Niederlage gegen Bayern in der Analyse Flicks Umstellungen überfordern Werder

Werders Auftritt in München verkommt nach einer vernünftigen ersten Halbzeit zur Farce. Florian Kohfeldt kann von der Bank nicht mehr gegensteuern, seine Mannschaft wird von Bayerns Umstellungen überrollt.
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Von Stefan Rommel

Hansi Flick und Florian Kohfeldt nahmen im Vergleich zu den vorherigen Spielen ihrer Mannschaften je drei Veränderungen vor: Bei den Bayern ersetzten David Alaba, Leon Goretzka und Robert Lewandowski die Kollegen Javi Martinez, Kingsley Coman und Ivan Perisic. Werder musste auf die angeschlagenen Philipp Bargfrede und Niklas Moisander verzichten und setzte den unter der Woche erkrankten Leo Bittencourt zunächst auf die Bank. Dafür starteten Christian Groß, Michael Lang und Nuri Sahin.

Anders als die Bayern, die trotz der kleinen Rotation ihrem 4-3-3 treu blieben, baute Kohfeldt die Vierer- zu einer Fünferkette um und ließ seine Mannschaft in einem 5-3-2 verteidigen. Die Abwehrkette bildeten Lang, Theo Gebre Selassie, Milos Veljkovic, Groß und Ludwig Augustinsson. Davor sollten Sahin auf der Sechs und Maximilian Eggestein und Davy Klaassen auf ihren Positionen im Halbraum agieren, während Yuya Osako als eine Art hängende Spitze hinter Angreifer Milot Rashica spielte.

Bayern schnüren Werder ein

Von der ersten Minute an entwickelte sich das zu erwartende Spiel mit tief stehenden Bremern, die die Bayern erst ab der Mittellinie empfingen. Statt auf ein aggressives Pressing setzten sie auf die Kontrolle der Halbräume und des Zentrums. Zuspiele direkt in den Zehnerraum auf den zurückfallenden Lewandowski oder einen der eingerückten Flügelspieler beziehungsweise Achter wollte Werder mit der deutlichen Überzahl und nach vorne stechenden Innenverteidigern abfangen, was in einigen Situationen auch gut gelang.

Ein großes Problem bei Spielen gegen die Bayern ist allerdings, dass unmöglich alle Zonen des Spielfelds gleich konsequent verteidigt werden können. Und wenn es die Münchener dann wie in den ersten 15 Minuten noch schaffen, den Ball schnell von einer Seite zur anderen zu bewegen und auf den Flügeln in Eins-gegen-eins-Duelle zu kommen, wird es schnell ungemütlich. Gegen Werder verlagerten die Bayern immer wieder von der festgespielten rechten Seite über den ballfernen Innenverteidiger auf die linke Seite. Dort band in der Regel Philippe Coutinho seinen Gegenspieler Eggestein, sodass Alphonso Davies in Laufduelle mit Lang geschickt werden konnte - welche Bayerns Außenverteidiger fast alle gewann.

Höheres Pressing funktioniert

Die Bayern erdrückten Werder förmlich mit ihrem sauber ausgelösten Gegenpressing, das sehr hoch im Feld schon griff und die schnelle Ballrückeroberung zur Folge hatte. Der Ballbesitzanteil der Münchener lag in dieser frühen Phase bei deutlich über 70 Prozent. Was aber auch schon zu erkennen war: Die Bayern gingen in der Restverteidigung ein ziemlich hohes Risiko ein. Werder konnte dies ohne Ruhe am Ball zunächst nicht nutzen, setzte dann aber nach einer abgewehrten Ecke und nur einem Pass in die Spitze auf Rashica ein erstes Signal, als die Bayern gar keine Absicherung mehr hatten und Glück hatten, dass Rashica ausrutschte.

Werder schaffte es gegen den Ball nicht, den schmalen Grat zwischen massiver Kompaktheit und einem aktiven Anlaufen zu finden. Es gab immer einen gewissen Sicherheitsabstand zum Gegenspieler, der die Bayern gewissermaßen einlud, entweder über die Kette zu verlagern oder aber gleich aus dem Halbfeld zu flanken. Diese Hereingaben waren brandgefährlich und es war lediglich Torwart Jiri Pavlenka zu verdanken, dass die Bayern nicht schon vorentscheidend führten. Umso erstaunlicher, dass die erste Halbzeit nach dem sehr dominanten Start der Bayern wie aus dem Nichts eine völlig andere Wendung nahm.

Werder verlagerte sein Pressing weiter nach vorne, rückte auch mal aggressiver auf den Ball raus und verteidigte als Block nicht nur abwartend, sondern in einigen Situationen auch nach vorne. Dadurch hatte Werder auch mal längere Ballbesitzphasen in der Hälfte des Gegners, es sprangen einige Freistöße heraus und zwei Gelbe Karten gegen bayerische Abwehrspieler.

Die Schwachstelle des Gegners

Das Mittel der (offensiven) Wahl blieb aber nicht unbedingt das Positionsspiel, sondern das direkte, sehr vertikale Spiel in die Spitze. Wie selten zuvor spielten die Gäste nach einem Ballgewinn mit nur einem Pass nach vorne und suchten dabei immer wieder Rashica. Auffällig war dabei auch das Verhalten bei eigenen Abstößen: Bisher machte Werder von der neuen Regel, den Ball bereits im Sechzehner nach dem Anspiel des Torhüters spielen zu dürfen, fast gar keinen Gebrauch und stellte dafür auch nie Personal ab. Gegen die Bayern waren aber immer beide Halbverteidiger und Sahin im oder am eigenen Sechzehner - vermutlich, um die Bayern hoch ins Feld zu locken und dann mit einem hohen Ball und einer Ablage plus Tiefenlauf von Rashica zu überrumpeln.

