Christian Groß im WESER-KURIER-Interview

„Es war immer mein Traum, für Werder zu spielen“

Christian Groß spricht im WESER-KURIER-Interview über eine Saison voller Höhepunkte, seine Vertragsverlängerung und erzählt, wie er als kleiner Junge bei Werders Tag der Fans einen Misserfolg verkraften musste.
06.10.2019, 17:44
Lesedauer: 6 Min
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„Es war immer mein Traum, für Werder zu spielen“
Von Christoph Bähr
„Es war immer mein Traum, für Werder zu spielen“

Voll konzentriert: Werders Christian Groß vor dem Spiel gegen Borussia Dortmund im gigantischen Stadion des BVB.

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Herr Groß, herzlichen Glückwunsch zur vorzeitigen Vertragsverlängerung! Erst das Bundesliga-Debüt, dann der erste Startelf-Einsatz, dann das Spiel im Dortmunder Fußballtempel. Ist der neue Vertrag bei Werder der nächste Höhepunkt Ihrer persönlichen Saison voller Höhepunkte?

Ja, mit Sicherheit. Vertragsverlängerungen sind für einen Fußballer immer etwas Schönes. Und gerade in meiner jetzigen Situation ist es eine tolle Sache.

Noch einmal den Verein zu wechseln war für Sie gar kein Thema?

Nein, das war zu 0,0 Prozent ein Thema. Schon bevor ich jetzt bei den Profis spielen durfte, habe ich die Entscheidung für einen Wechsel zu Werder im vergangenen Jahr ganz bewusst getroffen, um auch für die Zeit nach dem Fußball gut aufgestellt zu sein.

Ihr neuer Vertrag sichert Ihnen zu, dass Sie nach der Spielerkarriere bei Werder im sportlichen Bereich arbeiten werden. Was genau werden Sie dann machen?

Wo es am Ende für mich hingeht, hängt von mehreren Faktoren ab. Ich habe mal ein Praktikum im Scouting gemacht, aber es gibt auch den Trainer-Bereich oder den Analyse-Bereich. Der Verein bietet so viele Möglichkeiten. Ich lasse mir noch offen, welcher Bereich es sein wird.

Sie bereiten sich zusätzlich auf die Zeit nach der Karriere vor, indem Sie Betriebswirtschaftslehre und Management studieren. Wie läuft das Studium?

So viele Kurse kann ich gerade aus zeitlichen Gründen nicht besuchen, aber ich werde das Studium auf jeden Fall zu Ende machen. Ich habe immer gesagt: Wenn ich meine aktive Karriere beende, will ich auch mein Studium fertig haben. Von daher habe ich noch etwas Zeit, und ich bin sicher, dass ich irgendwann meinen Bachelor-Abschluss habe.

Aufgrund Ihres Studiums liegt der Schluss nahe, dass Sie bei Werder nach der Karriere eher im Management-Bereich arbeiten wollen.

Nein, das ist nicht zwangsläufig der Fall. Ich möchte mich grundsätzlich breit aufstellen und mich nicht nur mit Fußball auseinandersetzen. Ich habe Interesse an vielen Dingen. Wenn ich am Ende im Scouting oder in der Analyse landen sollte, kann es auch nicht schaden, offen zu sein für Themen aus der normalen Wirtschaft.

Wie lange wollen Sie Fußball spielen?

Ich habe meinen Vertrag als Spieler jetzt verlängert, weil ich fit bin und es gerade gut läuft. Wenn mein Vertrag in ein paar Jahren ausläuft, werde ich sehen, wo ich stehe und wie sich meine sportliche Situation darstellt. Dann kann man kurzfristig abwägen, ob es weitergeht oder nicht. Aber so weit denke ich jetzt gerade noch gar nicht.

Dann sprechen wir doch über die Gegenwart. In Ihrem Kopf dürften immer noch die Bilder aus Dortmund herumschwirren. Wie ist es für einen Spieler, zum ersten Mal vor mehr als 80.000 Zuschauern zu spielen?

