Bundesliga-Kolumne von Wontorra

Eine echte Charakterprobe

Schlägt Werder Leverkusen, können sie sich festsetzen in der Liga-Komfortzone, meint unser Kolumnist Jörg Wontorra. Während in München Kris‘n bei der Wies‘n war, könnte es heißen: Ischa Freimarkt! Ischa Werder!
27.10.2018, 07:12
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Jörg Wontorra
Eine echte Charakterprobe
Mein Werder

Ischa Werder! Das Freimarktsmotto vom vergangenen Mittwoch im Hansezelt lässt sich zur Zeit sehr geschmeidig der ganzen Bundesliga überstülpen. Denn der Klub ist wieder wer in der Beletage des deutschen Fußballs, und die Republik spricht voller Anerkennung über den Wandel an der Weser. Das tut gut nach den langen Durststrecken der letzten Jahre, erst recht, wenn die Elogen von so ausgewiesenen Experten wie Didi Hamann oder Lothar Matthäus kommen. Selbst in der Ferne, weit weg vom Handelsplatz Bremen, haben sie also erkannt, dass sich etwas bewegt im hohen Norden. Aber reden wir dabei immer noch von einer Momentaufnahme, oder besteht die Chance auf Nachhaltigkeit? Um der Sache auf den Grund zu gehen, müssen noch mal in Kurzfassung die Gründe für den Aufschwung bemüht werden.

Irgendwie fing alles damit an, dass Werder im Kalenderjahr 2018 unternehmerisches Risiko gezeigt und erstaunliche Investitionen getätigt hat. Knapp 25 Millionen Euro Transferausgaben im Sommer (bei gut 23 Millionen Euro Einnahmen), und vorher schon mal knapp zehn Millionen Euro im Winter, das wäre noch vor Kurzem nicht vereinbar gewesen mit der alten hanseatischen Denke des Klubs. Durch ihre Planänderung aber haben die Bosse erst die Grundlage für den frischen Erfolg geschaffen. Denn dem Trainerteam steht plötzlich wesentlich mehr Qualität zur Verfügung als noch in der vergangenen Saison.

Dadurch kann Florian Kohfeldt sein Verständnis von Fußball sehr sinnhaft umsetzen. Selbstbewusst, kreativ und dennoch organisiert. Hört sich gut an, sieht auf dem Platz auch gut aus (genau darum wird Werder derzeit allenthalben gelobt), aber für die Verbreitung seiner Ideen braucht selbst der beste Coach auch die Spieler. Die hat er jetzt bekommen, die folgen ihm wie dem Rattenfänger von Hameln, und nun macht er mal was draus.

Das Gesamtgefüge passt also, und selbst kleinere Störfeuer werden schnell wieder ausgetreten. Dass der Kader mit 30 Mann eigentlich viel zu groß ist? Egal, Kohfeldt sorgt selbst bei den Tribünenhockern dafür, dass sie es mit einem Lächeln tun. Dass der Drei-Millionen-Transfer Beijmo bisher null Bundesliga-Minuten hat? Macht nichts, kann ja noch kommen. Und dass Caldirola sich beschwert, dass er nicht mit den Profis trainieren darf? Meine Güte, was stört es den Vollmond, wenn ein Hund ihn anbellt?

Fans hängen an Kohfeldts Lippen

Es gab Zeiten, da hätten solche Unebenheiten dazu getaugt, um eine mittlere Krise bei Werder auszurufen. Und heute? Da moderiert der Trainer die schwierigen Themen einfach mit Empathie weg, und die Fans hängen an seinen Lippen. Einer wie Kohfeldt weiß aber auch, wie hilfreich der Erfolg dabei ist. Und dass es manchmal leichter fällt, nach oben zu kommen als oben zu bleiben. Insofern beginnen jetzt erst wirklich die Wochen der Wahrheit.

Am Sonntag kann es gleich schon ganz schön rutschig werden. Leverkusen, angeschlagener Gegner, Trainer auf der Kippe. Bei diesen Vorzeichen wird die Partie für viele zum Selbstgänger. Doch weit gefehlt. Wenn die Profis von Bayer Ehre im Leib haben, dann werden sie noch mal um ihren Chef kämpfen, und Brandt und Bellarabi haben als Ex-Bremer ohnehin noch eine eigene Motivation.

Insofern kommt da eine echte Charakterprobe auf Werder zu. Wenn das Team sie besteht, kann es sich wirklich festsetzen in der Komfortzone der Liga und so nebenbei noch dem FC Bayern zeigen, wie Volksfest geht. In München galt: während der Wies’n in die Kris’n. In Bremen könnte es heißen: Ischa Freimarkt! Ischa Werder! Ischa Prima!

Die Umfrage zum Spiel gibt es hier:

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+