Trotz aktueller Torflaute

Es bleibt bei Werder dabei: Doppelspitze? Nein, danke!

Es wäre eine Möglichkeit, doch Werder-Chefcoach Markus Anfang schüttelt den Kopf: Eine Doppelspitze im Sturm würde seiner Ansicht nach noch nicht funktionieren. So bleibt für Füllkrug die Jokerrolle.
28.09.2021, 20:59
Lesedauer: 4 Min
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Von Carsten Sander

Auf den ersten Blick ist der Abstand zwischen Werder Bremen und dem 1. FC Heidenheim ziemlich groß. Und er bleibt es auch auf den zweiten Blick, schließlich ist in der Tabelle zwischen Platz zehn (Werder) und Platz drei (Heidenheim) eine Menge Land. Erst auf den dritten Blick zeigt sich: Hoppla, die Teams, die am Freitag (18.30 Uhr) im Wohninvest Weserstadion aufeinandertreffen, sind sich näher, als man glaubt.

Vor allem die Torchancen-Statistiken ähneln sich sehr – im Vergeben von Möglichkeiten sind beide echte Könner. Weil bei Heidenheim (sechs kassierte Treffer) das Talent zum Verhindern von Gegentoren jedoch ausgeprägter ist als bei Werder (zwölf), steht der Club weit besser da. Eine Möglichkeit, um die eigene Abschlussschwäche und die Defensivstärke des Gegners zu bekämpfen, könnte es für Werder sein, am Freitag in Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug zwei echte Mittelstürmer erstmals von Beginn an aufzubieten. Doch Trainer Markus Anfang möchte das nicht. „Momentan habe ich noch nicht die Überzeugung, dass das funktioniert“, sagt er.

Allerdings gilt: Zuletzt haben in der Offensive auch andere Modelle nicht zum Erfolg geführt. Gegen den Hamburger SV (0:2) blieb Werder genauso torlos wie gegen Dynamo Dresden (0:3). Dass in beiden Spielen vorne die Null stand, mag man angesichts der Chancenanzahl kaum glauben. 17 Mal schossen die Bremer im Nordderby aufs Tor, 16 Mal gegen die SG Dynamo – damit untermauerten die Bremer ihre Führung in der Wertung „Torschüsse“. 204 Versuche, ein Tor zu erzielen, unternahm das Team von Trainer Markus Anfang – das ist ligaweit unerreicht. Auf Rang zwei folgt Heidenheim mit 182 Abschlüssen.

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Es könnte am Freitag also ein munteres Spiel werden zwischen den beiden Teams, die sich im Sommer 2020 in der Relegation trafen. Ein Torfestival ist allerdings nicht zu erwarten. Denn die Bremer nutzen bislang nur 5,4 Prozent ihrer Möglichkeiten, haben elf Tore erzielt. Heidenheim liegt bei zehn Treffern, was einer Erfolgsquote von ebenfalls nur mageren 5,5 Prozent entspricht. Auch in dieser Wertung sind die Teams Tabellennachbarn – jedoch weit unten im Liga-Ranking. Anfang kennt zudem noch diese Werte: Bei den „expected goals“, also den Toren, die eigentlich hätten fallen müssen, liegt Werder mit knapp sechs im vorderen Bereich – was aber nur den bekannten Fakt bestätigt, dass aus den Möglichkeiten zu wenig gemacht wird.

Für den Werder-Coach ist nach den zurückliegenden zwei Pleiten das Verhalten vor dem gegnerischen Tor eine große Baustelle. Nicht größer allerdings als das Verhalten vor dem eigenen Kasten. „Wir haben fünf Tore kassiert und keins geschossen – an beidem müssen wir arbeiten“, sagt der 47-Jährige und fordert pauschal von allen: „mehr Konsequenz“.

Obwohl im HSV-Spiel sehr stark und auch in Dresden immer noch ein bisschen der subjektive Eindruck entstand, dass die Chancenhäufigkeit bei Werder stieg, als neben Marvin Ducksch auch Niclas Füllkrug auf dem Platz stand, lehnt Anfang dieses Offensiv-Modell vorerst noch ab. „Wenn ich das Gefühl hätte, dass wir mit zwei Stürmern noch mehr Chancen herausspielen würden, dann würde ich das machen“, sagt er. Doch das Gefühl hat er nicht.

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Deshalb bleibt dem in dieser Saison noch tor- und glücklosen Niclas Füllkrug wohl weiter nur die Jokerrolle, obwohl er für sich reklamieren kann, nach seinen letzten Einwechslungen jeweils für Bewegung im Sturm gesorgt zu haben. Drei Großchancen waren es im Nordderby, weitere gegen Dresden – inklusive eines Kopfballs an den Pfosten. Mit diesen Argumenten kann Füllkrug werben, mit Toren jedoch nicht. Vielleicht ist das der tiefere Grund, weshalb Anfang aktuell nicht mit einer Doppelspitze auf die Torarmut reagieren will. Dass Werder das System spielen kann, betont der 47-Jährige jedoch selbst: „Wir haben es ja auch schon gemacht. Aber das System grundlegend zu ändern, ist nicht immer die Lösung. Es hat etwas damit zu tun, dass du dranbleiben musst.“

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Anfang vergleicht die aktuelle Bremer Situation mit seiner Arbeit bei Darmstadt 98 in der vergangenen Saison, als sich Hartnäckigkeit bezahlt gemacht hatte. „Da war es zunächst auch ganz schwierig. Wir hatten Spiele, in denen wir klar besser waren, die wir aber nicht für uns entschieden haben. Bis irgendwann der Punkt gekommen war, ab dem es funktioniert hat.“ Und tatsächlich: Wie Werder jetzt verlor Darmstadt damals auch am siebten und achten Spieltag zweimal deutlich und ohne eigenen Treffer. Dann folgte ein 4:0-Sieg. Die weitere Hinrunde verlief zwar noch holprig, die Rückrunde wurde aber zur besten der Vereinsgeschichte. Die Parallele zu Werder sollte jedoch nicht zu deutlich werden. Denn mit dem Aufstieg hatte Darmstadt nie etwas zu tun.

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Es sind aber Erfahrungen wie diese, die Anfang glauben lassen, dass er mit seinem Kurs, seiner Arbeit auch in Bremen erfolgreich sein wird. Auf die beiden ernüchternden Niederlagen wird er folglich weder mit einem Zwei-Stürmer-System noch mit anderen Maßnahmen, die er unter „Aktionismus“ verbuchen würde, reagieren: „Wir werden kontinuierlich unsere Arbeit fortsetzen, nicht alles über Bord werfen. Das haben wir auf all meinen Stationen als Trainer so gemacht.“ Und auch das sei noch erwähnt: Der Anfang-Fußball stand sowohl in Kiel (71 Tore, Top-Wert der Saison 17/18) als auch in Köln (84 Tore, Top-Wert der Saison 18/19) und in Darmstadt (63 Tore, die viermeisten in der Saison 20/21) für reichlich offensiven Ertrag. Jedes Mal stellte das Anfang-Team auch den Torschützenkönig der Liga – einmal hieß der auch Marvin Ducksch.

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