Analyse der Werder-Mannschaft Eine Frage der Qualität

Bremen. Für die eine Fraktion liegen die Dinge klar: Thomas Schaaf ist Schuld an Werders Problemen. Die anderen nehmen lieber die Mannschaft in die Pflicht. Wie gut ist Werder wirklich besetzt? Eine Analyse.
05.03.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Eine Frage der Qualität
Von Marc Hagedorn

Bremen. Werder hat am Wochenende die Verpflichtung von drei Neuzugängen bekannt gegeben. Allerdings wird das Trio der Bundesliga-Mannschaft im Abstiegskampf kaum aktive Hilfe leisten können. Der Schriftsteller Moritz Rinke, Komiker Wigald Boning und Ernährungsspezialistin Dagmar Freifrau von Cramm sind neue Botschafter für das Projekt "Werder bewegt – lebenslang". Es bündelt Aktivitäten des Vereins in sechs Themenbereichen und reicht von der "Windel-Liga" über Ferienprogramme bis zum Programm "60 plus". Auf dem Fußballplatz müssen andere die Dinge richten, nämlich die rund 20 Profis, die zum engeren Bundesligakader zählen.

Torhüter

Der Job als Nummer eins eines Bundesligisten kennt keine Schonzeit: Sebastian Mielitz ist gleich gefordert. Der 23-Jährige hat die mit Abstand meisten Gegentore kassiert (48). 59,3 Prozent gehaltene Bälle weist die Statistik für ihn aus. Das sind mehr als bei seinem Vorgänger Tim Wiese (52,8) oder dem Schalker Timo Hildebrand (51,1), aber deutlich weniger als beim Rest der Liga. In Expertenkreisen ist darüber bereits eine Diskussion entbrannt. Während Ex-Werder-Schlussmann Frank Rost dem neuen Bremer Torwart vorhält, zu wenige Spiele zu gewinnen, ist Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann ein Mielitz-Verteidiger.

Argumente für ihre Einschätzung haben beide: Nur fünf verhinderte Großchancen haben die Statistiker für Mielitz gezählt. Zum Vergleich: Beim Stuttgarter Sven Ulreich und bei Frankfurts Kevin Trapp sind es 24, bei Fabian Giefer (Fortuna Düsseldorf) 20. Allerdings hält sich die Zahl der Mielitz-Patzer in Grenzen, so unglücklich wie Giefer beim 1:1 gegen Mainz am Wochenende sah Mielitz selten aus. Und ganz generell zu Zahlenspielen: Hinter Mielitz liegt in Sachen Glanzparaden einer, der ein ausgewiesener Spitzentorwart ist – Bayerns Manuel Neuer mit lediglich drei Großtaten, aber dem Vorteil, hinter einer guten Abwehr zu stehen.

So oder so: Mielitz ist unantastbar, auch weil er konkurrenzlos ist. Österreichs Junioren-Nationaltorwart Richard Strebinger ist noch nicht soweit. Und Raphael Wolf, bis Sommer die Nummer eins beim österreichischen Erstligisten Kapfenberger SV, bringt sich nach einer Hüftoperation bei der zweiten Mannschaft erst in Wettkampfform.

Abwehr

Eine 1a-Besetzung für die Positionen in der Viererkette gibt es nicht. Unumstritten ist nur einer: Abwehrchef Sokratis. Allerdings kommt er im neuen Jahr nicht recht in Tritt. Gegen Freiburg und die Bayern setzte ihn eine Grippe außer Gefecht, gegen Gladbach am kommenden Wochenende muss er nach der fünften Gelben Karte zuschauen. Da auch Sebastian Prödl noch gesperrt ist und es nicht geschafft hat, sich als Innenverteidiger Nummer zwei zu etablieren, bleibt Assani Lukimya in diesem Jahr die Konstante in der Innenverteidigung. Lukimya ist zwar ein starker Zweikämpfer; 67,7 Prozent gewonnene Duelle sind der neuntbeste Wert der Liga. Aber Stellungsfehler und Schwächen im Spielaufbau hat er bisher nicht in den Griff bekommen. Sehr wahrscheinlich, dass er mit Wintereinkauf Mateo Pavlovic (Erfahrung: 45 Bundesliga-Minuten) in Gladbach das Innenverteidiger-Duo bilden wird.

