Comeback beim Rivalen Ex-Werderaner Aaron Hunt blüht beim HSV auf

Aaron Hunt ist 30 Jahre alt, spielt seit 2004 in der Bundesliga und hat schon viel erlebt. Den Abstieg Werders vom Meisterschaftskandidaten, die Teilnahme an der Champions League und zwei Pokalsiege.
25.03.2017, 17:42
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Von Hendrik Buchheister

Aaron Hunt ist 30 Jahre alt, spielt seit 2004 in der Bundesliga und hat schon viel erlebt. Den Abstieg Werders vom Meisterschaftskandidaten, die Teilnahme an der Champions League und zwei Pokalsiege.

Es ist nie zu spät für einen Neuanfang, auch nicht in einem Alter, in dem man als Fußball-Profi fast schon an der Stufe zum Renteneintritt steht. Aaron Hunt ist 30 Jahre alt, er spielt seit 2004 in der Bundesliga und hat schon viel erlebt seitdem. Den Abstieg des SV Werder vom Meisterschaftskandidaten und Teilnehmer an der Champions League zum Sorgenkind und zwei Pokalsiege, jeweils einen mit den Bremern und dem VfL Wolfsburg. Seit Sommer 2015 ist er beim Hamburger SV angestellt und lernt dort die Irrungen und Wirrungen des größten Chaosklubs der vergangenen Jahre kennen.

Noch vor ein paar Wochen, in der Winterpause, stand Hunt vor dem Weggang aus Hamburg, weil er über das Reservisten-Dasein nicht mehr hinauskam. Sein Wechsel in die Türkei, zum offenbar prächtig bezahlenden Klub Trabzonspor, war fast schon beschlossen. Er hätte dort wohl den letzten großen Vertrag seiner Laufbahn geschlossen, wie es in der Branchen-Sprache heißt. Noch einmal ein paar Jahre kicken, noch einmal gut verdienen, so lange es noch geht, und dann irgendwann mit 32, 33, 34 Jahren in den Ruhestand wechseln – so hätte sein weiterer Karriereweg aussehen können. Doch der Transfer scheiterte, Hunt fing noch einmal neu an.

Klärendes Gespräch

HSV-Trainer Markus Gisdol hat neulich von einem klärenden Gespräch berichtet. „Wir haben einen Strich unter die Vergangenheit gesetzt und beschlossen, gemeinsam vorwärts zu kommen“, sagte er. Strich setzen, vorwärts kommen – das klingt erstmal simpel und hätte genau so gut ein Code sein können dafür, dass es einfach weitergeht wie gehabt. Dass Hunt weiter ordentlich trainiert und sich weiter Wochenende für Wochenende auf die Bank setzt, ohne sich zu beklagen.

Doch das war es nicht, Hunt und der HSV haben die Worte tatsächlich mit Leben gefüllt in den vergangenen Wochen – die Vergangenheit scheint vergessen, es ist vorangegangen. Der langjährige Werder-Profi feierte ein erstaunliches Comeback und ist plötzlich wieder wichtig. Er trug als Regisseur im Mittelfeld einen erheblichen Teil dazu bei, dass die Hamburger recht zuverlässig punkten und auf den Klassenerhalt hoffen dürfen, auch wenn die Lage immer noch brenzlig ist, denn der Klub belegt den Relegationsplatz. „Aarons Verhalten ist vorbildlich. Er hat zu keiner Zeit negative Stimmung ausgestrahlt. In seiner jetzigen Verfassung ist er Gold wert für uns“, hat Manager Jens Todt gesagt. Das ist allerdings schon ein paar Tage her.

Verletzung bremst Aufschwung

Im Moment ist unklar, wann Hunt diesen Wert wieder unter Beweis stellen kann. Denn mitten hinein in seinen Aufschwung hat er sich verletzt, zog sich beim 0:0 gegen Eintracht Frankfurt vor der Länderspielpause einen Kapseleinriss im Knie zu. Sein Einsatz in der kommenden Partie gegen den 1. FC Köln ist fraglich. Gegen den Klub, gegen den er Anfang Februar auf die Bildfläche zurückgekehrt war.

Im Achtelfinale des DFB-Pokals gegen die Kölner spielte Hunt zum ersten Mal seit vier Monaten wieder von Beginn an, weil Trainer Markus Gisdol ein paar Stammkräften eine Pause gönnte. Der ehemalige Bremer lieferte eine gute Leistung ab und half dabei wesentlich mit, dass die Hamburger ihren 2:0-Sieg nicht wie gewohnt erkämpften oder erwurschtelten, sondern tatsächlich erspielten.

Bei der darauf folgenden Partie in Leipzig kam Aaron Hunt in der Nachspielzeit auf den Platz und schoss umgehend das Tor zum 3:0-Endstand – seitdem war er wieder eine feste Größe bei den Hamburgern, verdrängte zwischenzeitlich sogar Filip Kostic auf die Bank, mit einem Kaufpreis von angeblich 14 Millionen Euro teuerster Transfer der Klubgeschichte. „Ich finde, dass Aaron es seitdem klasse macht und unsere Vorgaben im Training und im Spiel umsetzt. Das Beispiel zeigt, welche Überraschungen manchmal möglich sind“, sagt ein zufriedener Hamburger Trainer Gisdol.

Schnelllebiges Geschäft

Der Profi-Fußball ist eben ein schnelllebiges Geschäft, ein Geschäft, in dem immer wieder erstaunliche Wendungen möglich sind. Bei Werder erlebt das gerade Torwart Felix Wiedwald, der in dieser Saison lange ein Leben als Pendler zwischen Bank und Stammplatz führte, heftig kritisiert wurde – und dank seiner zuletzt bestechenden Leistungen einen großen Beitrag zum Aufschwung des Klubs leistet. Beim HSV illustriert Hunt die Wechselhaftigkeit der Branche. „Ich weiß, wie schnell es nach oben geht – aber auch in die andere Richtung“, sagt er.

Für angeblich drei Millionen Euro kam Hunt im Sommer vor zwei Jahren aus Wolfsburg, lange sah es so aus, als würde er der nächste Fehleinkauf auf der langen Liste der Fehleinkäufe des HSV werden. Er hatte Probleme mit verschiedenen Verletzungen, im vergangenen Jahr verlief eine Mandel-Operation komplizierter als gedacht, Hunt verlor danach acht Kilo.

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In dieser Saison ist seine Konkurrenz im Mittelfeld groß, auf der offensiven Position verfügt Trainer Gisdol über fünf Optionen, nämlich Lewis Holtby, Nicolai Müller, Luca Waldschmidt, Kostic und eben Hunt. Garantien gibt es für niemanden. „Wir brauchen auch Spieler, die bei Einwechslungen voll da sind und mir die Entscheidung so schwer wie möglich machen“, sagt Gisdol.

Es ist gut möglich, dass sich der zuletzt so starke Hunt nach seiner Verletzung auch erstmal wieder damit begnügen muss: mit Einwechslungen.

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