Sie spielen selten bis nie Erras und Ignjovski: Zwei Ex-Werderaner auf dem Kieler Abstellgleis

Die ehemaligen Werder-Profis Patrick Erras und Aleksandar Ignjovski teilen ein Schicksal, seit sie bei Holstein Kiel unter Vertrag stehen: Sie spielen selten bis nie.
27.11.2021, 12:03
Lesedauer: 3 Min
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Von Hans-Günter Klemm

Ein Wiedersehen wird es sicherlich geben. Fragt sich nur, wo dieses am Samstag stattfindet, wenn Werder an der Kieler Förde auftaucht. Auf dem Platz wohl kaum, eher schon auf der Reservebank, gar im Kabinengang oder auf der Tribüne. Es ist das momentane Schicksal der zwei ehemaligen Profis von Werder Bremen, die bei Holstein Kiel außer Fin Bartels unter Vertrag stehen. Der Publikumsliebling Bartels spielt immer, Patrick Erras und Aleksandar Ignjovski selten bis nie. Ihr Rang in der Hierarchie bei dem Zweitligisten: Ladenhüter, die in den Kalkulationen des neuen Trainer Marcel Rapp nur eine Nebenrolle spielen.

Ihr Glück haben die beiden früheren Bremer in der Fremde wahrlich nicht gefunden, seit sie die oft gelobte Umgebung und das familiäre Umfeld an der Weser verlassen haben. Eine gleichlaufende Entwicklung bei dem Duo, das mit der damaligen persönlichen Situation in Bremen nicht zufrieden war und sich daher für eine Luftveränderung entschieden hat.

Ignovski schon eher, genau 2014 in grauer Erstliga-Vorzeit. 80 Spiele in drei Jahren hatte der zwölfmalige Nationalspieler Serbiens zu jenem Zeitpunkt absolviert für Grün-Weiß. Dennoch zog es ihn zur Frankfurter Eintracht, für zwei Jahre (38 Spiele), bevor seine Wanderung begann. Die weiteren Stationen: SC Freiburg auch für zwei Jahre mit 19 Einsätzen sowie eine Spielzeit beim 1. FC Magdeburg mit 17 Partien. Zahlen, die die Mittelklasse signalisieren bei dem zwar eifrigen Mittelfeldspieler, dem es indes am technischen Rüstzeug mangelt. Dennoch holte ihn Kiel im Juli 2019.

Doch im hohen Norden ist der 30-Jährige, den alle als Musterprofi und netten Kerl bezeichnen, auch nicht glücklich geworden. Über die Rolle des Edelreservisten ist er nie hinausgekommen.

Die Daten: nur 32 Spiele insgesamt in zweieinhalb Jahren. Eine dramatische Entwicklung vor allem in dieser Spielzeit: Neunmal stand Ignojvski an den ersten 14 Spieltagen nicht im Kader, einmal wurde er eingewechselt, viermal saß er auf der Bank. Besserung kurzfristig nicht in Sicht für den Akteur, der bei OFK Belgrad ausgebildet worden ist und seit 2009 im bezahlten Fußball in Deutschland spielt. 

Ähnlich frustrierend stellt sich die beinahe aussichtslose Lage bei Patrick Erras dar. Beobachter an der Ostsee haben dem 26-Jährigen, der im Sommer bei Werder aussortiert worden ist, längst das niederschmetternde Etikett verpasst: ein glatter Fehleinkauf.

Beim 1. FC Nürnberg hatte der Oberpfälzer, der vorrangig im defensiven Mittelfeld eingesetzt werden, indes auch in der Innenverteidigung aushelfen kann, seine Glanzzeit. 13 Jahre verbrachte er beim Club, bei dem er als Profi 80 Partien (drei Tore) absolvierte. Zwischenzeitlich hatte ihn ein Kreuzbandriss zurückgeworfen, ein Jahr Pause. Werder war auf Erras aufmerksam geworden, verpflichtete den Basketball-Fan als Hoffnung für die Zukunft auf der Sechserposition.

Doch es funktionierte nicht, was nicht nur daran lag, dass Erras sich am Oberschenkel und am Hüftbeuger verletzte. Ein riesengroßes Missverständnis im Abstiegsjahr: nur 87 Minuten in insgesamt sieben Pflichtspielen kam der Neuzugang aus Franken zum Einsatz. „Nicht optimal, aber lehrreich“, kommentierte der Betroffene dieses aus seiner Sicht verlorene Jahr. Die erste Liga eine Nummer zu groß für Erras. Dies hatte Florian Kohfeldt erkannt, so sah es auch der inzwischen zur Vergangenheit gewordene Nachfolger Markus Anfang, mit dem die Zukunft aufgebaut werden sollte.

Der Laufpass für Erras, der sich für 200.000 Euro Ablöse zu Holstein verändern durfte. Neuer Club, neues Glück? Eine Gleichung, die nicht aufgeht. Anfangs eingesetzt, enttäuschte der Ex-Werderaner, konnte sich keinen Stammplatz sichern. Seit dem Heimspiel gegen Rostock stand er in insgesamt sechs Spielen zweimal nicht im Kader und musste zweimal auf der Bank verharren. Seine dürftige Bilanz: acht Einsätze, zumeist kurzzeitig, in der Liga, ein Spiel im Pokal.

Woran es Erras mangelt? Es sind die Defizite, die auch schon bei seinen raren Präsentationen im Weserstadion nicht verborgen geblieben sind. Ihm mangelt es an Tempo und überdies auch an der im heutigen Fußball verlangten Grundschnelligkeit. Gravierende Minuspunkte, die sich auch in der unteren Spielklasse negativ auswirken. Als Erbe für den zum Hamburger SV abgewanderten Jonas Meffert vorgesehen, wusste der bis 2024 unter Vertrag stehende Erras nie zu überzeugen. Der später verpflichtete Rivale namens Lewis Holtby hat ihm klar den Rang abgelaufen.

Die Perspektiven für die beiden „Bremer Jungen“? Düster für beide. Noch schlimmer für Patrick Erras, dem wegen seiner  offenkundigen Mängel offenbar die Befähigung fehlt, im Holstein-System irgendwann überhaupt eine Rolle spielen zu können. Bei Aleksandar Ignjovski sieht es ähnlich trübe aus, wenngleich Kieler Insider seine Zukunft nicht ganz so schwarzmalen. Sollte Holstein weiterhin in den Abstiegskampf verstrickt bleiben, so könnte die Kämpfernatur in der Rückrunde noch wichtig werden. Mit seinem Einsatzwillen und seiner Leidenschaften ist der gebürtige Belgrader zumindest eine Option im Existenzkampf.

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