Taktikanalyse vor Saisonbeginn

Eine Frage der Details

Vor dem ersten Pflichtspiel erinnert Werder in den Abläufen grundsätzlich schon wieder an die Rückrunde. In ein paar wichtigen Details gibt es aber noch Steigerungspotenzial. Eine Taktikanalyse.
10.08.2017, 12:28
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel und Cedric Voigt

„Es wird ein schweres Spiel. Aber nur, wenn wir es uns selbst schwer machen.“ Das sagt einer, der mit Werder Bremen schon dreimal in der ersten Pokalrunde rausgeflogen ist - jeweils gegen einen Drittligisten. Theodor Gebre Selassie kennt die Tücken des Wettbewerbs und weiß nur zu gut, dass auch gegen einen vermeintlich unterlegenen Gegner eine konzentrierte Leistung her muss, um die fest eingeplante zweite Runde auch zu erreichen.

Werders Testspiele waren ordentlich, die Generalprobe gegen den FC Valencia am Tag der Fans aber offenbarte doch noch ein paar Probleme, die es gegen Würzburg abzustellen gilt. Gegen die Kickers ist ein von Werder dominiertes Spiel zu erwarten, ganz im Gegensatz zu den dann folgenden Partien in der Bundesliga bei 1899 Hoffenheim und zu Hause gegen die Bayern. Auch deshalb ist die nach Offenbach verlegte Partie eine ganz besondere, die aus der Art schlägt und Werder vor ein paar spezielle Herausforderungen stellt.

Werder hat in den Wochen der Vorbereitung an den Abläufen in der bevorzugten 3-1-4-2-Grundordnung gefeilt. Im Härtetest gegen Valencia war schon gut zu erkennen, dass die grundsätzliche Balance zwischen Defensive und Offensive recht sauber abgestimmt war. Das Pressing funktionierte auch mit verändertem Personal: Florian Kainz und Jerôme Gondorf füllten die Rollen von Fin Bartels und Zlatko Junuzovic besonders in Bezug auf die grundsätzliche Aggressivität und Risikobereitschaft zwar nicht komplett aus, agierten aber bis auf ein paar Ausnahmen zusammenhängend und konzentriert.

Die Mannschaft stellte gerade bei Spielunterbrechungen, wie schon in der letzten Rückrunde, immer wieder klare Mannorientierungen her, die den Gegner zu einem langen Ball zwangen.

Werder hatte keine großen Leistungsschwankungen innerhalb der 90 Minuten, spielte sein Spiel ruhig und ohne große Hektik. Die Mannschaft versuchte, gegen einen eher abwartenden Gegner über längere Ballbesitzphasen das Spiel zu kontrollieren, hatte gute Momente im Fallen nach Ballverlust und eine vernünftige Ordnung. Das führte insgesamt zu einem deutlich stabileren Spiel gegen den Ball.

Alexander Nouri hatte „viele Dinge gesehen, die gut funktioniert haben“ - und einige, an denen man noch arbeiten möchte. Dazu gehört die Einbindung des Torhüters ins Aufbauspiel offenbar nicht. Wie schon Felix Wiedwald nimmt auch Jiri Pavlenka kaum an einer ruhigen Ballzirkulation teil, um die gegnerische erste Pressinglinie zu überspielen. Der Tscheche ist als Anspielstation eine Notlösung, aber kein permanenter Faktor, um eine Überzahl sauber auszuspielen. Hierauf legen Nouri und sein Trainerteam offenbar keinen gesteigerten Wert. Der Spielaufbau bleibt deshalb Aufgabe der Dreierkette plus dem klaren Sechser Maximilian Eggestein.

Hier gab es gegen Valencia, das wie Würzburg in einem 4-4-2 gegen den Ball verteidigt hat, immer wieder Probleme. Eggestein konnte sich im Sechserraum oft nicht klar genug aus dem Deckungsschatten der beiden anlaufenden Angreifer lösen, weshalb er als Anspielstation zu oft keine Option war. Das hatte zur Folge, dass ein Aufbau durch das Zentrum nur selten möglich war und Werder schnell den Weg über die Außenbahnen nehmen musste, wo die Angriffe dann vom Gegner besser zugestellt oder ganz unterbunden werden konnten.

Durch die hohe Positionierung von Theo Gebre Selassie auf rechts und Ludwig Augustinsson auf links zogen die beiden äußeren Mittelfeldspieler ihre Gegenspieler mit und drückten den gegnerischen Verbund automatisch weiter nach hinten. Den frei gewordenen und unbesetzten Raum konnten Robert Bauer und Milos Veljkovic gut andribbeln.

Das sah wie eine vom Trainerteam geforderte Variante aus, die noch durch den Umstand verstärkt wurde, dass sich die beiden Achter Thomas Delaney und Gondorf oft aus dem Spielaufbau raushielten und stattdessen ebenfalls eine höhere Position einnahmen. Dadurch blieben die Halbräume frei, es war wenig Verkehr und es ergaben sich einige günstige Passlinien für die Innenverteidiger, um den Ball flach direkt bis ins Angriffsdrittel durchzuspielen.

Waren die Wege aber verstellt und kippte kein Achter - Delaney hatte diese Momente noch am ehesten - in eine tiefere Position im Halbraum, dann bekam Werder schnell Probleme im Spielaufbau. Eggestein war isoliert und schwer anspielbar und ohne Unterstützung durch Delaney oder Gondorf blieben nur der flache Pass auf die Außen oder eine Spielverlagerung auf die andere Angriffsseite durch einen hohen Ball. Beide Optionen dürften aber nicht die präferierten für Werders Offensivspiel sein.

Eine Besonderheit war bei einigen Gegenpressingmomenten zu beobachten: Werder kam durch seine Staffelung zwar geschickt in jene Situationen, hatte aber auch noch ein paar Schwachpunkte, die es ballsicheren und flinken Gegnern leicht machen dürfte, sich aus den potenziell gefährlichen Lagen zu befreien.

Immer mal wieder wurde Augustinsson da durch ein schlampiges Timing im Durchschieben auffällig. Der Schwede wusste nicht so recht, ob er seine Position verlassen und aggressiv in den Pulk mitschieben oder seine Seite absichern sollte. Die Folge waren kleine Lücken in Ballnähe, die Valencia schnell bespielte und sich aus der Umklammerung befreien konnte - während Augustinsson 15 bis 20 Meter weg vom Geschehen ohne Bezugspunkt oder direkten Gegenspieler verharrte und so keine Chance hatte, mit echtem Zugriff einzugreifen.

Probleme dieser Art sind in der Feinjustierung in den Griff zu bekommen. Die grundsätzliche Bereitschaft für ein mutiges Gegenpressing ist jedenfalls da. Insofern könnte die Partie gegen Würzburg, trotz des Wettkampfcharakters und der ordentlichen Fallhöhe für Werders Profis, in gewisser Weise auch ein letzter willkommener Test sein.

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