Wie Werder-Fans das Spiel gegen Köln erlebten

Sechs Mal Nebelhorn

Ein Geisterspiel spukt in die Kneipen, aber wie! Die Fans sind aus dem Häuschen, als sie vor den Fernsehern den Kantersieg von Werder gegen Köln erleben.
28.06.2020, 11:02
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Sechs Mal Nebelhorn
Von Jürgen Hinrichs
Sechs Mal Nebelhorn

Die Freude über die zweite Chance und den möglichen Klassenerhalt ist bei den Werder-Fans groß.

Christina Kuhaupt

Ein einziger großer Jubel, als das Spiel zu Ende ist. Die Leute im „Wirtshaus“ liegen sich in den Armen, sie jubeln, schreien, singen, recken die Fäuste. Geschafft – fürs Erste. Werder ist nicht abgestiegen, und wow!, das ist doch was, hat längst nicht jeder geglaubt, vielleicht die wenigsten. Mit den Biergläsern, halb voll, wird kräftig angestoßen. Auf der Straße vor der Kneipe das Hupen der Autos, die Fahrer freuen sich auch. Eine ausgelassene Stimmung, die in der ersten Halbzeit Schwung aufnimmt, als Werder binnen sieben Minuten drei Tore schießt und die Fortuna aus Düsseldorf, der Konkurrent um den Relegationsplatz, innerhalb der gleichen sieben Minuten das erste Gegentor einfängt. Da geht was, sagen sich jetzt alle. Da muss was gehen.

Das „Wirtshaus“ liegt in Peterswerder, einen Steinwurf vom Weserstadion entfernt. Bizarr: Fans, die sonst mit Fahnen und Tröten auf den Tribünen sitzen und das jetzt nicht dürfen, schauen sich im Fernsehen an, was ein paar Hundert Meter entfernt von ihnen gerade passiert. Ein Geisterspiel, das in die Kneipen spukt.

Noch verrückter wird das direkt vorm ­Stadion, dort campieren kleine Gruppen um ihre Tablets herum und verfolgen das Geschehen auf dem Platz. Ein paar Männer haben sich einen Verstärker mitgebracht, um den Ton der Sky-Reportage besser hören zu ­können. Müssten sie nicht, wenn es nur um die Tore ginge. Klingelt's im Kasten, hat Werder getroffen, bläst im Stadion traditionell das Nebelhorn, so laut, dass man es auch außerhalb wahrnimmt. Sechs Mal, sechs Mal hupt es.

Auf Werder getippt

Nina Thies ist nah dran mit ihrem Tipp. Sie hat natürlich auf Werder gesetzt, 5:1. „Ich bin ein Orakel“, sagt die Wirtin selbstbewusst, als Halbzeit ist und sie Zeit für einen Schnack hat. Ihr Verein führt 3:0, gute Chancen also, dass sie am Ende richtig liegt. 100 Euro im Pott der Tippgemeinschaft, die will sie sich holen und möglich, dass es geklappt hat, wahrscheinlich sogar, denn näher als Thies wird kaum jemand an das Ergebnis herangekommen sein.

Die 41-Jährige betreibt seit dreieinhalb Jahren das „herz:grün“ im Bremer Steintorviertel. „Der Mindestabstand muss beim eigenen Bier nicht eingehalten werden“, steht draußen an der Tafel. Sonst aber schon. Thekenverbot. Und wer die klitzekleine Kneipe betritt, wird sofort ermahnt, die Maske aufzusetzen. Am Tisch kann sie wieder abgenommen werden. Dass ihre Gäste nicht am Tresen sitzen dürfen, schmerzt auf den paar Quadratmetern sehr. Und auch sonst sieht's mit dem Geschäft nicht besonders üppig aus, denn Fußball kostet, wenn er in der Kneipe gezeigt wird. „Man arbeitet für Sky“, sagt die Inhaberin.

Wer im „herz:grün“ zum Stamm gehört, hat das Herz tatsächlich an Grün-Weiß verloren. Thies: „Das sind Hardcore-Fans und sie bleiben es, sollte Werder doch noch absteigen.“ Für die Wirtin wäre das der Horror, nicht nur wegen des Vereins: „Dann müsste ich wegen der anderen Anstoßzeiten früher aufmachen, und ob mittags schon so viel getrunken wird?“ Ein Lamento ist das aber nicht. Nichts, was sie wirklich beklagt, denn so ist Thies nicht. Die Frau hat ein frohes Gemüt, sie lacht, macht Scherze und lässt sich das Leben nicht vermiesen. „Das nächste Mal 'ne andere Farbe“, haut sie feixend den Fragesteller an. Der Reporter, kein Fußballfan, trägt Rot, die Farbe der Kölner, die an diesem Tag der Gegner sind. Wie blöd muss man sein.

Currywurst in der Halbzeit

Heinrich von Fick, einer der Stammgäste im „herz:grün“, hat die Halbzeitpause genutzt und sich beim Werder-Imbiss um die Ecke eine Currywurst geholt: „Gibt's ja sonst kaum noch, und diese hier ist gut.“ Der 59-Jährige schwört auf Werder. „Ein großer Sympathieträger“, sagt er, „nach innen und außen“. Clubs dieser Art, mit so einer positiven Ausstrahlung, gebe es kaum noch in Deutschland und in Europa. „Die Bindung der Fans zu Werder ist so stark, dass sie auch in der 2. Liga halten würde“, glaubt von Fick.

Die bierseligen Schlachtenbummler im und vor dem „Wirtshaus“ denken nicht daran, auch nur dran zu denken: „Nie mehr zweite Liga“, skandieren sie, „nie mehr, nie mehr!“ Das ist zwar etwas schief, weil Werder ja immer noch im Oberhaus des Fußballs sitzt, und nicht von unten kommt, aus der zweiten Liga. Aber jeder weiß, wie's gemeint ist. „Spiegel-Online“ tickert kurz vor Spielende im Bericht über das Werder-Spiel Wunsch und Prophezeiung: „Es fehlt eigentlich nur noch ein Pizarro-Tor. Das kommt dann bestimmt in der Relegation – gegen den HSV.“

Zwei Spiele noch, am kommenden Donnerstag und dem folgenden Montag. Gegen Heidenheim – oder den Hamburger SV. Nicht auszudenken, der HSV. Nordderby! Doppelauflage! Und es geht um alles oder nichts. Einem Fan am Tisch, halber Liter in der Hand, schwant, was das bedeuten könnte: „Dann brennt es.“

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