Dieter Eilts über den Eggestein-Hype „Etwas Gelassenheit wäre angebracht“

Wenn es in diesen Tagen um Maximilian Eggestein geht, dann ist auch schnell von der Nationalmannschaft die Rede. Werders Ex-Profi Dieter Eilts warnt im Mein-Werder-Interview allerdings vor zu großer Euphorie.
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„Etwas Gelassenheit wäre angebracht“
Von Malte Bürger

Maximilian Eggestein ist blendend in die Saison gestartet, hat für Werder zwei sehr schöne Tore erzielt und wird von Trainer Florian Kohfeldt als „unverzichtbar“ bezeichnet. Nun mehren sich die Stimmen, die Eggestein bereits in die Nationalmannschaft loben. Ist das gerechtfertigt?

Ich denke, dass wenn er die nächsten Schritte in seiner Entwicklung macht, dann wird er dort sicherlich zum Thema werden. Da gehe ich ganz stark von aus. Zu diesem Zeitpunkt halte ich es allerdings noch ein bisschen für verfrüht. Er ist in der deutschen U21 gerade festes Mitglied und positioniert sich dort. Wenn man ein Jahr zurückschaut, als Deutschland unter Stefan Kuntz Europameister wurde, sieht man, dass die damaligen Spieler alle auch noch nicht im A-Team auftauchen. Dort gibt es also sicherlich auch noch den einen oder anderen Akteur, der Ansprüche erhebt.

Sie haben die nächsten Schritte angesprochen, die Eggestein noch gehen müsse. Wie sehen die konkret aus?

Er bringt schon sehr, sehr viel mit: das Zweikampfverhalten, das Passspiel, den Torabschluss. Maximilian schießt jetzt auch insgesamt viel mehr aufs Tor, und das ist für einen Spieler in seiner Position sehr, sehr wichtig. Ich denke aber, dass er noch den nächsten Erfahrungsschritt machen muss. In gewissen Situationen muss er noch ruhiger werden und manchmal auch einfach weg bleiben, gewisse Momente besser einschätzen, um noch effektiver zu werden.

Sie haben im Laufe Ihrer Trainerkarriere viel mit jungen Spielern zusammengearbeitet, auch beim DFB. Maximilian Eggestein selbst sagt, dass er sich mit dem zusätzlichen Rummel um seine Person gar nicht beschäftige, auch Florian Kohfeldt glaubt, dass der 21-Jährige die Ruhe bewahrt. Ist so viel Lob und Gerede nicht trotzdem eine Bürde für einen solch jungen Spieler?

Das kann auf jeden Fall eine Bürde sein. So wie Maxi die Sache allerdings angeht, finde ich das richtig klasse. Er bleibt total entspannt und will sich weiter auf seine Arbeit bei Werder konzentrieren. Seine Einschätzung der Situation ist total realistisch und deshalb glaube ich auch nicht, dass ihn die permanente Diskussion um die Nationalmannschaft in irgendeiner Form negativ beeinflussen wird. Im Grunde kann er seinen weiteren Weg ohnehin nur durch seine eigene Leistung beeinflussen, entscheiden tun es am Ende aber trotzdem andere.

Zumal es Beispiele gibt, bei denen es nicht so gut gelaufen ist. Sogar auf der fast identischen Position. Julian Weigl von Borussia Dortmund galt bereits als DER Mann für die Zukunft, machte sein letztes Länderspiel aber bereits im März 2017 und wurde anschließend von Verletzungen zurückgeworfen. Solch eine Erfahrung muss auch erst einmal verarbeitet werden.

Das kann zu einem Problem werden, ganz klar. Im speziellen Fall von Julian Weigl war es so, dass er schon zum künftigen Stammspieler gehypt wurde – auch zurecht. Jetzt hat die Karriere einen kleinen Knick gekriegt, aber ich glaube, dass er ein Spieler ist, der wiederkommt und dann auch wieder ein Kandidat für diese Position sein kann. Es gibt beim DFB ohnehin viele interessante Spieler für diese Position. Ich denke aber, dass Maximilian Eggestein zu den absoluten Topkandidaten in dieser Kategorie gehört. Um diesen ganz großen Sprung zu machen, muss aber eben viel passen – vor allem, um ihn nachhaltig zu machen.

Wie gelingt diese Nachhaltigkeit?

Es hilft keinem, wenn er ein, zwei oder drei Mal bei der Nationalmannschaft dabei ist, sondern er muss sich dort langfristig etablieren. Das traue ich ihm aber auf jeden Fall zu.

