Gebürtiger Achimer Ex-Werder-Jugendspieler Undav wechselt in die Premier League

Der Achimer Deniz Undav spielte in der Jugend bei Werder und steht jetzt mit Royale Union Saint-Gilloise auf Platz eins der belgischen Liga. Aber statt an die Weser zurückzukehren, könnte er nach England gehen.
28.01.2022, 15:34
Lesedauer: 4 Min
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Von Marius Winkelmann

Deniz Undav ist in aller Munde: Der ehemalige Jugendspieler des SV Werder Bremen sorgt in Belgien für Furore und erlebt ein echtes Fußballmärchen. Mit Royale Union Saint-Gilloise steht der gebürtige Achimer auf Platz eins der Jupiler Pro League, der ersten belgischen Liga – und das als Aufsteiger! Und es kommt noch besser: Der 25-jährige Mittelstürmer ist mit 18 Toren und zehn Assists nach 24 Spielen der beste Scorer in den Top-10-Ligen Europas – vor Weltstars wie Karim Benzema, Robert Lewandowski oder Mohamed Salah. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten – und so verwundert es nicht, dass Undav auf den Zetteln zahlreicher europäischer Klubs steht.

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Auch in Deutschland sind einige namhafte Vereine auf den Mittelstürmer mit türkischen und syrischen Wurzeln aufmerksam geworden. Vor allem der VfL Wolfsburg und Borussia Mönchengladbach aus der Bundesliga sollen heiß auf Undav gewesen sein. Nach Informationen unserer Deichstube wird der Angreifer - entgegen belgischer Medienberichte - im Sommer jedoch nicht nach Deutschland zurückkehren, sondern einen langfristigen Vertrag bei Premier-League-Klub Brighton and Hove Albion, dem englischen Partner-Klub von Saint-Gilloise, unterzeichnen.

Undav, dessen Arbeitspapier bei Saint-Gilloise ursprünglich noch bis 2023 lief, soll jedoch nicht ab sofort für die "Seagulls" auflaufen, sondern noch bis zum Saisonende leihweise in Belgien bleiben, um dem Klub in den verbleibenden zehn Ligaspielen zum Gewinn der ersten Meisterschaft seit 1935 zu verhelfen. Damals war Saint-Gilloise der beste Klub des Landes. Elf Meistertitel und zwei Pokalsiege sammelte der Verein vor dem zweiten Weltkrieg. Mitte der 1930er Jahre blieb Saint-Gilloise einmal 60 Ligaspiele in Folge ungeschlagen, bis heute belgischer Rekord. In der Folge erlebten die Blau-Gelben allerdings einen beispiellosen Absturz. 1973 kam es zum Abstieg in die Zweitklassigkeit, einige Jahre später spielte der einst erfolgreichste Club des Landes gar nur noch in der vierten Liga.

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Heute lässt der Underdog die großen Vereine wie den FC Brügge, RSC Anderlecht oder KRC Genk ganz schön alt aussehen. Neun Punkte Vorsprung haben Undav und Co. bereits auf den Tabellenzweiten Brügge. Noch vor anderthalb Jahren wäre dieser kometenhafte Aufstieg völlig undenkbar gewesen. Die Wende zum Guten brachte ein Mann, der Undav jetzt auch nach England gelotst haben dürfte: Tony Bloom. Der 51-Jährige ist studierter Mathematiker, professioneller Zocker (Poker und Sportwetten), Multimillionär und Besitzer von Brighton and Hove Albion. Bloom stammt aus der südenglischen Stadt Brighton und ist glühender Fan der "Seagulls". Seinem Herzensclub verhalf er aus der League One, Englands 3. Liga, zum Aufstieg bis in die Premier League.

Dort hat sich der Klub vom Ärmelkanal mit Blooms Hilfe inzwischen längst etabliert. Weil es im Wettkampf gegen die Vereine der Scheichs und Oligarchen aber nicht zu mehr als einem (oberen) Mittelfeldplatz reichte, suchte Bloom ein Team, mit dem er um Titel spielen konnte. Fündig wurde er mit seinem Freund und Geschäftspartner Alex Muzio 2018 am Stadtrand von Brüssel. Bloom kaufte Royale Union Saint-Gilloise und ernannte den 37-jährigen Muzio zum Präsidenten.

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Während Bloom in Brighton seit jeher im Tagesgeschäft involviert ist, überließ er Muzio bei Saint-Gilloise weitgehend das Feld. Dieser formte aus dem damaligen Zweitligisten in Zusammenarbeit mit dem irischen Sportchef Chris O’Loughlin innerhalb kürzester Zeit mit relativ wenig Geld eine Top-Mannschaft. Seit der Übernahme 2018 erwirtschafteten die Belgier sogar ein kleines Transferplus. Das hängt vor allem damit zusammen, dass der Club kaum Ablösesummen bezahlt. Im Fokus stehen vielmehr Leihgeschäfte und ablösefreie Transfers.

Ablösefrei kam im Sommer 2020 auch Deniz Undav vom Drittligisten SV Meppen. Der inzwischen 1,78 Meter große Stürmer war einst als 15-Jähriger in der Jugend des SV Werder Bremen aussortiert worden, weil er den Verantwortlichen "zu klein" gewesen war. Im Interview mit der Kreiszeitung sagte Undav dazu kürzlich: "Das hat echt wehgetan, gerade einem kleinen Jungen aus dem Bremer Umland. Es hat mich zwei, drei Tage beschäftigt, aber dann habe ich wieder nach vorne geguckt." Mit Erfolg, wenn auch auf Umwegen. Undav landete über die kleinen Vereine SC Weyhe, TSV Havelse und Eintracht Braunschweig II erst 2018 im Profi-Fußball - beim SV Meppen. Nach zwei Spielzeiten und einer vor allem überragenden zweiten Saison in der 3. Liga, mit 17 Toren und 14 Vorlagen, zog es ihn schließlich in die zweite belgische Liga. Ein durchaus ungewöhnlicher Wechsel, den Undav gegenüber der Kreiszeitung rückblickend so begründete: "Trotz meiner guten Statistik ist damals kein anderer Verein in die Offensive gegangen – nur Union. Sie haben alles gegeben, alle zwei Tage meinen Berater angerufen. Ich habe gemerkt: Die kämpfen um mich, da bekomme ich zum ersten Mal richtige Wertschätzung. Das Gefühl kannte ich nicht. Deshalb habe ich mich für Belgien entschieden. Und es war goldrichtig!"

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Die Zahlen belegen das. Seit seiner Ankunft im Juli vor rund anderthalb Jahren sammelte Undav bei Saint-Gilloise in 55 Pflichtspielen sensationelle 52 Scorerpunkte. Seine starken Leistungen spülten ihn in die Notizblöcke der großen Clubs. Und führen nun dazu, dass er ab Sommer in der wohl besten Liga der Welt für Brighton and Hove Albion auf Torejagd geht. Bis dahin hat er aber noch einen klaren Auftrag in Belgien zu erledigen: Er soll Saint-Gilloise zum ersten Meistertitel seit 87 Jahren schießen. Es wäre Undavs zweiter Titel, nach der Zweitliga-Meisterschaft im vergangenen Jahr. Welch ein Aufstieg!

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