Interview mit Werder-Chef Klaus Filbry Filbry: Finanzieller Spielraum da

Bremen. Seit zweieinhalb Wochen ist Klaus Filbry Vorsitzender der Werder-Geschäftsführung. Im Interview spricht der 45-Jährige unter anderem über Werders Handlungsfähigkeit und Marc Kosicke.
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Filbry: Finanzieller Spielraum da
Von Thorsten Waterkamp

Bremen. Seit zweieinhalb Wochen ist Klaus Filbry Vorsitzender der Werder-Geschäftsführung. Im Gespräch mit Thorsten Waterkamp erklärt der 45- Jährige, wie er zum neuen Werder-Chef wurde, welche Voraussetzungen der potenzielle Sport-Geschäftsführer Marc Kosicke erfüllen muss und wie es um Werders Handlungsfähigkeit bestellt ist.

Herr Filbry, eben noch Adidas-Manager, jetzt Werder-Chef. Sind Sie selbst überrascht, wie schnell das gegangen ist – keine drei Jahre nach Ihrem Dienstantritt?

Klaus Filbry: Drei Jahre sind doch schon eine lange Zeit. Es freut mich, dass der Aufsichtsrat nach dem Weggang von Klaus Allofs diese Entscheidung getroffen hat. Weil das auch eine Wertschätzung für die Arbeit ist, die ich gemeinsam mit dem Team und meinen Kollegen auch hinter den Kulissen gemacht habe.

Wie lange haben Sie gebraucht, um Ja zu sagen?

Ich habe mir das in Ruhe überlegt und mit meiner Familie diskutiert. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es – ganz unabhängig von meiner Person – auch die richtige Struktur für den Verein ist, den Vorsitz der Geschäftsführung auf der kaufmännischen Seite aufzuhängen und nicht Sportbereich. Es war ja in der Vergangenheit mit Jürgen Born als Finanz-Geschäftsführer auch so konstruiert.

Dann dürfen wir Sie den neuen Jürgen Born nennen...?

Nein. Ich habe ein gutes Verhältnis zu Jürgen Born, aber jeder muss seinen eigenen Stil entwickeln.

Haben Sie selbst den Hut in den Ring geworfen für diese Aufgabe?

Nein, der Aufsichtsrat hat das diskutiert, ist dann auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich mir das vorstellen kann.

Halten Sie Kontakt zu Klaus Allofs?

Wir hatten regelmäßig Kontakt.

Auch um sich auszutauschen über Ihre jetzige Aufgabe?

Wir haben saubere Übergabegespräche geführt und geklärt, was in seinem Bereich jetzt noch für Themen anhängig sind. Und ansonsten habe ich ihm zum Geburtstag gratuliert.

Stellt sich Ihre Aufgabe als Vorsitzender der Geschäftsführung anders dar als ihre bisherige Tätigkeit für Werder?

Es hat sich leicht verändert. Zum einen ist, weil auch der Geschäftsführer Profi-Fußball noch nicht da ist, das Thema Öffentlichkeitsarbeit in den Vordergrund getreten. Zum zweiten ist die Kommunikation mit dem Aufsichtsrat intensiviert worden – das ist zum Teil der Tatsache geschuldet, dass wir noch in einem Suchprozess sind. Und zum dritten sind Themen, die in den internen Abläufen eine Rolle spielen, hinzugekommen.

Wie gefällt Ihnen eigentlich das Rampenlicht? Sie geben zurzeit ja ein Interview nach dem anderen.

Das ist ein Teil der Rolle und des Verantwortungsbereichs. Ich stelle mich der Verantwortung, aber am Ende ist es wichtig, dass wir im Team arbeiten.

Ein möglicher Allofs-Nachfolger steht vor einer ähnlichen Situation: Marc Kosicke hat bisher im Hintergrund gearbeitet und stünde als Sportchef im Rampenlicht. Können Sie ihm die Sorge nehmen?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden, welche Rolle er einnehmen möchte. Der Geschäftsführer Profi-Fußball wird sich gemeinsam mit dem Trainer zum Thema Fußball für Werder äußern, das ist so definiert. Die Entscheidung, ob man das möchte oder nicht, kann einem auch keiner abnehmen.

