Wie Werder Leipzig knacken kann Eine Frage der Balance

Mut oder Sicherheit? Werder muss im Spiel bei RB Leipzig eine gute Mischung finden. Der Vizemeister ist zwar der klare Favorit, aber durchaus verwundbar, wie unsere Taktikanalyse zeigt.
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Von Stefan Rommel

Die Ausgangslage könnte schlechter sein für Werder: Mit dem Schwung des ersten Saisonsiegs geht es am Sonnabend gegen RB Leipzig, das durch eine Champions-League-Reise unter der Woche strapaziert wurde. Zudem verletzte sich beim Sieg in Monaco mit Marcel Sabitzer einer der wichtigsten Angreifer. Trotzdem sind die Leipziger der klare Favorit, weil sie individuell besser besetzt sind.

Ralph Hasenhüttls Mannschaft zeigte in den ersten Saisonspielen ein paar Anpassungsschwierigkeiten. Spätestens der Auswärtssieg bei Borussia Dortmund Mitte Oktober bedeutete aber den Wendepunkt. Leipzig hat die Mischung aus dem alten Überfallfußball und einem geordneten Positionsspiel hinbekommen und spielt rationaleren Fußball, ohne dabei seine Kernkompetenzen zu vergessen: aggressives Pressing und Gegenpressing, schnelles Umschalten nach Ballgewinn und Ballverlust. Das weiß auch Werder-Trainer Florian Kohfeldt, der sagt: „Leipzig steht für aggressiven, temporeichen Powerfußball. Die Qualität und die Athletik sind so gut, dass sie ihr Spiel auch gegen uns durchziehen werden. Da mache ich mir keine falschen Hoffnungen.“

Das Spiel gegen den Ball

Leipzig presst grundsätzlich bissig. Zumeist wird der Gegner in einem sehr riskanten 4-2-4 erwartet, wobei die erste Pressinglinie ihre Anlaufhöhe variiert und den Aufbau des Gegners mit einer versetzten Stellung einzelner Spieler auf eine Seite locken will.

Der dogmatische Ansatz aus den letzten beiden Spielzeiten, den Gegner möglichst hoch, möglichst frontal und möglichst schnell anzulaufen, ist mittlerweile etwas verwässert. Stattdessen sucht sich Leipzig gerne ein „Pressingopfer“ aus, also einen Spieler in der Abwehrkette des Gegners, auf den der Ballbesitz gelenkt werden soll. Dann setzen sich die Pressingabläufe sofort in hoher Geschwindigkeit in Gang.

Ziel ist es, ein Zuspiel entweder ins Zentrum auf einen Sechser zu provozieren, der dann sofort massiven Druck bekommt, oder aber auf den Außenverteidiger, der dann schnell vom ballnahen Außenbahnspieler angelaufen und gestellt wird.

Ein zweites zentrales Merkmal von Leipzigs Spiel gegen den Ball sind Zweikampfsituationen. Die Mannschaft versucht, den Gegner regelrecht in direkte Duelle zu treiben, und verteidigt vorbereitend raumorientiert. Wenn es an die Balleroberung gehen soll, ist der Zweikampf das Mittel der Wahl. Dabei hat die Mannschaft gleich einige ganz geschickte Spieler in ihren Reihen.

Leipzigs Sechser spekulieren manchmal auf ein mögliches Zuspiel. In der Ausholbewegung des Passgebers laufen sie den Passempfänger dann mit vollem Tempo im Rücken an und schieben sich im letzten Moment vor den Gegenspieler. In der engen Formation im 4-2-4 oder 4-2-2-2 nur mit den Außenverteidigern auf den Flügeln versucht Leipzig, das Zentrum zu kontrollieren. Und hier kommt auch die dritte große Säule des Leipziger Defensivfußballs zum Tragen: das Gegenpressing. Die dichte Staffelung der einzelnen Spieler zueinander forciert die schnelle Jagd nach einem Ballverlust.

Ein echtes Problem stellen in dieser Saison allerdings die Defensiv-Standards dar. Leipzig verteidigt mit einer Mischung aus Raum- und Manndeckung, leistet sich aber viele kleine Fehler, die in der Bundesliga und in der Champions League schon böse bestraft wurden.

Das Spiel mit dem Ball

Leipzig hat sich auch im Spiel mit dem Ball ein wenig von den alten Leitlinien verabschiedet. Das Positionsspiel gegen deutlich tiefer stehende Gegner ist besser geworden, wobei die Mannschaft dort in erster Linie mit vielen Überladungen arbeitet, also so viele Spieler wie möglich in Ballnähe bringt, vor allen Dingen in den Halbräumen und im Zentrum. Die Flügel werden im Übergangs- und Angriffsdrittel eher stiefmütterlich behandelt.