Ich hatte vorher schon vor 30.000 Menschen gespielt und vor 42.000 im Weserstadion. Man schafft es als Sportler ganz gut, den Fokus voll auf das Spiel zu legen. Da ist auch Adrenalin im Spiel, sodass man das Drumherum weitestgehend ausblendet. Es gab den Moment, als wir zum Aufwärmen rausgegangen sind, in dem man kurz hochschaute und dachte: Oh, das Stadion ist doch ganz schön groß. Mir ist auch sehr positiv in Erinnerung geblieben, was nach dem Spiel passierte. Von uns waren gefühlt 10.000 Zuschauer da, und uns gehörte eine halbe Kurve. Im Spiel nimmt man aber relativ wenig wahr.

Können Sie solch ein Spiel bewusst genießen?

Auf dem Platz kann man wenig genießen, weil man so fokussiert ist. Aber im Nachhinein mit ein paar Tagen Abstand genießt man das schon. Da musste ich mich schon mal zwicken und sagen: Du hast in Dortmund gespielt gegen Spieler wie Marco Reus. Wer hätte das vor zwei, drei Monaten gedacht?

Ihnen wurde nach dem Dortmund-Spiel auch allgemein eine gute Leistung bescheinigt. Ärgern Sie sich trotzdem darüber, dass Sie einmal einen Tick zu spät kamen und Marco Reus das zwischenzeitliche 2:1 köpfen konnte?

Ja, klar. Es ist auch auf dem Niveau mein Anspruch, fehlerfrei zu spielen. Wenn man dann einen Schritt zu spät kommt und in der Situation auch falsch positioniert ist, ärgert mich das im Nachhinein. Aber Fehler gehören dazu, das ist abgehakt.

Sie haben gegen Union Berlin durch ein unglückliches Handspiel einen Elfmeter verursacht und waren gegen Dortmund eben einmal zu spät da. Wie schnell können Sie solche Szenen abhaken?

Man hat gar nicht die Zeit, um wirklich lange damit zu hadern. Dafür ist der Gegner zu gut. Fehler passieren, das muss man akzeptieren. Wichtig ist, dass man danach die richtige Reaktion zeigt. Das Spiel geht weiter, und man hat genug Zeit, die Fehler zu korrigieren und es besser zu machen.

Nach einem Unentschieden in Dortmund ist für Werder auch in Frankfurt etwas möglich, oder?

Wir haben als Mannschaft klar gesagt, dass wir nicht nach Dortmund fahren, um nur schön zu spielen, sondern um zu gewinnen. Das wird auch die Marschroute in Frankfurt sein. Es geht um drei Punkte und um nichts anderes.

Zu Ihrer Vertragsverlängerung hat Trainer Florian Kohfeldt gesagt, dass Sie jetzt Erfahrungen bei den Profis sammeln, die Ihnen als U23-Kapitän helfen werden. Wann geht es denn zurück in die Regionalliga-Mannschaft?

Der Stand ist so, wie er kommuniziert wurde. Ich bleibe erst einmal bis zum Winter bei den Profis, und dann werden wir sehen. Darüber mache ich mir jetzt aber keine Gedanken. Ich genieße gerade einfach den Moment und freue mich, dass ich in der Bundesliga spielen darf.

Träumen Sie nicht zumindest insgeheim davon, dauerhaft im Profi-Kader zu bleiben?

Nein, wenn ich davon träumen würde, hätte ich mich vielleicht anders entschieden und gesagt: Ich verlängere meinen Vertrag jetzt nicht und gucke, was passiert. Dann hätten sich bestimmt viele Optionen ergeben. Aber ich nehme die Situation wirklich so an, wie sie ist, und freue mich einfach darüber. Daran hat sich nichts geändert, nur weil ich jetzt vier Bundesliga-Spiele gemacht habe. Warum immer so weit nach vorne gucken? Im Fußball kann sich alles schnell ändern, und ich bin gut damit gefahren, dass ich es so nehme, wie es kommt.

