Werder-Präsident im Interview

Fischer: "Sind noch nicht durch"

Bremen. Im Interview spricht Werder-Präsident Klaus-Dieter Fischer über seinen persönlichen Rückzug und die Zukunft von Werder.
01.04.2014, 21:16
Lesedauer: 5 Min
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In seinem Büro im ersten Turm des Weserstadions hängen diverse Fußballtrikots neben Fotos aus alten Werder-Tagen. Dazwischen findet sich eine eingerahmte Collage mit Grüßen einer Schulklasse aus Vechta, die sich vor ein paar Jahren für Werders Einsatz für einen an Leukämie erkrankten Mitschüler bedankte.

Zwischen diesen Polen – dem Profifußball und der Arbeit an der Basis – hat sich Klaus-Dieter Fischer seit 1970 in führender Position bei Werder engagiert. Vergangene Woche hat der 73-Jährige seinen Rückzug von allen Ämtern zum Jahresende bekannt gegeben. Marc Hagedorn sprach mit ihm über diese Entscheidung und die Zukunft von Werder.

Herr Fischer, wie groß war die Erleichterung nach dem Sieg in Hannover?

Klaus-Dieter Fischer: Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass mir keine Steine vom Herzen gefallen sind.

Also ordentlich mitgezittert?

Ich habe diesmal nicht mit meinen Geschäftsführerkollegen zusammengesessen, sondern neben Günter Hermann (Ex-Werder- und 96-Profi, Anm. d. Red.). Und Günter hat mir am Anfang verraten, dass 96 noch nie ein Spiel gewonnen hat, wenn er als Zuschauer in Hannover war. „Hab keine Sorge, Vize“, hat er zu mir gesagt.

Dann fiel das 0:1 . . .

Da habe ich ihn angeguckt, aber er sagte nur: „Ruhig, ruhig.“

Ist dann ja auch gut gegangen.

Was mich neben den drei Punkten genauso sehr gefreut hat, war die Tatsache, dass wir seit einiger Zeit mal wieder ansehnlichen Fußball gespielt haben.

Ist Werder jetzt gerettet?

Nein, wir sind noch nicht durch. Wir brauchen noch mindestens einen Sieg für den Klassenerhalt. Und danach sollen weitere Siege folgen: Wir wollen eine gute Platzierung in der Abschlusstabelle. Das ist wichtig bei der Verteilung der Fernsehgelder. Mehr Geld eröffnet uns mehr Möglichkeiten. Deshalb wird bei erfolgtem Klassenerhalt auch nicht die Arbeit eingestellt. Außerdem haben unsere tollen Zuschauer weitere Siege verdient.

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Sie haben vergangene Woche bekannt gegeben, dass Sie nicht nur wie geplant als Geschäftsführer zum Jahresende aufhören, sondern auch als Präsident. Erleichtert auch darüber, dass prompt der Befreiungsschlag auf dem Platz gelungen ist?

Ich hatte allen Mitarbeitern im Hause meine Gründe vorher erklärt und darum gebeten, bloß nicht nachzulassen. Natürlich möchte ich nicht als Präsident eines Zweitligisten abtreten (schmunzelt).

Sie verlassen den Verein in einer schwierigen Phase. Überfällig? Eine Flucht?

Ich selbst habe diese Kritik noch nicht gehört. Es gibt ganz praktische Gründe für den Zeitpunkt. Wenn der Wahlausschuss Dr. Hubertus Hess-Grunewald (Anwalt und Aufsichtsratsmitglied, Anm. d. Red.) als meinen Nachfolger vorschlägt, die Mitgliederversammlung ihn dann wählen soll, dann bedarf das eines langen Vorlaufes. Präsidium, Ehrenrat – da muss bis zu den Sommerferien vieles vorbereitet sein. Ich sage ganz ehrlich, dass ich eigentlich vorhatte, erst im Sommer meinen Schritt kundzutun, bin dann aber vereinsintern gebeten worden, es früher zu sagen, damit in den Gremien vorgearbeitet werden kann. Es gibt jedenfalls keine gesundheitlichen oder internen Gründe für meinen Rückzug.

Allgemein wurde erwartet, dass Sie im Aufsichtsrat am Ball bleiben würden . . .

Für mich ist es konsequent, alle Ämter abzugeben. Ich arbeite Herrn Dr. Hess-Grunewald ein, ich arbeite als Geschäftsführer mit Thomas Eichin und Klaus Filbry fantastisch zusammen. Und dann soll ich sie demnächst kontrollieren? Das passt nicht. Außerdem wäre überall noch der Schatten von Klaus-Dieter Fischer gewesen.

Sie sind jetzt 73. Blicken wir mal zehn Jahre voraus: Wo steht Werder dann?

