Baumann erklärt das Vertrauen zu Kohfeldt

„Es gibt Gründe, die nicht beim Trainer liegen“

„Wenn Florian Kohfeldt nicht mehr der richtige Trainer für Werder Bremen wäre, dann wäre er nicht mehr da.“ Das sagt Frank Baumann und erklärt, was jetzt anders ist als einst bei Skripnik und Nouri.
02.03.2020, 10:33
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Von Jean-Julien Beer
„Es gibt Gründe, die nicht beim Trainer liegen“

Hand drauf: "Der Trainer ist die wichtigste Person im Verein", betont Werders Sportchef Frank Baumann.

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Auch in die Wohnzimmer vieler Werder-Fans flimmerten an diesem Wochenende die Fernsehbilder, die einen jubelnden Markus Gisdol zeigten. Der Trainer des 1. FC Köln ballte am Spielfeldrand mehrmals die Siegerfaust, nachdem seine Mannschaft nur eine Woche nach einem furiosen 5:0-Erfolg bei Hertha BSC nun auch Schalke schlug, mit 3:0. Zwei Siege mit 8:0 Toren zementieren geradezu den Eindruck, dass der Bremer Abstiegskonkurrent mit dem Trainerwechsel von Achim Beierlorzer zu Gisdol sehr viel richtig machte. Bei genauerer Betrachtung jedoch ist die Situation in Köln nicht mit der von Werder zu vergleichen. Denn mit Beierlorzer hatten die Kölner einen Chefcoach verpflichtet, der mit dem gesamten Verein und seinem Umfeld überhaupt nicht zurecht kam. Davon kann bei Florian Kohfeldt nicht die Rede sein. Und der im Herbst installierte Gisdol konnte gleich mehrere bundesligataugliche Spieler aus der A-Jugend in seine Stammelf befördern und zudem in der Winterpause gezielte Verstärkungen wie Mark Uth für seinen Fußballstil verpflichten. Beides wäre für einen neuen Trainer in Bremen nicht möglich.

Den berühmten neuen Impuls durch einen Trainerwechsel hält Werders Sportchef Frank Baumann ohnehin „für Quatsch“, wie er sagt. Dabei ist es keineswegs so, dass er sich scheuen würde, einen Trainer vor die Tür zu setzen. Zweimal in seiner noch jungen Manager-Karriere musste Baumann bereits die Zusammenarbeit mit einem Werder-Chefcoach beenden. Erst die mit Viktor Skripnik, dann die mit dessen Nachfolger Alexander Nouri. „Ich musste beide leider freistellen, weil sie eben nicht mehr die richtigen Trainer für Werder waren“, sagt Baumann, „bei Nouri und Skripnik merkte man damals, dass die Mannschaft einen neuen Impuls brauchte. Da war ein Gefühl bei der Mannschaft: Das kriegen wir nicht mehr hin. Und auch im Trainerteam fehlte der Glaube daran.“

„Schwierige Situation für den Trainer“

In der Zusammenarbeit mit Kohfeldt sei das aber völlig anders, trotz der neun Niederlagen in den letzten zehn Bundesligaspielen. „Es gibt Gründe für unsere Situation, die nicht beim Trainer liegen“, betont Baumann, „und deshalb hat Florian Kohfeldt in dieser Saison eine sehr schwierige Situation zu meistern. Er hat mit sehr vielen Problemen zu kämpfen, weil uns durch die großen Verletzungsprobleme sehr viel Qualität fehlte und fehlt.“ Werder habe in dieser Saison von Beginn an und für lange Zeit nicht die Qualität auf dem Trainingsplatz zur Verfügung gehabt, „um diese Automatismen einzustudieren, für die Florian Kohfeldt steht und die uns so stark gemacht haben.“ Jetzt aber sei die Situation durch die Winterneuzugänge Kevin Vogt und Davie Selke sowie die Rückkehr vieler verletzter Spieler anders. „Wir haben jetzt wieder mehr Qualität im Training“, sagt der Manager, „deshalb sind wir zu 100 Prozent davon überzeugt, dass wir den Klassenerhalt schaffen werden. Aber wir müssen jetzt schnell damit anfangen, die nötigen Punkte zu holen, das ist auch klar.“

Der junge Kohfeldt, mit 37 Jahren der zweitjüngste Trainer der Liga hinter Leipzigs Julian Nagelsmann, sei dafür nun ein entscheidender Faktor bei Werder, betont Baumann, denn: „Er hat nach wie vor eine unheimliche Qualität, einzelne Spieler und eine ganze Mannschaft zu führen und zu vereinen, was nicht selbstverständlich ist in so einer Situation, dass die Mannschaft geschlossen in einer Richtung geht und alles versucht, um aus der Situation herauszukommen.“

„Wir halten nicht aus Prinzip an ihm fest“

Natürlich bekommt Baumann mit, dass in der Branche, aber auch in der erweiterten Werder-Familie teils mit Unverständnis auf diesen Bremer Weg reagiert wird. So wie er auch registriert, dass sich extrem viele Fans und die Mannschaft solidarisch hinter diesen Trainer stellen. „Wir halten nicht aus Prinzip am Trainer fest“, sagt Baumann deshalb, „denn das wäre Quatsch. Wenn Florian Kohfeldt nicht mehr der richtige Trainer für Werder Bremen wäre, dann wäre er auch nicht mehr da. Bei Florian bin ich zu 100 Prozent davon überzeugt, dass er über den 1. Juli hinaus Cheftrainer bei Werder Bremen bleiben wird – und dass wir mit ihm die Klasse halten.“

