Werders Gegner Wolfsburg in der Analyse

Fast perfekte Minimalisten

Werder muss sich am Sonntagabend beim VfL Wolfsburg (Anpfiff, 18 Uhr) beweisen. Die Bremer brauchen unbedingt Punkte, treffen aber auf einen unangenehmen Gegner, wie sich in unserer Analyse zeigt.
02.12.2019, 10:45
Lesedauer: 5 Min
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Von Stefan Rommel
Fast perfekte Minimalisten

Wolfsburgs Trainer Oliver Glasner liefert mit seiner Mannschaft bislang eine gute Saison ab.

dpa

Der VfL Wolfsburg definiert sich über seine akribische Arbeit gegen den Ball, mit einem außergewöhnlichen Stürmer und schnellen Umschaltmomenten und fährt damit ganz gut. Wenn da nur die Probleme in der Offensive nicht wären.

Das sind Wolfsburgs Stärken:

Trainer Oliver Glasner bleibt recht starr in seiner Ordnung. Wolfsburg stellt nicht zu viel um, vertraut lieber den ja immer noch recht frischen Abläufen. Der Trainer beharrt stattdessen darauf, dass seine Spieler nach jedem Spiel eine Art Fragebogen ausfüllen und darin angeben, wie sie die Partie mit allen Höhen und Tiefen erlebt haben. Dieses unmittelbare Feedback aus der Mannschaft dient als Grundlage für in der Regel kleinere Veränderungen, in erster Linie aber dafür, die Basis des Wolfsburger Spiels zu festigen. Glasner ist ein eher pragmatischer Trainer, der großen Wert auf ein gefestigtes Fundament legt und von diesem auch kaum abrückt. Das führt dazu, dass man bei den Wölfen mehr oder weniger genau weiß, was man bekommt - ohne dabei aber zu berechenbar zu werden.

Das Prunkstück des Wolfsburger Spiels im gesetzten 3-4-3 ist das Spiel gegen den Ball. Nach Schalke bekommt es Werder mit der nächsten Mannschaft zu tun, die sich zu großen Teilen über ein sehr unangenehmes, weil aggressives und vereinzelt mutiges Pressing definiert. Erst zehn Gegentore sind nach zwölf Spieltagen der beste Wert der Liga. Mit den beiden Zehnern ist ein schneller Zugriff auf die gegnerischen Außenverteidiger möglich, während die Sechser das gegnerische Mittelfeld zudecken und die Flügelspieler aus einer vergleichsweise tiefen Position immer auf dem Sprung sind.

Die Restverteidigung mit sehr großen, kompakten und schnellen Spielern sichert die Tiefe ebenso gut ab wie hohe Bälle und kann durch die Dreierbesetzung zudem immer auch auf flache Anspiele in den Sechserraum herausrücken. Übergeordnete Schlagwörter sind dabei Intensität und Widerstandsfähigkeit. In den Kategorien Sprints und Intensive Läufe liegt Wolfsburg unter den Top drei der Liga, ebenso bei der Zahl gewonnener Zweikämpfe und, als Begleiterscheinung dazu, auch bei den begangenen Fouls.

Das Spiel mit dem Ball ist noch nicht so weit entwickelt wie das Wolfsburger Pressing und Gegenpressing. Und trotzdem verfügt die Mannschaft über eine ganze Reihe von gefährlichen Waffen. Eine davon ist das eher ungewöhnliche Spiel mit zwei verkappten Zehnern hinter Spitze Wout Weghorst. Sie positionieren sich zwischen den gegnerischen Sechsern und Achtern, um dann je nach personeller Besetzung die Angriffe im Übergangs- und letzten Drittel zu lenken: Mit Josip Brekalo steht ein Spieler zur Verfügung, der blitzschnell aufdreht und dann sofort Druck zum Tor entwickelt. Ähnlich ist Admir Mehmedi veranlagt, nur noch eine Spur geradliniger als der Dauerdribbler Brekalo. Joao Victor lässt Zuspiele gerne auch klatschen, um dann in die Tiefe zu starten. Überhaupt ist das ein gern gewähltes Stilmittel: Aus der Abwehrreihe werden die kurz kommenden Zehner mit flachen Anspielen gesucht, um dann klatschen zu lassen auf den ballnahen Sechser, der sofort verlagert.

Den Flügelverteidigern kommt eine andere Aufgabe für den Plan B im Offensivspiel zu: Sie schieben nicht besonders hoch ins Feld, sondern bleiben etwas besser angebunden an die Dreier-Abwehr und halten strikt die Breite. So kann Wolfsburg um das gegnerischen Mittelfeld und damit das Pressing besser herumspielen und dann vom Flügel aus mit einem diagonalen Ball Wout Weghorst finden. Oder aber einen der wuseligen Flügelverteidiger selbst auf die Reise oder ins Dribbling schicken.