Hat sich Ihr Privatleben durch die ersten Bundesliga-Einsätze verändert? Werden Sie öfter erkannt?

Natürlich steht man anders im Fokus als vorher und bekommt mal Glückwünsche. Aber in meinem Privatleben hat sich gar nichts geändert. Meine Tochter wächst trotzdem weiter, und ich bin weiterhin total gerne zu Hause.

Dort können Sie abschalten?

Ja, da herrscht das komplette Kontrastprogramm. Die Kleine ist da, und ich freue mich einfach darüber. Sie ist 13 Monate alt. Für sie ist es egal, ob ich in der Bundesliga oder in der vierten Liga Fußball spiele. Sie merkt nur, dass Papa jetzt öfter weg ist, weil die Auswärtsreisen länger sind. Umso mehr freut sie sich dann, wenn ich nach Hause komme.

Sie wohnen mit Ihrer Familie in Hamburg. Wurden Sie da schon einmal von HSV-Fans auf Ihre Werder-Karriere angesprochen?

Nein, gar nicht. Wir wohnen auch etwas außerhalb von Hamburg. Privat hat es mich eben in Hamburg gehalten, auch aufgrund meiner Frau. Beruflich bin ich aber bewusst zu Werder gewechselt, weil ich in Bremen geboren wurde und der Verein mir etwas bedeutet.

Waren Sie als Kind schon Werder-Fan?

Ja, die Verbindung zum Verein war immer da. Ich habe den Tag der Fans auch schon als kleiner Junge miterlebt. Ich habe in der Jugend nicht bei Werder gespielt, weil wir früh von Bremen nach Cloppenburg gezogen sind. Aber es war immer mein Traum, mal für Werder zu spielen. Dass ich jetzt so unverhofft doch noch für die Werder-Profis in meiner Geburtsstadt spielen durfte, ist schon etwas ganz Besonderes und sorgt wirklich für Gänsehaut.

Wie war es denn damals beim Tag der Fans?

Dort waren verschiedene Stationen aufgebaut. An einer Station durfte man auf das Tor von Frank Rost schießen, aber ich habe so schlecht geschossen, dass der Ball gar nicht angekommen ist. Deswegen bin ich heute auch Abwehrspieler und wurde damals von Werder nicht entdeckt. Die haben wahrscheinlich gesagt: Schickt den Jungen bloß vom Hof.

Waren Sie früher auch regelmäßig bei Spielen im Weserstadion?

Ja, ich war ab und zu da. Das war noch zu den Champions-League-Zeiten. Ich kann mich zum Beispiel an ein Spiel gegen Inter Mailand erinnern. Da hat Miroslav Klose noch für Werder gespielt.

Hatten Sie bestimmte Lieblingsspieler?

Ach, Werder hatte viele gute, namhafte Spieler in der Vergangenheit. Ob nun Diego, Micoud, Klose oder Mertesacker.

Trotz Ihrer Werder-Leidenschaft sind Sie 2006 beim HSV gelandet. Dort haben Sie in der U19 und in der U23 gespielt, durften auch bei den Profis mittrainieren. Warum hat es damals nicht geklappt mit dem Sprung in die Bundesliga?

Es geben so viele Faktoren den Ausschlag dafür, ob ein junger Spieler die Chance kriegt. Ich bin da aktuell das beste Beispiel. Ich spiele ja nicht bei den Profis, weil ich vergangene Saison neun Tore für die U23 geschossen habe, sondern wegen der Personalsituation. Man ist abhängig von Situationen und von Entscheidungen. Damals hatte ich auch noch zwei schwere Verletzungen zu blöden Zeitpunkten. Ich bin aber nicht unzufrieden damit, dass ich jetzt fast 200 Mal in der dritten Liga gespielt habe. Es gibt auch Spieler, die zehnmal in der ersten Liga spielen, dann zehnmal in der zweiten Liga, und dann stürzen sie komplett ab. Ich habe konstant auf einem ordentlichen Niveau gespielt.

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