Gibt es die Vorgabe von Werder, dass Marc Kosicke seine Trainer-Beratungsfirma Projekt B aufgibt, weil er sich sonst in einen Interessenskonflikt hineinmanövrieren würde?

Das weiß ich nicht, weil es Gespräche sind, die der Aufsichtsrat mit ihm führt. Aber ich denke schon, dass man in der Funktion als Geschäftsführer eines Fußball-Bundesligisten nicht gleichzeitig eine Agentur betreiben kann.

Sie haben festgestellt, dass Werder im sportlichen Bereich derzeit auch ohne Sportchef voll handlungsfähig wäre – dank Thomas Schaaf und Frank Baumann. Was heißt das mit Blick auf die anstehende Transferperiode?

Mit François Affolter wird uns ein Spieler verlassen, alles andere ist zurzeit vertraglich geregelt. Es kann sein, dass vielleicht der ein oder andere Spieler ausgeliehen wird, darüber müsste man diskutieren. Aber sonst haben wir nicht geplant, im Winter aktiv zu werden bezüglich des Verkaufs von Spielern.

Und was ist mit Neuzugängen?

Das ist nicht geplant. Aber wenn es die Möglichkeit gibt, müsste man sie sich anschauen.

Das wird dann zu dritt geregelt?

Wir haben die sportliche Kompetenz von Thomas Schaaf und Frank Baumann, um die Situation zu beurteilen, und in der Vergangenheit habe ich auch schon bei Transfers Verhandlungen gemeinsam mit Klaus Allofs geführt. Damit sind wir so aufgestellt, dass wir Transfers vernünftig abwickeln können. Ich sehe keinerlei Probleme.

Wann sollte der neue Sportchef im Amt sein?

So schnell wie möglich. Aber es ist eine Personalie, die für den Verein sehr wichtig ist. Man sollte sich die Kandidaten in Ruhe angucken. Das kann dann vielleicht auch den ein oder anderen Monat dauern.

Es gibt neben der personellen auch noch eine finanzielle Handlungsfähigkeit. Wie ist es darum bestellt bei Werder?

Grundsätzlich haben wir finanziellen Spielraum. Wir werden im nächsten Jahr über das Thema TV-Verträge steigende Einnahmen haben, wir haben im Sponsoringbereich Zuwächse in Höhe von drei Millionen Euro erwirtschaftet und sind von daher gut aufgestellt.

In welcher Größenordnung erwarten Sie Zuwächse beim TV-Geld?

Ich gehe davon aus, dass es sich um mindestens fünf Millionen Euro Mehreinnahme handelt.

Sie mussten im vergangenen Geschäftsjahr aber auch massive Einbußen von fast 14 Millionen Euro hinnehmen.

Ja, wir haben ein negatives Geschäftsergebnis gehabt. Das haben wir aber gut verdauen können, wir hatten genügend Gewinnrücklagen.

Wenn Werder aber das internationale Geschäft wieder verpasst – was wären die Folgen?

Wir sind im Moment mit einer Szenarienplanung beschäftigt: Wir wissen sehr gut, was wir budgettechnisch zur Verfügung haben, wenn wir die Champions League erreichen oder die Europa League. Und wir wissen, welchen Budgetrahmen wir haben, wenn wir es nicht schaffen. Aber wir sind in allen drei Fällen so handlungsfähig, dass wir eine qualitativ gute Mannschaft aufstellen können.

Wenn die Szenarien in drei Schnellheftern in Ihrem Schreibtisch liegen...

...so ähnlich ist das tatsächlich, als Datei im Laptop...

...und welche Datei rufen Sie zum Saisonende im Mai auf?

Ich würde mich sehr freuen, wenn wir die Datei Europa League aufrufen könnte. Das Potenzial hat die Mannschaft. Aber wenn wir es nicht schaffen würden, gibt es weiterhin guten Bundesligafußball mit einer entwicklungsfähigen Mannschaft.

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