Thomas Schaaf im Interview

„Es war eine große Diskrepanz"

Den Auftritt der Nationalelf bei der WM sieht Thomas Schaaf kritisch. Dennoch hofft er, dass Joachim Löw Trainer bleibt. Im Interview spricht Schaaf auch über seinen Start bei Werder.
30.06.2018, 19:53
Lesedauer: 7 Min
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„Es war eine große Diskrepanz
Von Christoph Sonnenberg
„Es war eine große Diskrepanz"
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Herr Schaaf, zum ersten Mal in der Fußball-Historie ist Deutschland in der Vorrunde einer Weltmeisterschaft ausgeschieden. Wie haben Sie das Aus erlebt?

Thomas Schaaf: Es ist eine große Enttäuschung! Auf der einen Seite hatte ich die Hoffnung, dass der Sieg gegen Schweden zu einer Veränderung führt, ein Spiel anzugehen. Die Grundtugenden, gewinnen zu wollen, sich beweisen zu wollen, sich durchsetzen wollen, müssen gebracht werden, um dann die besonderen fußballerischen Fähigkeiten abrufen zu können. Leider war das gegen Südkorea nur in Ansätzen zu sehen. Der Biss, der Wille, unbedingt gewinnen zu wollen, hat gefehlt. Die Mannschaft ist imstande, großartigen Fußball zu spielen. Weniger als 100 Prozent zu geben, reicht auf dem Niveau aber nicht, um zu gewinnen.

Warum waren die Spieler nicht in der Lage, 100 Prozent zu geben?

Es ist sehr schwer und deshalb eine große Kunst, in jedem Spiel die Konzentration und Bereitschaft zu haben, gewinnen zu wollen. Das macht eine besondere Mannschaft aus.

Schon während der Vorbereitung gab es viele Diskussionen rund um die Nationalelf. Kommt das frühe Ende überraschend oder war es absehbar?

Es war nicht alles so, wie man es sich gewünscht hat. Verletzungen, einige Spieler nicht auf Top-Niveau, Kritik, die nicht zugelassen wurde - es gab schwierige Punkte. Und damit verbunden die Frage, ob so die Leistung abgerufen werden kann, für die die Mannschaft steht. Es war eine große Diskrepanz zwischen dem, was die Spieler leisten können, und was sie geleistet haben. Das tut schon weh.

Einigen Weltmeistern des Kaders schien diese Bereitschaft aufgrund des Titels von 2014 zu fehlen. Steht die Mannschaft vor einem Umbruch?

Wer als Spieler schon viel oder fast alles erreicht hat, dem fällt es schwerer, immer wieder den Hunger nach Erfolg zu entfachen. Das zu können, ist ein Zeichen von Qualität. Wir müssen aber auch fragen, wie mit Kritik umgegangen wird. Reden wir Dinge schön? Ist etwas klasse, nur weil wir es klasse haben wollen? Weil es angenehmer und bequemer ist. Sagen wir bei Kritik zu schnell: Das interessiert uns nicht, wir schauen nach vorne. Joachim Löw hat von Selbstherrlichkeit gesprochen. Vielleicht hat er das damit gemeint.

Werden einige Spieler nach dem Vorrunden-Aus zurücktreten?

Diejenigen, die lange bei der Nationalelf dabei sind und mit ihren Klubs regelmäßig internationale Wettbewerbe spielen, haben eine unglaublich hohe Belastung. Nehmen wir Toni Kroos, der nach einer sehr, sehr langen Saison noch eine WM gespielt hat. Während die Vorbereitung auf das Turnier schon lief, hat er mit Real Madrid noch gespielt. Ich könnte mir vorstellen, dass der eine oder andere von sich aus geht, weil es schwer wird, das Niveau der Nationalelf in den vergangenen Jahren zu toppen. Und drei, vier Spieler könnten auch aufgrund ihres Alters aufhören.

Mesut Özil, den Sie selbst gut kennen, hat sehr schwierige Wochen hinter sich. Ist er ebenfalls einer, der zurücktreten könnte?

Ich will nicht jeden Spieler einzeln beleuchten.

Es könnte das Ende einer besonderen Generation sein. Endet damit auch eine lange erfolgreiche Phase des Deutschen Fußballs?

