Baumann zur Fankurven-Diskussion

„Es bringt nichts, ständig Spiele abzubrechen“

Besteht die Gefahr, dass künftig auch Werder-Fans geschmacklose Schmähplakate gegen Dietmar Hopp zeigen? Sportchef Frank Baumann kann sich das nicht vorstellen - zeigt aber Verständnis für die Proteste.
03.03.2020, 17:38
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„Es bringt nichts, ständig Spiele abzubrechen“
Von Malte Bürger

Zuletzt gab es sie gleich in mehreren Kurven zu sehen: Schmähplakate gegen Dietmar Hopp, Mäzen der TSG Hoffenheim. Und es passiert längst nicht mehr nur in Liga eins, am Montagabend waren entsprechende Banner während der Zweitligapartie zwischen Hannover 96 und Holstein Kiel zu sehen. Am Wochenende hatten Anhänger des FC Bayern München Hopp verunglimpft, was einen Beinahe-Abbruch zur Folge hatte. Fußball-Deutschland ist in Aufruhr, Vereine diskutieren intensiv darüber, wie sie mit weiteren Zwischenfällen dieser Art umgehen würden. Was also würde Werder tun, wenn am Mittwoch in Frankfurt etwas passiert? Ein Plakat mit Hopp im Fadenkreuz, wie es andernorts zu sehen war, „kann ich mir bei unseren Fans beim besten Willen nicht vorstellen“, betonte Frank Baumann am Dienstag.

Die Einschätzung des Werder-Sportchefs resultiert nicht etwa aus einer Portion Blauäugigkeit, sondern aus seiner jahrelangen Erfahrung. „Sie sind natürlich kritisch und haben Punkte, an denen sie demonstrieren. Trotzdem tun sie das in den allermeisten Fällen auf eine vernünftige Art und Weise.“ Und Baumann glaubt, dass es nun während des Pokal-Viertelfinals ganz ähnlich sein wird. „Wir gehen davon aus, dass es am Mittwoch gewisse Proteste gibt, aber wenn das alles im Rahmen bleibt, müssen wir das als Werder Bremen und auch ganz Fußball-Deutschland ein Stück weit aushalten.“

Kritik an Kollektivstrafen

Es ist spürbar, Frank Baumann will das Thema nicht zu hoch kochen lassen. Eine Beruhigung wäre ihm deutlich lieber. „Es ist wichtig, jetzt wieder den Druck aus dieser Situation herauszunehmen. Es bringt keinem der Beteiligten etwas, wenn wir die Situation weiter eskalieren lassen“, sagte er. „Es ist wichtig, dass man in den Dialog kommt und dort sehr konkret über die verschiedensten Probleme, die es aktuell gibt, spricht und Lösungsansätze findet.“ Und Baumann ist sich bewusst, dass dies dauern werde. „Das ist keine einfache Situation und nichts, was von heute auf morgen funktioniert.“

Das Miteinander ist den Bremern besonders wichtig. Wo andere Klubs bereits mit rigorosen, kollektiven Bestrafungen gedroht haben, setzt Werder seine Hoffnungen auf die Vernunft aller Protagonisten. Bereits am Montag hatte Präsident Hubertus Hess-Grunewald in einer Stellungsnahme davon abgeraten, jetzt zu pauschalisieren und stattdessen auf einen gemeinsamen Dialog gesetzt. Diesen Worten schloss sich nun auch Frank Baumann an. „Man muss sich den Einzelfall anschauen, und das werden wir auch tun, wenn im Stadion etwas auftaucht, was Grenzen überschreitet“, sagte der 44-Jährige. „Grundsätzlich muss man festhalten, dass es keinem etwas bringt, ständig Spiele abzubrechen. Damit ist das Problem nicht gelöst.“

Erschwerter Dialog

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Werders Verhältnis zu den eigenen Ultras recht angespannt ist. Ausgangspunkt war eine andere Partie im DFB-Pokal, im vergangenen Oktober trafen die Bremer im Weserstadion auf den 1. FC Heidenheim. Dort hatte es nicht nur Proteste gegen den Stadionsponsor Wohninvest gegeben, sondern auch einen Polizeieinsatz im Block, woraufhin etliche Ultras demonstrativ vorzeitig die Arena verließen. Seither wird mehr geschwiegen als miteinander geredet. „Es ist nach wie vor so, dass der offizielle Weg über den Fanbeirat ruht“, sagte Frank Baumann. „Trotzdem ist es so, dass die Fanbetreuung über Alltagsthemen im Austausch ist. So haben wir also Kontakt zu unseren Ultras, dennoch wissen wir natürlich nicht alles.“ Auch deshalb wiederholte Baumann noch einmal sein Angebot: „Von unserer Seite ist die Tür immer offen. Gerade in solchen Momenten ist es wichtig, dass man sich regelmäßig und intensiv austauscht.“

Zumal die Bremer auch keine Lust darauf haben, dass in den Kurven künftig nur noch brav geschwiegen wird. „Es wird natürlich Proteste geben - und das ist auch immer in Ordnung“, sagte Baumann. „Wir haben eine sehr kritische Fankultur in unserem Lande, was gut ist, weil so auch viel Positives erreicht wurde. Die Fans haben sich gegen Diskriminierung, Ausländerfeindlichkeit, Homophobie und vieles andere eingesetzt. Deswegen ist es eben so wichtig, dass man sich sehr differenziert die Vorkommnisse anschaut.“

Baumann verteidigt Hopp

Eines sei aber auch klar: Die jüngsten Begleiterscheinungen gingen zu weit. „Wir haben Beleidigungen erlebt, Hass, Gewalt - das ist zu verurteilen“, betonte Baumann. „Vieles hat sich jetzt an der Person Dietmar Hopp festgemacht, was extrem schade ist, weil es eine Person ist, die für die Gesellschaft in Deutschland extrem viel Positives geleistet hat. Er wird gerade als Synonym für die Kommerzialisierung des Fußballs gesehen und muss nun obendrein darunter leiden, dass es zuletzt Kollektivstrafen gegen Fans gab.“

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