Pokal-Gegner Frankfurt in der Analyse

Eine etwas andere Mannschaft

Eintracht Frankfurt hat sein riskantes Spiel etwas angepasst, kann mit dem ungewöhnlichen Stil aber immer noch eine große Wucht entwickeln. Das Problem: Es gibt genug Nebenwirkungen beim Werder-Gegner.
04.03.2020, 09:53
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel
Eine etwas andere Mannschaft

Zentrale Figur bei Eintracht Frankfurt: Filip Kostic, hier bedrängt von Werder-Angreifer Josh Sargent.

dpa

Das Spiel der Eintracht lebt weiterhin von Aktivität, Aggressivität, Wucht, Widerstandsfähigkeit und Leidenschaft. Verändert hat sich dagegen die Grundordnung der Mannschaft. Nach rund anderthalb Jahren mit allen möglichen Dreierketten-Varianten ist Trainer Adi Hütter zur Viererkette umgeschwenkt und lässt seine Mannschaft mal mit zwei Sechsern und einem 4-2-3-1 oder nur mit einem defensiven Mittelfeldspieler im 4-1-4-1 auflaufen. Konstant bleibt dabei die einfache Besetzung des Angriffszentrums, weil Frankfurts Spiel unglaublich flügellastig ist und dementsprechend viel Personal auf den Seiten und in den Halbräumen abgestellt wird.

Diese recht eigenwillige Anordnung macht sich im Spiel mit dem Ball schon im tiefen Aufbau bemerkbar. Früher waren es die Halbverteidiger, die sehr breit standen und dafür die Flügelverteidiger deutlich höher aufrücken konnten. Nun spielt Frankfurt diese Anordnung einfach mit der Viererkette so weiter, sprich: Die beiden Innenverteidiger stehen weit auseinander, fast auf Außenverteidigerposition, während die Außenverteidiger ins Mittelfeld hochrutschen. Gerade gegen Mannschaften, die nur mit einem Angreifer pressen, nutzt Frankfurt sein Personal in höheren Zonen, statt in deutlicher Überzahl von hinten aufzubauen.

Spannende Personalien

Die breite Position gerade von Martin Hinteregger führt zu einem riskanten Markenzeichen der Mannschaft beziehungsweise des Spielers: Hinteregger dribbelt wie nur wenige Innenverteidiger in der Liga sehr aggressiv und mutig an, geht mit dem Ball am Fuß auch mal über ein, zwei gegnerische Linien und bricht so ohne das übliche Passspiel das Pressing des Gegners auf. So bekommt Frankfurt ohne großes Quergeschiebe oder Zirkulation mit einem abkippenden Mittelfeldspieler schnell eine gute Dynamik in die eigenen Angriffe und baut sofort Druck auf den Gegner auf.

Mit den drei oder sogar vier Mittelfeldspielern sollen im Übergangsdrittel so gut es geht die Zwischenräume besetzt werden. Daichi Kamada oder Mijat Gacinovic sind dafür prädestiniert, können dann auch in engen, umkämpften Räumen rausdrehen und das zusammengezogene Pressing des Gegners mit einer Verlagerung oder einem Flugball auf die ballferne Seite aushebeln. Dann kommen die eigentlichen Protagonisten ins Spiel. Timothy Chandler über rechts und vor allem Filip Kostic über die linke Seite machen Dauerdruck, sind permanent am Dribbeln. Dort entwickelt die Mannschaft dann jene Dynamik, mit der es im hohen Tempo vor das gegnerische Tor gehen soll. Die meisten Mannschaften suchen den direkten Weg durch das Zentrum oder die Halbräume, Frankfurt nimmt oft genug den „Umweg“ über die Flügel.

Frankfurter Flankenmaschine

Dabei wählt Frankfurt auch den simplen Weg, um die beiden Flügelspieler einzubinden. Ist die Route in die Halbräume oder ins Zentrum versperrt, geht es gerne über Einzelaktionen schlicht die Linie entlang nach vorne. Und dann wird, auch gerne aus dem Halbfeld, in einer Tour geflankt. Kostic ist eine regelrechte Flankenmaschine, 138 Versuche segelten schon Richtung gegnerischen Strafraum, das ist mit überragendem Abstand der höchste Wert aller Bundesligaspieler. Chandler oder alternativ Danny da Costa sind dagegen eher als zusätzliche Zielspieler im Strafraum vorgesehen, die mit einrücken und auf die hohen Bälle gehen sollen. Chandler ist auch derjenige, der zusätzlich zum Angreifer gerne mit in die Tiefe startet, um diagonale Zuspiele von Hinteregger zu empfangen. Fast unweigerlich erzielt Frankfurt die meisten Tore aller Bundesligisten nach Flanken (14), ist die gefährlichste Truppe bei Eckbällen (neun Tore) und bei Kopfballtoren (zehn). Das passt alles wie die Faust aufs Auge auf Werders Schwächen in der Luft und bei Standards.