Die U21 ist Europameister, den Confed-Cup vor einem Jahr haben wir mit vielen jungen Spielern gewonnen. Da kommt etwas nach, Potenzial ist vorhanden. Es geht darum zu schauen, mit wem man nun weiter eine Mannschaft bilden will. Nur auf junge Spieler zu setzen, wäre nicht der richtige Weg. Starke Mannschaften haben immer eine gute Mischung aus alten und jungen Spielern. Das sollte man berücksichtigen.

Auch ein Rücktritt Joachim Löws steht im Raum, er hat sich noch nicht entschieden. Was denken Sie, wird Löw tun?

Er hat fantastische Arbeit geleistet, die gar nicht genug Wertschätzung bekommen kann. Die Frage ist, ob er für sich an einem Punkt ist, an dem er etwas Neues machen möchte. Wenn er weiterhin Spaß und Lust hat, den Weg weiter zu gehen und glaubt, erneut das bewegen zu können, würde ich ihm empfehlen, weiter zu machen.

Bei der WM in Russland sind Sie nicht vor Ort. Wie viele Spiele des Turniers verfolgen Sie vor dem Fernseher?

Ich versuche schon, so viel mitzunehmen, wie es geht. Aber ich zwinge mich nicht, jedes Spiel zu sehen. Ich konzentriere mich auf interessante Konstellationen oder Mannschaften, die ich gerne sehe. Meinen kompletten Tagesablauf will ich aber nicht darauf abstimmen.

Haben Sie neue Trends entdeckt, besondere Entwicklungen des Fußballs?

Bisher noch nicht. Nach der EM in Frankreich, bei der offensiv gespielt und angegriffen wurde, habe ich gehofft, dass sich das in Russland fortsetzt. Das ist nicht passiert. Gerade in den ersten Partien gab es viel vorsichtiges Abtasten, um nur nicht in Rückstand zu geraten, um alle Optionen zu behalten. Das 3:3 zwischen Portugal und Spanien war für mich das bisher beste Spiel, da haben beide immer die Offensive gesucht. Gut für das Turnier ist, dass Gastgeber Russland weiterhin dabei ist.

Viele Nationen wollen das Spiel nicht gestalten, sie wollen lediglich aus einer kompakten Defensive schnell umschalten. Ist diese defensive Grundhaltung die Zukunft des Fußballs?

Generell denke ich nicht, dass sich dadurch der Fußball weiterentwicklen wird. Jede Art zu spielen bewirkt eine Gegenreaktion. Gegen Teams, die auf Ballbesitz spielen, gibt es zwei Möglichkeiten. Sie durch hohes Pressing nicht ins Spiel kommen zu lassen, was recht schwierig ist. Oder die Räume eng zu machen. Aus einer Dreier- wird da schnell eine Fünferkette, aus einer Vierer- eine Sechserkette. Die Gegenreaktion der ballbesitzenden Mannschaften ist nun, verstärkt auf hohe Bälle zu setzen. Auf Flanken, oder auf Lupfer hinter die Abwehr.

Auffällig sind die vielen Standardtore, zeitweise waren es 40 Prozent der erzielten Treffer. Ist das die Folge dieser defensiven Spielweise?

In den Top-Ligen und internationalen Wettbewerben ist schon länger zu beobachten, wie wichtig Standards sind und immer noch wichtiger werden. Die Spiele werden generell stetig enger, da sind Standards ein gutes Mittel, Entscheidungen herbeizuführen. Gegen kompakte Mannschaften, die defensiv sehr aktiv sind, sind eins gegen eins Situationen um den Strafraum herum ein Mittel, Standards zu provozieren. Und damit dann zum Erfolg zu kommen. Mich wundert aber, dass es bei Standards so wenige Varianten gibt.

Sind es meist Flanken auf den Kopf?

Das ist ein gutes Mittel, und oft auch ein erfolgreiches. Es gibt aber auch die Möglichkeit, den Gegner zu überraschen, ihn zu verwirren. Da wäre eine größere Flexibilität sinnvoll, es passiert in diesem Bereich aber nicht besonders viel.

In vielen Spielen haben späte Tore für die Entscheidung gesorgt. Was hat das für Ursachen?

Zum einen, weil kurz vor Schluss das Risiko dann doch noch erhöht wird. Zum anderen sind einige Mannschaften, die in der Defensive extremen Aufwand geleistet haben, gegen Ende des Spiels müde. Dann lässt die Konzentration nach und es passieren Fehler. Und einigen Teams reicht eine Möglichkeit, um ein Spiel zu entscheiden.