Der Vizemeister baut mit den beiden Innenverteidigern auf oder mit einem abkippenden Sechser, der sich entweder dazwischen fallen lässt oder aus der Halbposition neben einem der Innenverteidiger agiert. Grundsätzlich wird schnell, flach und vertikal durch die Halbräume oder das Zentrum kombiniert. Die Außenverteidiger stehen gar nicht besonders hoch im Feld. Wenn ein Gegner das Zentrum gut schließt, spielt Leipzig über seine Außenverteidiger vom Flügel mit Pässen ins Zentrum hinter das gegnerische Mittelfeld und umgeht durch diesen Plan B den größten Pressingdruck.

Plan C sieht vor, dass Yussuf Poulsen den Wandspieler gibt für hohe Bälle über das Mittelfeld und Leipzig dann auf den zweiten Ball geht. Auch hier kommt die enge Staffelung der Spieler wieder positiv zum Tragen. Poulsen ist kein besonders spektakulärer, aber ein brutal wichtiger Akteur. Kaum ein anderer in der Bundesliga kann eine Abwehr so aufreiben wie der Däne, sowohl defensiv als auch offensiv. Poulsen ist unbequem und körperlich robust, langt auch mal selber hin, stresst den Gegner - und schafft damit Raum für die anderen blitzschnellen Spieler, die die Schnittstellen mit Tempo anlaufen können.

Überragend ist Leipzigs Umschaltverhalten nach Ballgewinnen geblieben. Mit wenigen Kontakten wird dann kombiniert und in der letzten Linie sofort von mindestens einem Spieler die Tiefe erlaufen. Sehr gefährlich und für den Gegner schwer aufzunehmen sind die Läufe aus der Tiefe der beiden Sechser. Mit Naby Keita hat Leipzig einen Spieler in seinen Reihen, der auf diesem Gebiet absolute Weltklasse darstellt.

Das sind Werders Chancen

Kohfeldt redet in den höchsten Tönen vom kommenden Gegner: „RB verfügt über eine individuelle Qualität im Kader wie sonst nur der BVB und die Bayern“, betont der Werder-Coach. Werder dürfte in Leipzig also nicht ganz so mutig attackieren wie gegen Hannover. In der zu erwartenden 4-4-2-Struktur gegen den Ball haben die Bremer sechs, mit eng stehenden Achtern sogar acht Spieler, die das Zentrum blockieren können. Das Ziel muss unbedingt lauten, Leipzig so oft wie möglich auf die Flügel zu drücken. Hier hilft es, dass Leipzigs Außenverteidiger zwar dynamisch, aber technisch nicht so beschlagen sind.

Leipzigs Pressing ist ein enormes Problem im Spielaufbau und fordert nahezu alle Register: Ballsicherheit, Resistenz unter Gegnerdruck, Antizipation, saubere Laufwege und Freiziehen der Räume. Fällt eine dieser Voraussetzungen aus, wird es ganz schnell ungemütlich. Vermutlich wäre es ratsam, Leipzig mit kurzen Pässen ins Übergangsdrittel erst gar nicht zum Pressen einzuladen, sondern entweder den Weg über die ungefährlicheren Außen zu wählen oder gleich mehrere hohe Bälle einzustreuen. Das minimiert das Risiko.

Will Werder trotzdem spielerische Lösungen anbieten, wie Kohfeldt auf der Pressekonferenz vor dem Spiel andeutete, könnte Leipzigs Pressing zum Beispiel durch einen flachen Pass in den Halbraum oder ins Zentrum angelockt werden. Von dort muss das Spiel dann schnell auf die andere Seite verlagert werden. Ist Leipzig mit vielen Spielern in der Nähe des Balles vertreten, bleibt ansonsten nur ein neutraler Ball in Richtung Angriff. Dort dürften Max Kruse, Fin Bartels oder Zlatko Junuzovic im (Luft-)Zweikampf gegen Leipzigs robuste Innenverteidiger jedoch nahezu chancenlos sein.

Ein Angriffspunkt sollten die Offensiv-Standards sein. Leipzigs Probleme im Verteidigen dieser Bälle sind bekannt, Kohfeldt hatte in seiner Zeit als Skripnik-Assistent immer wieder gute Varianten einstudieren lassen.

In Leipzig benötigt Werder die viel zitierte Balance dringender denn je. Igelt sich die Mannschaft zu sehr ein, wird sie von Leipzigs Dominanz früher oder später erdrückt. Spielt sie zu offensiv, ist zwar die nötige Entlastung da, aber eben auch Raum für die schnellen Konter des Gegners. Die Partie wird auch dem Trainerteam in der Vorbereitung alles abverlangen. Kohfeldt gibt sich im Vorfeld zumindest optimistisch: „In einem Spiel hat man die Möglichkeit, auch so einen Gegner zu knacken. Wir müssen uns nicht komplett klein reden.“

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