Gegen den Ball ist die Eintracht zuletzt weniger riskant unterwegs als es in dieser Saison schon der Fall war. Das frühe und aggressive Pressing mit der bis in die gegnerische Spielfeldhälfte aufgerückten Abwehrkette sieht man nur noch vereinzelt. Stattdessen bleibt die Mannschaft etwas tiefer und damit im Rücken besser abgesichert. Die Zuständigkeiten sind dabei klar verteilt, das Zusammenspiel zwischen den Innenverteidigern und dem oder den Sechsern ordentlich, das Kettenverhalten bei gegnerischem Ballbesitz am Flügel ebenfalls.

Makoto Hasebe gab in der Dreierkette noch den Libero, nun kann der Japaner als Abfangjäger vor die Abwehr gestellt werden. Das dürfte auf Sicht ein zusätzliches Plus sein, weil Hasebe wie eine letzte Instanz denkt und Spieler wie Sebastian Rode oder Gelson Fernandes vor oder neben sich andere Freiheiten ermöglicht.

Schwächen der Eintracht

Die Mannschaft bleibt wankelmütig und ein bisschen unberechenbar in ihren Leistungen. Tolle Auftritte in der Liga gegen die Spitzenteams aus Bayern, Leipzig, Leverkusen oder Dortmund oder im UEFA-Cup gegen Arsenal wechseln sich mit heftigen Leistungsabfällen gegen vermeintlich schwächere Teams ab. Das Problem zieht sich durch die komplette Saison und ist mittlerweile als ein Hauptgrund erkannt, warum die Eintracht derzeit unter ihren Möglichkeiten bleibt. Sogar die Mentalität der Mannschaft, in den letzten Jahren schlicht herausragend, wird von einigen Spielern momentan in Frage gestellt.

Im Pressing gab es zuletzt einige Lücken, die der Gegner trotz der auf dem Papier guten Präsenz der Eintracht am Flügel anspielen kann. Der Flügelangreifer und der ballnahe Sechser sind relativ leicht zu überspielen, wenn der Gegner kurzzeitig eine Art Raute um die beiden Spieler legt. Weil der zweite Sechser nicht so weiträumig aushilft, ist die Frankfurter Unterzahl in diesen Momenten ein echtes Problem und der Gegner kann fast risikolos um das Mittelfeld herumspielen und den oder die Angreifer vor der Abwehrkette ins Spiel bringen. Oder gleich ohne jegliches Risiko über die Frankfurter Kette auf einen einlaufenden Spieler spielen. Den nötigen Balldruck, um diese recht einfachen Bälle zu verhindern, bekommt Frankfurt nicht immer hin.

Das hohe Pressing leidet

Das etwas verhaltenere Pressing ganz vorne gibt dem Gegner zudem mehr Ruhe, um seine Angriffe sauberer zu strukturieren. Der immer etwas hektisch wirkende Frankfurter Fußball hat in seinen guten Momenten auch den Gegner permanent gestresst. Nun soll zwar das eigene Drittel besser geschützt werden, darunter leidet aber das hohe Pressing und es kommt zu weniger hohen Ballgewinnen - was wiederum das Umschaltspiel in einzelnen Fällen erschwert. Im geordneten Ballbesitzspiel jedenfalls ist Frankfurt immer noch keine Spitzenmannschaft der Liga. Im Zweifel entscheiden sich die Spieler für die lange gelernte Direktheit und Geradlinigkeit, statt einen an sich gut vorbereiteten Angriff auch geduldig und sauber zu Ende zu spielen.

Ohne den verletzten Bas Dost hat die Eintracht ein ähnliches Problem wie Werder: Zwar stünde mit Goncalo Paciencia immer noch ein großgewachsener Spieler zur Verfügung, das klare Stilmittel der hohen Bälle in die letzte Linie fällt momentan aber ziemlich aus. Die Tiefe muss also anders bedroht werden - und damit hat Frankfurt derzeit durchaus Schwierigkeiten.

Dazu kommt eine unerklärliche Auswärtsschwäche. Zwar hat Frankfurt in der Rückrunde nun schon mehr Punkte (vier) geholt als in der gesamten Hinserie (drei), belegt in der Auswärtstabelle mit sieben Pünktchen nach elf Spielen aber immer noch abgeschlagen den letzten Platz.

Das ist der Schlüsselspieler:

Filip Kostic spielt zwar fast ausschließlich auf dem linken Flügel, ist für die Eintracht aber in jeglicher Beziehung eine zentrale Figur. Kostic ist das Kraftwerk der Mannschaft, immer auf dem Sprung, immer unter Strom. Gefährlich mit seinen Läufen und seinen Dribblings, bisweilen auch mit seinen Standards. Im Zweikampf mit dem Ball am Fuß ist er einer der unangenehmsten Gegenspieler der Liga, der immer wieder den Körper zwischen Ball und Gegner bringt, sich den auch mal mit einer ausgestreckten Hand vom Leib hält und so entweder durchbricht oder zumindest einen Freistoß rausholt.

Kostic ist aber der Spieler, der sich ab und an mal rausnimmt aus der Defensivarbeit, der nicht immer aufmerksam ist und übersieht, was in seinem Rücken so passiert. Und der auch launisch ist, schnell mal abwiegelt und hadert. Das macht Frankfurts linke Seite mit Ball so gefährlich, ohne Ball aber durchaus auch angreifbar.

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