noch ein paar andere.

Zum Beispiel?

Marko Arnautovic. In diesem Jahr ging das, wenn er gespielt hat, zumindest von der Tendenz her in Ordnung. In der nächsten Saison wird sich zeigen, ob das weitergeht. Aber: da vom Platz geflogen, da verletzt - wir können uns das nicht erlauben. Diese Leute müssen funktionieren.

Ein Umbau kann gutgehen, siehe Dortmund,...

... muss aber nicht...

Eben. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass es gutgeht?

Dass wir unsere Arbeit gut machen. Vernunftgesteuert wollen wir das machen. Und dennoch werden einige Entscheidungen falsch sein. Aber wir hoffen, dass mehr Entscheidungen richtig sind.

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