Wie Werder mit Kopfverletzungen umgeht

Eine heikle Kopfsache

Kopfverletzungen im Fußball sind aktuell ein großes Thema. Die Deutsche Fußball Liga hat jetzt einen verpflichtenden Hirntest eingeführt. Wie ging Werder in der abgelaufenen Saison mit Kopfverletzungen um?
26.06.2019, 18:07
Lesedauer: 4 Min
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Eine heikle Kopfsache
Von Christoph Bähr
Eine heikle Kopfsache
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Gerade noch hatte Jiri Pavlenka regungslos auf dem Rasen der Frankfurter Arena gelegen, doch kaum war er wieder bei Bewusstsein, wollte der Werder-Torwart unbedingt weiterspielen. Mannschaftsarzt Philip Heitmann ließ ihn allerdings nicht zurück ins Tor – und machte damit alles richtig. Später stellte sich heraus, dass der Tscheche beim Zusammenprall mit dem Frankfurter Mijat Gacinovic im September 2018 eine leichte Gehirnerschütterung erlitten hatte. Die Erstdiagnose und das Verhalten der Werder-Mediziner seien somit vollkommen korrekt gewesen, sagt Prof. Dr. Michael Paul Hahn. „Bei einer Gehirnerschütterung muss der Spieler sofort vom Feld runter. Da gibt es keinen Spielraum. Das darf man nicht tolerieren, weil Folgeverletzungen auftreten können“, betont der Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Klinikum Bremen-Mitte, der regelmäßig Werder-Profis behandelt.

Einige Tage nach dem Spiel zeigte sich Pavlenka einsichtig: „Ich hätte gerne weitergespielt, aber das wurde mir nicht erlaubt. Das war wahrscheinlich die richtige Entscheidung.“ Und Sportchef Frank Baumann unterstrich: „In Frankfurt hat man gesehen, dass unsere Ärzte sehr vernünftig mit solchen Verletzungen umgehen.“ Eigentlich selbstverständlich, aber es gibt auch andere Beispiele. Tottenhams Jan Vertonghen taumelte im Champions-League-Halbfinale gegen Ajax mit einer Kopfverletzung zurück auf den Platz, ließ sich nach 30 Sekunden auswechseln und übergab sich anschließend.

Auch wegen solcher Fälle setzt im Fußball ein Umdenken ein. Die Deutsche Fußball Liga führt zur neuen Saison auf Empfehlung des Deutschen Fußball-Bundes ein verpflichtendes Baseline-Screening für alle Spieler der ersten und zweiten Liga ein, wie sie jetzt mitteilte. Dabei handelt es sich um ein neurologisches Screening vor der Saison, bei denen die Profis den sogenannten Scat-5-Test durchlaufen. Dabei werden die verschiedenen Teilbereiche der Hirnfunktion, unter anderem Eigenschaften wie die Balance und die Merkfähigkeit, untersucht. Weichen die Testergebnisse direkt nach einer Kopfverletzung im Spiel von denen vor der Saison ab, ist das für die Mediziner ein deutliches Zeichen dafür, den Spieler nicht weiterspielen zu lassen. Laut DFL sind die Schiedsrichter informiert, dass eine Partie für solch eine Behandlung bis zu drei Minuten lang unterbrochen werden kann.

Werden die Regeln geändert?

Bereits vorher hatte das Uefa-Exekutivkomitee den Weltverband Fifa und das International Football Association Board (Ifab) aufgefordert, „das aktuelle Verfahren bei Verdacht auf Gehirnerschütterung zu überprüfen und mögliche Änderungen an den Spielregeln (beispielsweise hinsichtlich Auswechslungen) in Betracht zu ziehen, um den Druck auf den medizinischen Betreuerstab zu reduzieren und den Ärzten bei Verdacht auf Gehirnerschütterung mehr Zeit für die Beurteilung neben dem Spielfeld zu geben.“ Es gibt den Plan, dass ein Ersatzspieler für den verletzten Teamkollegen einspringt, ohne dass das Wechselkontingent davon berührt wird. Kann der angeschlagene Akteur weiterspielen, macht der Ersatzspieler wieder Platz.

Zudem soll der verletzte Spieler von einem neutralen Arzt untersucht werden – so wie beim American Football in der US-Profiliga NFL. Dort tritt bei Kopfverletzungen das Concussion (übersetzt: Gehirnerschütterung) Protocol in Kraft, also ein genau festgelegter Ablauf. „Ich weiß nicht, ob man das im Fußball auch so machen muss, aber es wäre ein gangbarer Weg“, sagt Professor Hahn. „Das Wichtigste ist, sich drei, vier Minuten Zeit zu nehmen, um den Spieler zu beobachten. Es ist schwierig am Spielfeldrand zu entscheiden, in welchem Ausmaß das Gehirn mitbetroffen ist.“

In der Bundesliga zählte der Blog „fussballverletzungen.com“ in der abgelaufenen Saison 22 Gehirnerschütterungen – und damit mehr als in den vorherigen acht Spielzeiten. Bei Werder war nur Pavlenka betroffen, doch beinahe wären zwei weitere Fälle hinzugekommen. Im März erwischte es erneut Pavlenka, der in Wolfsburg heftig mit Admir Mehmedi zusammenrasselte. Der Torwart konnte weitermachen und Trainer Florian Kohfeldt versicherte später: „Bei den kleinsten Anzeichen für ein Risiko wären wir dieses Risiko nicht eingegangen.“ Wieder lagen die Werder-Mediziner richtig: Pavlenka hatte keine Gehirnerschütterung erlitten.

Klaassen und die „Blitze“

Etwas verzwickter stellte sich der Fall Davy Klaassen dar. Bei der Partie in Düsseldorf Ende April stieß Werders Mittelfeldspieler mit Aymane Barkok zusammen. Klaassen blutete am Ohr, wurde auf der Ersatzbank genäht und kam zurück auf das Feld. Dort leitete er mit einem Fehlpass einen Gegentreffer ein. Danach schaute er nach oben und sah „Blitze“, wie Klaassen später berichtete. Er ließ sich auswechseln. Dennoch sei es kein Fehler gewesen, auf den Platz zurückzukehren, betonte der Niederländer. „Ich hatte schon einmal eine Gehirnerschütterung und wusste deshalb, dass es dieses Mal keine war.“

Tatsächlich wurde keine Gehirnerschütterung diagnostiziert. Aus sportlicher Sicht wäre es wohl dennoch besser gewesen, den Spieler, der nicht mehr 100-prozentig bei der Sache war, auszuwechseln. Die Diagnose von Kopfverletzungen ist eben ein schmaler Grat. Klaassen weiterspielen zu lassen sei nachvollziehbar gewesen, findet Professor Hahn. „Man hat am Spielfeldrand nicht die Apparate, die man in einer Klinik zur Verfügung hätte. Man muss sich auf die Angaben des Spielers und auf die klinische Untersuchung, die man durchführt, verlassen.“

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