Erleichterung nach Happy End in Düsseldorf

Ein wildes Werder mit großem Willen

Mit dem spektakulären 3:2-Sieg bei Fortuna Düsseldorf haben Spieler und Trainer bewiesen, dass sie nach dem Abstieg alles für den Verein geben – unabhängig davon, was noch personell passieren kann.
01.08.2021, 18:08
Lesedauer: 3 Min
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Von Björn Knips
Ein wildes Werder mit großem Willen

„Die Mannschaft ist intakt. Sie funktioniert“, schwärmt Werder-Cheftrainer Markus Anfang.

Andreas Gumz

Vor sechs Wochen ist der SV Werder Bremen in die ungeliebte Mission 2. Liga gestartet, stets begleitet von einer Frage: Wie soll da auf dem Platz ein Team agieren, wenn fast jeder Spieler noch wechseln kann oder sogar soll? Nach dem enttäuschenden 1:1 zum Auftakt gegen Hannover 96 kamen große Zweifel auf, dass dieser unfreiwillige, wirtschaftlich aber zwingend notwendige Werder-Weg gut gehen könnte. Mit dem spektakulären 3:2-Sieg bei Fortuna Düsseldorf bewiesen Spieler und Trainer, dass sie sich nach dem Abstieg voll für ihren Club reinhauen – unabhängig davon, was alles noch passieren kann. Und auch sportlich gab es durchaus gute Ansätze, die für die nächsten Woche Mut machen. 

„Der schönste Moment war, dass nach dem 3:2 alle auf den Platz gelaufen sind und miteinander gefeiert haben. Es war zu merken, wie belastend es war, so lange kein Meisterschaftsspiel mehr gewonnen zu haben“, berichtete ein zwar mitgenommener, aber sehr glücklicher Markus Anfang. Der neue Coach hatte mit seinem Team eine fast unglaubliche Schlussphase erlebt. Werder führte bis weit in die Nachspielzeit hinein nach zwei Toren von Josh Sargent (39. und 64.) sowie einem Gegentreffer von Rouwen Hennings (47.) mit 2:1 und verteidigte den Vorsprung leidenschaftlich. Doch dann gelang Khaled Narey das 2:2, der Großteil der fast 13 000 Zuschauer in der Merkur Spiel-Arena jubelte. Werder hingegen lag am Boden. Aber nur ganz kurz. Am Spielfeldrand trieb Anfang sein Team gleich wieder an, nach dem Anstoß ging es sofort nach vorne. „Die Jungs wollten nach dem ärgerlichen Ausgleich unbedingt diese eine Chance noch haben“, erinnerte sich Clemens Fritz, der das Spiel als Leiter Profi-Fußball von der Ersatzbank aus verfolgte. Von dort sah er, wie ausgerechnet Torschütze Narey beim Versuch, den Ball wegzuschlagen, zuerst den Bremer Felix Agu traf. Schiedsrichter Daniel Schlager entschied auf Strafstoß, Maximilian Eggestein verwandelte sicher. Jetzt brachen bei den Bremern alle Dämme. Bis auf Keeper Michael Zetterer feierten alle Grün-Weißen inklusive der Reservisten neben dem Tor. 

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„Die Mannschaft ist intakt. Sie funktioniert“, schwärmte Anfang. Nach dem Schlusspfiff trommelte er sein Team plus Mitarbeiter für einen Kreis zusammen: „Ich habe die Mannschaft dafür gelobt, dass sie nach dem 2:2 nicht den Kopf in den Sand gesteckt hat, sondern weiter nach vorne gespielt und direkt versucht hat, das Tor zu machen.“ Gegen Hannover war die Mannschaft nach Rückschlägen, und das mussten nicht einmal Tore sein, eingebrochen und erst langsam wieder aufgestanden. Diesmal war es anders. „Das war vor allem ganz viel Wille“, lobte Fritz und betonte: „Die Mannschaft hat diese besondere Situation angenommen. Das haben wir nicht nur so gesagt, das ist so. Gegen Hannover kam das vielleicht nicht ganz so rüber, jetzt gegen Düsseldorf aber auf jeden Fall. Wir haben ganz viel Mentalität auf den Platz bekommen.“

Sowohl Anfang als auch Fritz sprachen von einem Brustlöser. Schließlich lag der letzte Sieg in einem Pflichtspiel 143 Tage zurück. „Mal wieder zu gewinnen, hat etwas ausgelöst. Dieser Druck, so viele Spiele nicht gewonnen zu haben, war zu extrem“, gestand Anfang. Er befahl seinen Spieler quasi, diesen Sieg ruhig ein bisschen zu feiern. Bei Bedarf würde er auch einen guten Brauch aufleben lassen, bei der Heimfahrt mit dem Bus an der ersten Tankstelle anhalten und eine Kiste Bier organisieren. Einfach mal durchatmen und genießen. Das hatten sich alle Beteiligten verdient.

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Doch Anfang lobte nicht nur. „Wir waren in der ersten und zweiten Halbzeit in den ersten zehn Minuten zu passiv“, monierte der Coach. Gerade der schnelle Ausgleich nach der Pause ärgerte ihn. Da hätte die Partie kippen können. Doch Werder schlug zurück, verpasste allerdings nach Sargents 2:1, den Sack zuzumachen, und ließ sich von den Düsseldorfern in ein regelrechtes Spektakel mit viel Hektik verwickeln. „Es war ganz schön wild“, erinnerte sich Fritz: „Natürlich müssen wir da souveräner werden und kühleren Kopf bewahren. Aber die 2. Liga ist sehr speziell. Das muss sich entwickeln.“

Die Richtung stimmt dabei. Vier Punkte nach zwei Spielen sind okay – vor allem angesichts der großen personellen Probleme. Es ist nicht nur unklar, wer alles bleibt, es gibt aktuell auch zahlreiche Ausfälle. Anfang musste wie schon gegen Hannover improvisieren und überraschte mit einer neuen Taktik. Defensiv ließ er mit Viererkette spielen, bei Ballbesitz schob Rechtsverteidiger Manuel Mbom nach vorne, es entstand ein ungewöhnliches 3-1-5-1-System, das viele Räume bot und der Fortuna durchaus zu schaffen machte. Allerdings agierten die Bremer nicht genau, zielstrebig und schnell genug, um daraus mehr Chancen zu kreieren. Deswegen wollte Anfang auch noch nicht von einem Wendepunkt sprechen. „Wir brauchen einige positive Erlebnisse, und dafür müssen wir hart arbeiten“, forderte der Coach und meinte mit Blick auf das Pokalspiel am Samstag beim Drittligisten VfL Osnabrück: „Wir nehmen das heute gerne mit, aber schon beim nächsten Spiel bekommen wir nichts dafür.“ Zumal Anfang auch nicht weiß, welche Spieler dann noch da sind.

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