Viele der großen Nationen haben Probleme, ihre Spiele souverän durchzubringen. Was sind die Gründe?

Im Gegensatz zu früheren Weltmeisterschaften gibt es kaum noch Exoten. In Russland wäre das vielleicht noch Panama. Aber selbst diese Mannschaft spielt extrem kompakt und diszipliniert. Fußball ist bekannt auf der ganzen Welt, überall wird sehr professionell gearbeitet, und das steigert das Leistungsvermögen. Eine Mannschaft, die völlig planlos über den Platz läuft, gibt es schon lange nicht mehr. Und defensiv kompakt zu stehen, kann man schneller realisieren als offensiv ein Spiel zu gestalten.

Gibt es dennoch eine Mannschaft, die Sie überrascht hat?

Nein, überrascht nicht. Mit England war zu rechnen, die Belgier waren schon 2016 ein Geheimtipp.

Gibt es einen Spieler, der sich für Sie unerwartet in den Fokus gespielt hat?

Nein, aber dafür kenne ich die meisten Spieler und ihre Qualitäten zu gut.

Fifa-Boss Gianni Infantino spricht schon jetzt von der besten WM aller Zeiten. Wie bewerten Sie das sportliche Niveau des Turniers?

Es ist zu früh, das zu sagen. Es gab spannende, interessante Spiele in der Vorrunde. Richtig los geht es aber erst mit Beginn der K.o.-Phase, wenn es keine Chance mehr gibt, etwas gut zu machen, was zuvor nicht geklappt hat. In den Gruppenspielen kann man vielleicht noch mal schlechte Spiele ausgleichen, in der Finalrunde nicht mehr. Da zeigt sich dann das wahre Niveau des Turniers.

Haben Sie einen Favoriten auf den Gewinn des Weltmeistertitels?

Den einen Favoriten gibt es nicht, es gibt einen Kreis von Mannschaften. Davon sind noch alle im Turnier: Brasilien, Frankreich, Spanien, Belgien, England. Deutschland und Argentinien nicht mehr.

Auch aus Bremer Perspektive lässt sich auf eine WM blicken. Sind Spieler dabei, die für Werder infrage kommen?

Wenn sich bei einer WM ein Spieler hervortut, bewegt er sich automatisch in finanziellen Kategorien, in die wir nicht schauen können. Natürlich gibt es interessante Spieler bei dem Turnier, aber die sind für uns nicht erreichbar. Was mich freut, ist, dass der eine oder andere, der jetzt bei der WM spielt, hier bei Werder seine Entwicklung genommen hat. Ich denke an Leon Balogun, der für Nigeria aufläuft und seine Leistung bringt.

Mit welchen Gefühlen kehren Sie Anfang Juli zu Werder zurück?

Natürlich freue ich mich, wenn es los geht, wenn ich mich einbringen kann, wenn ich unterstützen und helfen kann. Es wird aber keine Arbeit sein, deren Ertrag sofort sichtbar wird.

Nach fünf Jahren ist Werder künftig wieder ihre tägliche Heimat. Ist das ein besonderes Gefühl? Verspüren Sie ein Kribbeln vor Ihrem Dienstbeginn?

Nee, ein Kribbeln nicht. (lacht) Ich freue mich auf die Arbeit, es gemeinsam im Team mit den Kollegen anzugehen.

Wann genau geht es los?

Wenn die neue Saison startet und die einzelnen Mannschaften in die Vorbereitung gehen, starte auch ich. Die U19 steigt am 9. Juli ein, dann kommen die anderen Teams nach und nach dazu. Dann werde ich mich mit den sportlichen Leitern zusammensetzen, so geht es los. Einen festen zeitlichen Plan gibt es nicht.

Info

Zur Person

Thomas Schaaf (57)

spielte zwischen 1978 und 1995 für die Profis von Werder Bremen, in der Zeit von 1999 bis 2013 trainierte er den Bundesligisten. Dabei wurde er Deutscher Meister und Pokalsieger. Nach Stationen in Frankfurt und Hannover arbeitete er als „Technical Observer“ für die Uefa. Bald kehrt er zu Werder als Technischer Direktor zurück.

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