Werders Auftaktniederlage gegen Hoffenheim Fehlschuss hier, Glücksschuss dort

Am Ende sind es zwei Szenen, die von Werders 0:1-Niederlage gegen Hoffenheim im Gedächtnis bleiben: die vergebene Großchance von Florian Kainz und das unglückliche Gegentor durch Andrej Kramaric.
19.08.2017, 21:07
Lesedauer: 4 Min
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Von Patrick Hoffmann und Christoph Bähr

Sinsheim. Robert Bauer war genau dort, wo er sein musste. Der Werder-Verteidiger stellte sich dem Hoffenheimer Andrej Kramaric in den Weg, versuchte dessen Schuss zu blocken. Es gehört jedoch zum Berufsrisiko eines Abwehrspielers, dass eine gut gemeinte Rettungsaktion nach hinten losgehen kann. Und so entschied Bauer die Partie in der 84. Minute zuungunsten seiner Mannschaft, obwohl er nur Schlimmeres verhindern wollte. Von Bauers Schulter prallte Kramaric' Schuss ins Netz, Werder-Torwart Jiri Pavlenka hatte keine Chance mehr, zu reagieren, und die Bremer verloren ihr erstes Bundesliga-Spiel der Saison am Sonnabend mit 0:1 (0:0) gegen Hoffenheim. „Einige Tage werde ich noch damit zu tun haben“, sagte Bauer zur alles entscheidenden Situation.

„Das Gegentor war verdammt ärgerlich“, ergänzte Alexander Nouri. „Der Schuss wäre sonst zur Eckfahne geflogen.“ Die Enttäuschung war nach dem Abpfiff nicht nur Werders Trainer anzumerken, auch die Spieler wirkten erst einmal bedient. Mindestens einen Punkt wollten die Bremer gegen die Hoffenheimer holen, die zwischen den zwei Champions-League-Qualifikationspartien gegen Liverpool einige Akteure wie den später eingewechselten Ex-Bremer Serge Gnabry schonten. Das Unentschieden war ja auch zum Greifen nah. Am Ende fehlten sechs Minuten, allerdings hatte sich der Gegentreffer zuvor bereits angedeutet.

In der letzten halben Stunde versuchte Werder nur noch, das 0:0 über die Zeit zu retten. Eigene Vorstöße gab es kaum. Die Stürmer Max Kruse und Fin Bartels, der nach seiner Sperre im DFB-Pokal in die Startelf gerückt war, hingen in der Luft, schafften es aber auch nicht, den Ball einmal zu behaupten. Sportchef Frank Baumann bemängelte, dass in der zweiten Hälfte die Entlastung gefehlt habe. Nouri meinte: „Wir hatten bei Ballbesitz nicht den Mut und haben keine Lösung für Hoffenheims Pressing gefunden.“ Der Coach wechselte mit Philipp Bargfrede (67.) und Jerôme Gondorf (75.) zwei defensivstarke Spieler ein. Die Botschaft war damit klar: Ein Punkt reicht.

Dabei hatte Werder zuvor gesehen, dass durchaus auch ein Sieg möglich gewesen wäre. Nach einer schwachen Anfangsphase, in der fast nur Hoffenheim den Ball hatte, agierten die Bremer ab der 20. Minute immer mutiger. Und plötzlich stand dann Florian Kainz, der auf der Achter-Position im Mittelfeld den Vorzug vor Gondorf erhalten hatte, frei am Fünfmeterraum (29.). Bartels hatte einen Querpass gespielt – genau auf den Österreicher. Hoffenheims Torwart Oliver Baumann lag schon fast am Boden. Es schien alles so einfach zu sein: nur noch den Fuß hinhalten, und der Ball ist drin. Kainz hielt den Fuß auch hin, doch der Ball war nicht drin, sondern ging am Tor vorbei, weil er ihn nicht richtig getroffen hatte.

Baumann hat Verständnis

„Ich muss das Tor machen. Da gibt es keine Ausreden“, gab Kainz später zu. Gut möglich, dass der Mittelfeldspieler mit einem Treffer der Partie eine ganz andere Wendung gegeben hätte. Einen Vorwurf mache Kainz deswegen aber niemand, betonte Baumann. Der Sportchef nahm die Szene sogar mit Humor und sagte: „Mir soll so etwas auch schon passiert sein.“ Eine Anspielung auf den 29. Mai 1999, als Baumann im Trikot des 1. FC Nürnberg eine Riesenchance ausließ. Die Nürnberger verloren damals mit 1:2 gegen Freiburg und stiegen ab.

Derart fatal war Kainz' jetziger Fehlschuss bei Weitem nicht. Genau genommen hat der Österreicher damit sogar Schiedsrichter Guido Winkmann einen Gefallen getan. „Wenn er getroffen hätte, hätten wir Endlosdiskussionen gehabt“, sagte Nouri. Die Hoffenheimer hätten in dem Fall wohl nach dem Videobeweis verlangt, denn Bartels hatte Kainz' große Möglichkeit aus abseitsverdächtiger Position vorbereitet. Das Problem dabei: Der Video-Assistent hätte nicht helfen können. Die neue Technik fiel am Sonnabend bei Werders Spiel und bei zwei weiteren Begegnungen zeitweise aus. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) gab in einer Mitteilung technische Probleme beim Dienstleister „Hawkeye“ als Grund an. Die Situation sei nicht hinnehmbar, schrieb die DFL. „In der Halbzeit habe ich erfahren, dass der Video-Assistent nicht funktioniert. Im Laufe der zweiten Hälfte ging er dann wohl wieder“, schilderte Baumann.

Torlinientechnik gefordert

Letztlich hatten die technischen Probleme keinen Einfluss auf die Partie, und die Torlinientechnik funktionierte immerhin einwandfrei. Sie war in der 60. Minute gefragt, als ein abgefälschter Weitschuss von Hoffenheims Kerem Demirbay an die Unterkante der Latte klatschte und danach gerade so auf der Linie landete. Das war der Startschuss für die Schlussoffensive der Gastgeber. Werder geriet zunehmend unter Druck, ließ aber zunächst kaum Chancen zu. „Unsere Dreierkette hat das sehr gut gemacht“, lobte Baumann. Er sehe sich dadurch bestätigt in seiner Entscheidung, keinen neuen Innenverteidiger mehr zu verpflichten.

Tatsächlich wirkte Werder gegen Hoffenheim in der Defensive zumeist sattelfest. Die Bremer gewannen insgesamt 60 Prozent der Zweikämpfe. Das Glückstor von Kramaric, der im vierten Spiel gegen Werder zum vierten Mal traf, könnte trotzdem dafür sorgen, dass die Bundesliga-Saison für die Grün-Weißen mit ungemütlichen Wochen beginnt. Am Sonnabend gastieren die Bayern im Weserstadion. Im nicht unwahrscheinlichen Fall einer Niederlage würde Werder mit null Punkten in die dann folgende Länderspielpause gehen. Mit derart negativen Gedanken wollte sich Alexander Nouri aber nicht befassen. „Gegen die Bayern müssen wir mutig auftreten“, forderte der Werder-Trainer und betonte: „Jeder im Team hat hohe Ansprüche an sich selbst.“

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