Funktioniert das alles nicht, dann bleibt immer noch die dritte, mit Abstand simpelste Variante: der hohe Ball auf Weghorst. Dann rückt die Mannschaft gut nach und ist immer bestrebt, den Strafraum mit allen Angreifern, einem Mittelfeldspieler und im besten Fall auch dem ballfernen Flügelspieler massiv zu besetzen.

Coach Glasner könnte noch einen wichtigen Trumpf in der Hinterhand haben: In den ersten Saisonspielen drückte Zugang Xaver Schlager dem Wolfsburger Spiel unglaublich seinen Stempel auf. Der Österreicher ist ein absoluter Schlüsselspieler und nun nach langer Verletzungspause wieder zurück. Ist Schlager ein Startelfkandidat im defensiven Mittelfeld, dann könnte Guilavogui eine Position nach hinten rutschen und als Tiefensicherer und bärenstarker Aufbauspieler in der Zentrale verteidigen - während Schlager als Ein-Mann-Armee durchs Mittelfeld pflügt.

Vorsicht ist zudem geboten vor den Wolfsburger Standards. Die haben sich in den letzten Wochen stark verbessert, in der Länderspielpause legte Glasner in den Trainingseinheiten zudem sehr großen Wert auf neue Varianten.

Das sind Wolfsburgs Schwächen:

Zu Saisonbeginn schien es, als könne die Mannschaft absolut zuverlässig abliefern. Mit zwischenzeitlich aber vier Niederlagen am Stück mit satten 14 Gegentoren ging die Truppe dann plötzlich förmlich ein. Ein Problem war dabei nicht nur die hohe Zahl an Gegentoren, sondern dass Wolfsburg sofort Probleme bekommt, wenn die Defensive nicht greift - dafür ist die Offensive noch nicht wuchtig genug.

Das Gros der Siege wurde mit den denkbar knappsten Ergebnissen eingefahren, bisher gab es erst ein Bundesligaspiel mit mehr als zwei Wolfsburger Treffern und lediglich Kellerkind Köln (elf) hat bisher weniger Tore geschossen als Wolfsburg (13). Dieser Minimalismus fällt dann auf Glasners Mannschaft zurück, wenn die Defensive nicht stabil steht. Das Grundproblem liegt aber - trotz der zeitweise vielen Gegentore - im Spiel mit dem Ball. Wolfsburg spielt im letzten Drittel mit großem Risiko und oft mit nur einem Kontakt. Kommen die kurzen Pässe an, entsteht sofort Dynamik. Das Problem: Oft genug fehlt es an Präzision und Abstimmung untereinander, um das Tempo wirklich zu entwickeln.

Auffällig ist zudem, dass Glasner auch mit dem Ball immer die defensiv Absicherung im Hinterkopf behält. Das ist grundsätzlich richtig, führt bei den Wölfen aber dazu, dass die meisten Angriffe in Unterzahl gespielt werden. Die Balance zwischen (dosiertem) Risiko und der nötigen Absicherung passt noch nicht. Es hängt viel von der individuellen Klasse der Einzelspieler in der Offensive ab. Aber gerade Mehmedi und Brekalo sind dann gut zu kontrollieren, wenn sie gar nicht erst aufdrehen dürfen.

Das Positionsspiel steckt noch in den Kinderschuhen. Die starken Momente entwickeln sich immer dann, wenn die Mannschaft Tempo entwickeln kann, etwa in Umschaltaktionen. Aus dem freien Spiel, mit viel Ballbesitz und wenn der Gegner sich tiefer zurückzieht, hat Wolfsburg nur wenige Lösungen. Die Mannschaft kann sich einen Gegner nicht zurechtlegen, ihn anlocken und dann überspielen oder längere Druckphasen aufbauen. Hier hakt es noch gehörig, was eine Sache in Wolfsburg-Spielen ganz elementar macht: Wem gelingt das erste Tor?

Das ist der Schlüsselspieler:

Die Wolfsburger Achse bilden Torhüter Koen Catseels, Kapitän Josuha Guilavogui, Xaver Schlager - und Wout Weghorst. Der Niederländer verkörpert eine ganz besondere Spezies an Stürmer: Mannschaftsdienlich, uneigennützig, brutal fleißig gegen den Ball. Weghorst ist als Wandspieler exzellent, kann die Bälle nicht nur festmachen und verteilen, sondern bringt auch ein gutes Maß an Kreativität und Spielverständnis mit. Bei fast zwei Metern Körpergröße sind hohe Bälle direkt in die Spitze auf Weghorst ein gerne genutztes Mittel. Im Strafraum gibt es derzeit kaum Bessere in der Liga als Weghorst, der im Abschluss eiskalt ist.

Das herausragende Zusatzstilmittel ist aber seine Opferbereitschaft gegen den Ball. Nur Dortmunds Hakimi sprintet mehr als er, bei den Intensiven Läufen liegt Weghorst mit weitem Abstand vorne - und das als Stürmer. Im Pressing ist Weghorst der Prototyp des arbeitenden Angreifers, der den Gegner permanent stresst und damit eine Ausnahmestellung einnimmt in der Bundesliga.

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