Maximlian Eggestein hat nicht die klassische Karriere eines Juniorenspielers hingelegt, der beim DFB durch sämtliche Nachwuchsteams gegangen ist. Werders Sportchef Frank Baumann hat dies kürzlich damit begründet, dass Eggestein sehr spät im Jahr geboren sei, weshalb andere Spieler bevorzugt würden. Hat diese fehlende DFB-Erfahrung Auswirkungen auf die Entscheidungen des Trainerteams um Joachim Löw?

Das spielt insofern eine Rolle, dass die Spieler für die weiteren Teams zumeist aus den Leistungszentren geholt werden. Dort sind aber halt meist die Spieler aus den anderen Quartalen eines Jahrgangs, weil sieben, acht Monate in der Entwicklung schon etwas ausmachen können. Es aber nur auf das Alter herunterzubrechen, wird der Sache nicht gerecht.

Welche Faktoren spielen dann die größte Rolle?

Die Konstanz zählt sicherlich dazu. Wenn er dann von seiner Position aus viele Tore macht, hat er etwas Außergewöhnliches, ein Alleinstellungsmerkmal. Er kann zudem auf der Sechs spielen und auf der Acht. Das sind alles Dinge, die ihm weiterhelfen. Was ihm aber natürlich auch helfen würde, ist internationale Erfahrung. Wenn Werder so weitermacht wie bisher in dieser Saison, ist es ja auch nicht unmöglich, dass ihm dies in Bremen gelingt. Dort würde Maximilian Eggestein automatisch neue Erfahrungen sammeln und den nächsten Entwicklungsschritt machen.

Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass er sich einen anderen Klub suchen müsste, wenn es nicht zeitnah mit dem Einzug ins europäische Geschäft klappen würde und er trotzdem in die DFB-Elf will?

Dieses Ziel, international spielen zu wollen, haben doch eigentlich fast alle Spieler. Am liebsten wollen sie das natürlich bei dem Verein tun, bei dem sie sich pudelwohl fühlen. Genau das tut Maximilian ja in Bremen. Alles andere kann und will ich nicht kommentieren.

Gerade nach der verkorksten Weltmeisterschaft in Russland wurden Stimmen laut, die einen Umbruch im DFB-Team forderten. Auch deshalb ist Maximilian Eggestein in den Fokus gerückt. Joachim Löw hat sich für einen anderen Weg entschieden. Was spricht aus Ihrer Sicht dafür, allenfalls punktuelle Veränderungen vorzunehmen?

Man braucht einfach ein gewisses Mannschaftsgefüge, ein gewisses Korsett. Die erfahrenen Spieler werden zwingend benötigt, um die jüngeren zu führen. Gerade in schwierigen Situationen müssen sie für die nötige Stabilität sorgen. Ich denke auch, dass es nach wie vor eine Achse gibt, auf die sich der Bundestrainer verlassen kann. Ich halte es für Wahnsinn, wenn man sagt, dass man einen Komplettumbruch braucht und Spieler wie Manuel Neuer oder Toni Kroos plötzlich nicht mehr dabei sind. Genau diese Spieler werden auch jetzt wieder absolute Topleistungen abliefern.

Sollten dann nicht vielleicht die Öffentlichkeit, die Medien etwas gelassener mit dem ganzen Thema umgehen?

Etwas Gelassenheit wäre da sicherlich angebracht. Natürlich wollen die Fans und die Medien immer neue Gesichter, die sie fördern oder über die sie Geschichten machen können. Das ist nachvollziehbar. Ich denke aber, dass sich alles auch so entwickeln wird, ohne dass die Zeitungen immer schreiben, dass Maximilian Eggestein in die Nationalmannschaft gehören könnte. So war es schließlich auch bei seinem Weg in Werders Bundesligateam. Er hat sich dort einen Stammplatz erkämpft, ist inzwischen eigentlich unverzichtbar für die U21-Nationalmannschaft und auch in Bremen. Genau deshalb wird er auch irgendwann Teil der Nationalmannschaft sein – und vielleicht ist er auch dort dann bald unverzichtbar. Aber das ist noch ein weiter Weg.

Weil letztlich eben doch Nuancen entscheiden?

Maximilian muss verletzungsfrei bleiben, er muss die richtigen Trainer haben, die ihn fördern und fordern. Mit Florian Kohfeldt hat er da aktuell den idealen Coach. Mit Stefan Kuntz bei der deutschen U21 ist es quasi genauso.

Deutschland hat gerade die EM 2024 als Ausrichter zugesprochen bekommen. Das heißt: Sie glauben durchaus daran, dass es beim Turnier im eigenen Land einen Bremer Jungen im DFB-Team geben wird, der ähnlich wie Sie damals 1996 Europameister werden könnte?

Absolut. Das kann ich mir allerdings auch schon für die EM 2020 vorstellen.

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