Werders Probleme bei Transfers

Eine Frage der Abwägung

Einen Investor wie Hertha BSC hat Werder nicht, der Millionen für Zugänge im Abstiegskampf spendiert. Auch Sponsoren helfen nicht, einen Stürmer zu finanzieren. Es ist fraglich, welches Risiko Werder eingeht.
29.01.2020, 10:27
Lesedauer: 3 Min
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Von Christoph Sonnenberg, Christoph Bähr und Jean-Julien Beer
Eine Frage der Abwägung

Sportchef Frank Baumann und Trainer Florian Kohfeldt.

nordphoto

Gebannt und mitunter amüsiert verfolgen Fußballfans in Deutschland, was gerade bei Hertha BSC passiert, seitdem Jürgen Klinsmann als Trainer und Lars Windhorst als Investor beim Hauptstadtklub am ganz großen Rad drehen. „Wir wollen uns größenwahnsinnige Ziele stecken“, betonte Arne Friedrich jüngst, der bei der Hertha in der Funktion des „Performance Manager" am Erreichen eben dieser Ziele arbeiten soll.

Aber, und da dürften einige Werder-Fans grün vor Neid werden, Hertha investiert auch mächtig, um in den nächsten Jahren zum „Big City Club" zu werden, eines der vielen von Klinsmann angepeilten Ziele. Erst wurde Santiago Ascacibar für 12 Millionen Euro vom VfB Stuttgart geholt, dann Lucas Tousart für 24 Millionen Euro von Olympique Lyon, der allerdings erst ab Sommer für die Berliner spielt. Wohl dem, der einen Investor findet, der 225 Millionen Euro zur Verfügung stellt.

Ein Abstieg kostet viele Millionen

Auch bei Werder soll sich noch etwas tun, bis Freitag um 18 Uhr die Transferperiode des Winters endet. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass Frank Baumann einen neuen Spieler präsentiert. Wer das ist, ist noch unklar. Unklar ist auch, in welcher finanziellen Größenordnung sich dieser Transfer abspielen wird.

Es ist eine Abwägungsfrage für die Verantwortlichen. Lieber jetzt mehr Geld investieren, um die Wahrscheinlichkeit eines Abstiegs zu reduzieren, der viele, viele Millionen kosten würde. „Es gibt eine finanzielle und eine sportliche Gefahr„, sagte Werders Ex-Manager Klaus Allofs Mitte Dezember im Interview. „Falls Werder wirklich in den Abstiegskampf gerät, wird es automatisch zu einer finanziellen Gefahr. Ein Abstieg hätte sehr negative Auswirkungen auf die Finanzen. Das muss man abwägen.“ Andererseits garantiert selbst ein Stürmer für 20 Millionen Euro nicht den Klassenerhalt, erschwert aber garantiert Investitionen in den kommenden Jahren.

Keine Beteiligung von Sponsoren

So üppige finanzielle Möglichkeiten wie Hertha haben die Bremer nicht. Was einer der Gründe ist, weshalb sie sich erst auf den letzten Drücker bei Transfers bedienen können. „Wir haben nicht den Erstzugriff bei vielen Transfers, das ist nun mal so, weil bei Transfers finanzielle Dinge immer eine Rolle spielen“, sagte Florian Kohfeldt nach dem 0:1 in Köln. Nach vier Niederlagen am Stück war Verstärkung plötzlich unausweichlich. Baumann hatte als Profil für Zugänge die drei Attribute sportliche Klasse, menschliche Qualität und Finanzierbarkeit genannt und betont, wie schwer das in der Winterpause im Gesamtpaket zu finden sei. Werder muss nehmen, was übrig bleibt, wenn Klubs mit mehr Geld sich bedient haben.

Einen Investor gibt es bei Werder bekanntlich nicht, in der Vergangenheit ist jedoch schon mal ein Sponsor eingesprungen als es darum ging, einen Transfer zu finanzieren. Im Sommer 2015 übernahm „Wiesenhof“ einen Teil der Kosten, um mal wieder Claudio Pizarro zurückzuholen. Mit 120.000 Euro beteiligte sich der Geflügelhersteller, was unterm Strich ein lohnenswertes Geschäft gewesen sein dürfte. „Wiesenhof“, bei Teilen der Werder-Fans äußerst unbeliebt, ermöglichte die Rückkehr Pizarros – ein netter PR-Coup, der dem Unternehmen damit gelungen ist.

Eine Kriegskasse gibt es nicht

Ein ähnliches Konstrukt aber wird es im Winter 2020 nicht geben. Auch wenn „Wohninvest“ nach dem Kauf der Namensrechte des Weserstadions im Sommer wohl auch keinen Beliebtheitspreis gewinnen dürfte, würde es unter den Werder-Fans eine Abstimmung geben. Das Immobilien-Unternehmen könnte theoretisch mit einer finanziellen Beteiligung an einem Stürmer punkten. Doch das ist nicht geplant, wie aus Unternehmenskreisen und dem Umfeld des Vereins zu hören ist.

Also woher das Geld für dringend benötigte Verstärkung nehmen, wenn nicht stehlen? „Wir haben kein Limit definiert oder eine Kriegskasse, sondern müssen im Einzelfall schauen, wenn eine Idee da ist, ob wir die realisieren können. Das werden wir versuchen„, versprach Aufsichtsrats-Chef Marco Bode im Trainingslager auf Mallorca, schob dann jedoch hinterher: „Was das dann in Zahlen bedeutet, kann man so pauschal nicht sagen.“

Herthas Maier war ein Kandidat

Werder ist bereit zu investieren, soll das wohl heißen, aber keine Millionensummen. Die sind bereits vergangenen Sommer geflossen, beziehungsweise vereinbart worden. Ömer Toprak und Leonardo Bittencourt müssen in diesem Jahr bezahlt werden, insgesamt hat Werder über 13 Millionen Euro für Transfers ausgegeben, ohne nennenswerte Einnahmen. Deshalb darf es verwundern, wenn Baumann und Kohfeldt regelmäßig betonen, wie wenig Geld zur Verfügung steht – eben weil einerseits investiert, andererseits mit Verkäufen nichts verdient wurde. Aus Augsburg, Mainz oder Freiburg, also Klubs einer ähnlichen Größe Werders, sind diese Klagen übrigens nicht zu hören.

Preetz mahnte in Berlin kürzlich überraschend zu mehr Realismus. Dazu gehört, dass Arne Maier, das größte Talent des Klubs, nicht abgegeben werden soll, obwohl er in den Plänen Klinsmanns keine große Rolle zu spielen scheint. Preetz will Maier nicht ziehen lassen. Das werden sie bei Werder aufmerksam verfolgt haben, Maier war ein Kandidat, mit dem sich die Bremer als möglichen Zugang in der Winterpause beschäftigt haben. Aber aus dem Berliner wird nun kein Bremer.

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