Die Falle schnappte aber in einem klassischen Umschaltmoment zu: David Alaba agierte mal wieder als verkappter Spielmacher, als Werder ein Zuspiel ins Zentrum abfing und dann sofort und perfekt getimed am Sechser Joshua Kimmich vorbei Rashica ins Laufduell mit Boateng schickte. Der Schuss des Bremers war gut, für einen Keeper wie Manuel Neuer aber durchaus haltbar. Es war wie eine Blaupause der beiden Gegentreffer der Bayern aus dem Leverkusen-Spiel.

Kein Mittel gegen die Chipbälle

Die Bayern hatten am Spielverlauf und dem Gegentor mächtig zu knabbern. Wie in den vorherigen Spielen vergaben sie selbst eine Chance nach der anderen, während der Gegner mit dem ersten Torschuss traf. Im Spiel des Rekordmeisters funktionierte in der Folge fast gar nichts mehr, die Achter Thiago und Goretzka waren kaum zu sehen, Serge Gnabry bei Augustinsson abgemeldet und Eggestein und Lang bekamen Davies' Vorwärtsdrang in den Griff.

Dass der Favorit zur Pause trotzdem die Wende schaffte, lag an der schieren Qualität der Einzelspieler und einem Bauerntrick, der Werder im Verlauf der Partie noch das eine oder andere Mal zu schaffen machen sollte: Erst Kimmichs Lupfer und nur drei Minuten später jener von Coutinho sprengten den Bremer Verbund. Die Bayern gelangten zweimal hinter die Bremer Abwehrlinie und nutzten die Gelegenheiten beide Male aus. Besonders tragisch aus Bremer Sicht, dass sich Gebre Selassie beim ersten Gegentreffer verletzte und das Tiefenzuspiel zum zweiten Bayern-Treffer über die danach mit Groß gerade erst neu besetzte Halbverteidigerposition entstand.

Flicks Umstellungen greifen

Mindestens so wichtig wie die Führung waren aus Sicht der Gastgeber die Änderungen ihres Trainers. Flick erkannte die latente Gefahr, den bereits verwarnten und zu schwerfälligen Boateng weiter gegen Rashica verteidigen zu lassen und krempelte sein Team mit nur einem personellen Wechsel kräftig um. Benjamin Pavard rückte neben Alaba ins Zentrum, Kimmich von der Sechs rechts in die Viererkette, Thiago auf die Sechs und der eingewechselte Ivan Perisic auf Coutinhos Position halblinks. Der Brasilianer wiederum kam nun auf der Acht verstärkt durch das Zentrum und lief zu Hochform auf.

Zunächst waren die Bayern deutlich stabiler bei den Bremer Konterversuchen. Zum einen war nun sofort Balldruck da, wenn Werder umschalten wollte. Zum anderen verteidigte Pavard nicht ganz so eng am Gegenspieler wie Boateng, sondern ließ ein bisschen mehr Luft und konnte sich dadurch zur Not schneller nach hinten absetzen. So richtig gefährlich wurde es für die Gastgeber also nicht mehr, weil die strukturellen und die personelle Schwachstelle ausgebessert wurden.

Die Bayern kamen fast nur noch über links und nutzten den indisponierten Lang als Einfallstor für ihre Angriffe - und den nächsten Chipball zum dritten Tor. Werders kollektives Herausrücken auf einen zweiten Ball bei gleichzeitigem Nur-auf-den-Ball-schauen überlistete Alaba mit einem einfachen Ball und Coutinho mit einer einfachen Freilaufbewegung, auf die kein Bremer Spieler reagierte. Kohfeldt nahm wenige Minuten später Osako vom Platz, brachte Bittencourt und stellte kurz darauf auf ein flaches 4-4-2 um, mit Groß im zentralen Mittelfeld neben Sahin. Flick besserte ebenfalls noch einmal nach und nahm in Goretzka den zweiten eher schwachen Spieler vom Feld. Auch diese Korrektur griff sofort: Der eingewechselte Müller war es, der kurz danach die totale Bremer Kapitulation einleitete.

Alarmierende Zeichen

Fünf der sechs Gegentreffer kassierte Werder aus kürzester Entfernung, so dicht durften sich die Bayern an Pavlenkas Tor kombinieren. Die Art der Gegentore war aber nicht das einzige bedenkliche Zeichen. Die Selbstaufgabe der Mannschaft in der zweiten Halbzeit war nicht nur ziemlich peinlich, sondern nach der insgesamt vernünftigen ersten Halbzeit auch nicht vorherzusehen. Der Gegner war stark, aber eben auch nicht so überragend, dass das zum Ausfall aller Systeme hätte führen musste.

Werder war schon vor der Partie die mit weitem Abstand sprintschwächste Mannschaft der Liga. Dass die Bremer nun in einem Spiel, in dem der Gegner fast zu Dreivierteln den Ball hatte, über 80 Sprints weniger anzogen, ist kein Grund für die verheerende Niederlage - aber ein abermals ziemlich irritierender Fakt. Zumal die Bayern vor wenigen Tagen noch mit einem ebenfalls dezimierten Kader ein Spiel in der Champions League zu bestreiten hatten. Die guten 25 Minuten in der ersten Halbzeit gehen deshalb im Gesamtkontext komplett unter. Dabei war die grundsätzliche Herangehensweise absolut nachvollziehbar - die Umsetzung der Mannschaft in großen Teilen der Partie aber nicht bundesligatauglich.

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