Die Bundesliga-Kolumne von Christian Stoll

Es geht nur noch um die Relegation

Für Christian Stoll wird Werders Klassenerhalt ein echtes Rechenspiel. Unser Kolumnist leidet mit den Bremer Fans und sehnt die Relegation herbei, will bei diesem Krimi aber einen Gegner auf keinen Fall sehen.
21.02.2020, 12:53
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Stoll
Es geht nur noch um die Relegation
WESER-KURIER

Um nicht um den heißen Brei herumzureden: Für uns kann es nur noch, ich wiederhole, nur noch (!) darum gehen, die Relegation zu erreichen. Alles andere ist Augenwischerei angesichts des Vorsprungs der anderen davon bedrohten Vereine aus Köln und Mainz sowie der teilweise wirklich traurigen Leistungen in der Bundesliga. Und Union und Hertha sind eh schon ganz weit weg.

Wobei die beiden Karnevalsklubs für Werder am Ende noch eine ganz andere, ungeheuer wichtige Rolle spielen werden. Weil wir am vorletzten Spieltag erst beim FSV und dann am letzten Bundesliga-Wochenende gegen den „Effzeh“ daheim antreten müssen, kann man nur stark hoffen, dass der Klassenerhalt sowohl für die Rheinländer als auch für die Rhein-Hessen dann schon sicher fix ist. Und es geht nun wirklich nicht um Geschenke-Denke, sondern darum, dass dann nun mal eben vielleicht der so nötige unbedingte Wille der Anderen, wirklich alles zu geben, nicht mehr da sein könnte.

35 Punkte sind nötig

Der Abstieg, soviel steht für mich fest, wird zwischen Paderborn, Düsseldorf und Werder ausgemacht. Ich habe mir dazu in aller Ruhe (nein, ehrlich gesagt in aller Unruhe!) die noch ausstehenden Matches aller drei betroffenen Teams angesehen und kann da aus Bremer Sicht kaum Entwarnung geben. Auf uns warten noch so dicke Brocken wie jetzt Dortmund, Gladbach, Schalke und die Bayern. Düsseldorf bekommt es auch mit S04, dem FCB, dem BVB und den Rasenballern zu tun. Und auf den SCP warten der Deutsche Meister aus München, die Dortmunder, die Leipziger und die Borussia aus Mönchengladbach. Vorteil: Niemand.

Fakt ist: Um die Relegation zu packen, wird man nach den Rechnungen der letzten Jahre um die 35 Punkte brauchen. Nach meiner versucht objektiven Rechnung kommt der SCP nach jetzt 16 Zählern auf 23 am Ende, wäre und bliebe damit Schlusslicht, die Fortuna würde zu ihren 17 noch neun addieren und käme damit auf 26 Punkte. Und Werder? Der Pokalsieg gegen den BVB hat meines Erachtens für die Liga keinerlei Bedeutung, ich vermag jedenfalls nicht so recht an eine Wiederholung zu glauben, wenn man gesehen hat, wie Haaland Tuchel diese Tage vermöbelt hat.

Leidensfähige Fans

Aber wie heißt es noch gleich: Hinten wird die Ente fett. Der SV Werder Bremen wird am Ende des Tages 30 Punkte erreichen und damit in die Relegation müssen/können/dürfen. Nur nicht gegen den HSV, wenn ich den Fußballgott darum bitten darf. Stand jetzt ist das dann auch leistungsgerecht bei aller Liebe. Und wenn's mehr wird, also doch Platz 15, wird sich von unseren unglaublichen Fans auch niemand darüber beschweren. Nein, wirklich und ich fische hier nicht nach Komplimenten, kein anderer Klub hat so leidensfähige, geduldige, ja fast schon masochistische Anhänger wie unser SVW. Ich hoffe doch sehr, verehrte Frau Sportsenatorin, geehrter Herr Innensenator, Sie bedenken das einmal in Ihren werten Überlegungen in Sachen Leistungszentrum und Polizeikosten.

Der englische Nationalökonom Richard Cobden hat im 19. Jahrhundert geschrieben: „Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist ein Waisenkind“. Oder anders ausgedrückt: Werder auf dem Rathausbalkon oder Werder im Bundesliga-Keller sollte politisch für unsere Stadt die gleiche Bedeutung haben. Denn, bei allem Respekt, ganz so viele große Marken hat unser Bremen ja nun wirklich nicht mehr zu bieten.

Das Warten auf die Belohnung

Und ganz zum Schluss noch etwas sehr Persönliches: Ich bin stolz auf meinen Verein, weil er den Marktgesetzen eben nicht gehorcht, weil er den schwierigeren Weg geht, per aspera ad astra sozusagen. Meine alte Patentante aus München, die von Fußball wirklich nicht viel Ahnung hat, las kürzlich eine neue Abriss-Geschichte über Werder in einer süddeutschen Zeitung und hat mich danach direkt kontaktet: „Sag mal Krischan, bei Euch sind doch fast alles Nationalspieler, warum kriegt denn jetzt der Trainer alles ab, der war doch neulich noch ziemlich angesagt?!“ Ich werd's hier ausrichten, da, wo die Weser einen großen Bogen macht und die Aufrechten bislang immer noch belohnt wurden. Mahlzeit!!!

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