Die Politik, für die Leute wie Dr. Böhmert, Manfred Müller, Willi Lemke und ich gestanden haben, war eine Politik, die davon ausgegangen ist, dass wir alles aus eigener Kraft schaffen. Dass wir kein Tafelsilber verscherbeln müssen. Dass wir nicht den Stadionnamen verkaufen müssen. Dass wir künftige Einnahmen nicht im Voraus abtreten. Das hat bis hierher funktioniert.

Seit einigen Jahren konkurriert Werder zunehmend mit Klubs wie dem VfL Wolfsburg, 1899 Hoffenheim, demnächst RB Leipzig, wo Geld keine Rolle spielt.

Und deshalb ist auch bei uns Bewegung drin, wenn es etwa um den Stadionnamen geht. Es gibt inzwischen viele Leute, auch Fans, die sagen: Sind die denn verrückt bei Werder, dass die auf Millionen verzichten und am Namen Weserstadion festhalten?

Reicht es denn, den Stadionnamen zu verkaufen, um mithalten zu können?

Ich glaube, dass sich in zehn Jahren einiges verändert haben wird. Angefangen vom Stadionnamen über die Möglichkeiten, Investoren zu gewinnen, die Gesellschaftsanteile kaufen. Darüber wird man nachdenken, und zum Teil sind diese Überlegungen bei der jetzigen Geschäftsführung auch schon da. Am Ende wird das dazu führen, dass wir in zehn Jahren um die Europapokal-Plätze mitspielen können. Dessen bin ich mir sicher.

Der Standortnachteil aber bleibt.

Das stimmt. Wir können uns Stars nicht kaufen, wir müssen sie entwickeln. Wir müssen als kleiner Verein in einem schwierigen ökonomischen Umfeld mit unseren Ideen vorne sein. Wir haben als erster Bundesliga-Klub Logen gehabt. Jetzt ist der Ansatz von Thomas Eichin, mit Juventus Turin zu kooperieren, ein weiterer Schritt.

Wie viel Bewegung wird in zehn Jahren überhaupt noch in der Bundesliga sein bei der Bayern-Dominanz, den Dortmunder Millionen und so weiter?

Wenn man sich die Geschichte der Fußball-Bundesliga vor Augen führt, dann gibt es nur einen Verein, der immer oben dabei geblieben ist. Das ist Bayern München. Man kann über die Bayern sagen, was man will, aber sie haben eine fantastische Geschäftspolitik. Alle anderen sind einem steten Auf und Ab unterworfen. Wer weiß, ob Borussia Dortmund in zehn Jahren noch dort oben steht? Und man darf nicht vergessen: Wir haben immer auch davon gelebt, dass andere ihre Möglichkeiten und Vorteile nicht genutzt haben, denken Sie an Frankfurt, Hertha oder den HSV.

Kann sich Werder auf einem solchen Markt überhaupt noch Besonderheiten und Eigenarten bewahren?

Ich glaube ja, nämlich mit unserer Haltung. Dass wir eine soziale Verantwortung tragen. Dass wir eine tolle Fangemeinde haben. Dass wir auf die Jugendarbeit setzen. Wir werden in den nächsten drei, vier Jahren eine ganze Reihe junger Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in der ersten Mannschaft stehen haben. Darauf würde ich sogar Wetten annehmen.

Im Moment sieht das nicht so aus. Selke, Lorenzen, Aycicek, Yildirim – sie spielen gerade alle nicht.

Ich vertraue da ganz unserem Trainer, der sagt, dass er nach Leistung und nicht nach Alter aufstellt. Man muss Geduld haben. Wir haben die Geduld. Ich hoffe, dass das auch bei den Spielern, den Beratern und dem Umfeld der Fall ist.

Ruhe, Geduld, Kontinuität bleiben demnach Bremer Tugenden? Oder ist Werder nicht doch ein Verein wie jeder andere, ohne Klaus Allofs, ohne Thomas Schaaf?

Der Faktor Sportdirektor und der Faktor Trainer spielen eine ganz entscheidende Rolle. Stellen Sie sich doch bloß mal Borussia Dortmund ohne Klopp vor. Es ist wichtig, dass der Verein eine Philosophie hat. Und mit dieser Philosophie muss der Trainer übereinstimmen. Das Problem vieler anderer Klubs ist, dass sich alles nach der Philosophie des jeweiligen Trainers richtet.

Das kennt man bei Werder ja auch . . .

Wir haben das in der Phase nach Rehhagel erfahren, ja. Da kamen einige Trainer, von Aad de Mos bis Felix Magath. Jeder hatte eine andere Philosophie, bevorzugte andere Spieler. Am Ende passte alles nicht mehr. Das Konstrukt, das wir jetzt haben mit Robin Dutt und Thomas Eichin, ist stimmig. Kontinuität ist ein ganz wichtiger Faktor. Das wird auch mein Nachfolger wissen.

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