Auf den Außenverteidigerpositionen hat ebenfalls kein Kandidat durchgängig überzeugt. Lukas Schmitz spielt dort zwar regelmäßig. Verbessert hat sich der Ex-Schalker aber auch in seinem zweiten Jahr unter Trainer Thomas Schaaf nicht. Theo Gebre Selassie, der für Tschechien eine auffällige Europameisterschaft spielte, steckt im Tief, sodass Defensiv-Allrounder Aleksandar Ignjovski nach enttäuschender Hinrunde zuletzt häufig gespielt hat. Sehr wahrscheinlich ist die Rückkehr des genesenen Kapitäns Clemens Fritz im nächsten Spiel.

Mittelfeld

Zlatko Junuzovic läuft die weitesten Wege, geht keinem Zweikampf aus dem Weg und gewinnt auch ziemlich viele davon. Die optimale Lösung für die Rolle des zentralen defensiven Mittelfeldspielers scheint er trotzdem nicht zu sein. Werder hat viele Gegentore kassiert, die ihren Ausgang dort auf dem Spielfeld hatten, wo eigentlich er aufräumen soll. Womöglich wäre eine zweite defensive Kraft (Ignjovski, Fritz) eine Möglichkeit, um Werders Kompaktheit zu erhöhen. Allein: Schaaf weicht von seinem Spielsystem nicht ab.

Werders Stabilität leidet auch deshalb, weil nicht immer alle Offensivspieler den Weg mit nach hinten gehen. Sokratis thematisierte das am Wochenende. Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg als Fernsehexperte skizzierte die Folgen: "Wenn ein oder zwei Leute nicht mitmachen beim Umschalten, dann kriegst du eben fünf Tore gegen Dortmund oder sechs gegen Bayern." Angesprochen dürfen sich die Offensivgeister Arnautovic, Ekici, Elia und mit Abstrichen Kevin De Bruyne fühlen. Der belgische Leihspieler De Bruyne ist offensiv und als Fußballer ein immenser Gewinn. Er hat ein gutes Auge, eine feine Technik und im Vorwärtsgang viel Tempo. Sechs Tore und sieben Vorlagen machen ihn zu einem wertvollen Spieler, der indes in der Rückwärtsbewegung mehr tun könnte. Da ist Nebenmann Aaron Hunt, früher auch kein ausgewiesener Defensivarbeiter, weiter. Der stellvertretende Mannschaftskapitän ist Werders komplettester Mittelfeldspieler.

Angriff

Im Sturm wird die personelle Lage immer übersichtlicher. Nach Niclas Füllkrug fällt nun auch Joseph Akpala aus. Das heißt, dass Werder von dem ohnehin beinahe konkurrenzlosen Nils Petersen immer abhängiger wird. An guten Tagen ist Petersen ein Stürmer von gehobener Bundesliga-Qualität, an schlechten Tagen – wie zuletzt in München und gegen Augsburg – findet er kaum statt. Ein Manko ist auch sein Torabschluss. Zwar sind elf Saisontore eine stattliche Ausbeute für einen Stürmer, der vor zwei Jahren noch in der zweiten Liga gespielt und zuletzt fast ein Jahr auf der Ersatzbank der Bayern gesessen hat. Andererseits trifft Petersen lediglich bei jeder sechsten Großchance. Andere Mittelstürmer wie Robert Lewandowski (Borussia Dortmund), Mario Mandzukic (FC Bayern) oder Vedad Ibisevic (VfB Stuttgart) benötigen nur vier Versuche für einen Treffer.

Übersichtlich ist die Konkurrenzsituation auf den Flügelpositionen. Arnautovic, Elia, zuletzt Ekici, aber auch schon De Bruyne konnten in der Rückrunde nicht den Nachweis erbringen, die Idealbesetzung auf Links- oder Rechtsaußen zu sein. Näher an den Profikader rückt nun womöglich Johannes Wurtz. Der 20-Jährige, im Sommer vom Drittligisten 1. FC Saarbrücken gekommen, trainiert regelmäßig bei den Profis mit. Seine Tore schießt er noch in der Regionalliga. Das ist ihm dort aber immerhin schon zwölf Mal gelungen.

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