Dass es hierbei nicht um irgendeine Personalie geht, ist Baumann und seinen Kollegen in der Geschäftsführung des Klubs natürlich klar. „Der Trainer ist die wichtigste Person im Verein“, sagt Baumann, aber genau deshalb dürfe man nicht leichtfertig auf irgendwelche anderen Impulse setzen: „Wenn man sich die Absteiger der vergangenen Jahre anschaut, dann haben die mehrmals in der Saison einen Impuls gesetzt und setzen ihn auch in der 2. Liga immer wieder. Aber sie stehen dadurch auch nicht deutlich besser da.“ Nur weil es mancherorts heiße, der Verein müsse jetzt doch etwas tun, werde man keinen anderen Coach holen. Baumann sagt dazu: „Einen neuen Impuls gibt es für eine Mannschaft nur, wenn der Trainer keine Lösungsmöglichkeiten mehr anbieten kann, wenn das Vertrauensverhältnis zwischen Trainer und Mannschaft zerstört ist oder wenn der Glaube daran nicht mehr vorhanden ist, dass es gemeinsam funktioniert. Aber das ist alles bei uns nicht gegeben.“

Kohfeldt erfüllt weiter das Profil

Vielmehr habe man bei Werder „ein sehr genaues Profil für den Cheftrainer“, und wenn man die einzelnen Kompetenzen durchgehe, die man für diese Position erwarte, „dann muss man sagen, dass Florian Kohfeldt dieses Profil nach wie vor zu 100 Prozent erfüllt“. Natürlich sei es so, dass bei aller fachlichen und persönlichen Kompetenz und auch bei aller sozialen Kompetenz trotzdem auch die Ergebnisse irgendwann entscheidend seien. „Man muss aber festhalten, dass Florian in der täglichen Arbeit mit der Mannschaft extrem gut agiert“, beteuert Baumann, „es ist so, dass er der Mannschaft im Training und in der Spielvorbereitung immer wieder sehr klare Lösungsansätze an die Hand gibt. Aus meiner Sicht konnte man das auch in den Spielen der Rückrunde erkennen. Wir sind immer gut bis sehr gut in die Spiele gekommen. Das heißt: Der Plan, den der Trainer vorgegeben hat, wie wir diese Gegner bespielen wollen, ist zu Beginn immer aufgegangen, auch bis tief in die zweite Halbzeit.“ Die Probleme würden dann entstehen, wenn es im Spiel einen Rückschlag gebe. „Dann verlieren wir die Überzeugung auf dem Platz. Und daran müssen wir schnell arbeiten. Denn Selbstvertrauen und das Wegstecken von Rückschlägen sind im Leistungssport generell natürlich wichtig.“ Dafür werde Kohfeldt „den Schlüssel finden“, da ist sich Baumann sicher, „denn das hat er auch in der Vergangenheit gezeigt, als er Werder in einer sehr schwierigen Situation im Abstiegskampf übernahm“.

Als beim Sport-Talk des WESER-KURIER am Donnerstag das Publikum gefragt wurde, ob es denn richtig sei, dass Werder an Kohfeldt festhalte – da gingen sehr viele Hände nach oben. Frank Baumann freute diese überwältigende Zustimmung aus dem Publikum in der Trainerfrage. „Dieser festen Meinung bin ich ja auch. Wir werden immer das tun, was für den Verein das Beste ist. Und da sind wir der Überzeugung, dass Florian Kohfeldt der Richtige ist.“ Irgendwo habe er zwar gelesen, dass der Trainer nur deshalb bleiben dürfe, weil dieser mit Baumann befreundet sei. Doch das wies der Manager als den üblichen Unsinn in solchen Krisenzeiten zurück: „Ich habe privat noch nie etwas mit Florian unternommen. Wir haben eine sehr einheitliche Sichtweise, wie wir den Verein Werder Bremen nach vorne bringen wollen. Das ist ein sehr vertrauensvolles Zusammenarbeiten. Und nur das ist entscheidend.“

Dieter Eilts: „Es gibt keine Garantie“

WK-Experte und Werder-Legende Dieter Eilts erklärte dazu an jenem Abend: „Ein Trainerwechsel kann einen Impuls geben, muss es aber nicht. Es gibt keine Garantie dafür. Es ist eine ganz schwierige Situation. Wichtig ist, dass diejenigen, die jetzt in der Verantwortung sind, von ihrem Weg überzeugt sind. Und dann sollten sie diesen auch konsequent durchziehen.“ Wenn Werder denn wirklich absteigen müsse, was er nicht hoffe, „dann hätte man in der zweiten Liga wenigstens ein eingespieltes Team in der sportlichen Führung – und einen Trainer, der sich mit Werder identifiziert, der sich für den Nachwuchs interessiert und der Visionen hat. Man sollte sich nur trennen, wenn man anderer Meinung ist. Das glaube ich aber nicht.“

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