Kohfeldts neue Baustelle ist eine altbekannte

Die Rückkehr des Entwicklungshelfers

Es ist jetzt etwas mehr als zweieinhalb Jahre her, dass Florian Kohfeldt die Wiederbelebung des Werder-Fußballs gelang. Doch zuletzt ging es bergab. Nun muss dem Bremer Trainer das Kunststück erneut glücken.
04.08.2020, 18:09
Lesedauer: 3 Min
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Die Rückkehr des Entwicklungshelfers
Von Malte Bürger
Die Rückkehr des Entwicklungshelfers

Florian Kohfeldt versteht sich in diesem Sommer vor allem als Entwickler.

nordphoto

Natürlich ging der Blick noch einmal zurück. Wahrscheinlich wird das noch häufiger passieren, auch wenn Florian Kohfeldt das gern ein wenig anders hätte. „Es ist jetzt das letzte Mal, dass ich über die vergangene Saison spreche, denn die ist durch und abgearbeitet“, sagte Werders Cheftrainer, als er mit dem Beginn der neuen Woche auch die neue Spielzeit an der Weser einläutete. „Wir haben, auch wenn es zwei Drittel der Saison sehr selten zu sehen war, uns nie verloren – in dem Sinne, wie wir Fußball spielen wollten. Darauf bin ich sehr stolz. Was man dann gesehen hat, war aber natürlich nicht immer das, was wir wollten. Gar keine Frage.“ Demnächst soll das wieder anders sein, darauf richtet sich der Fokus. Doch die Voraussetzungen haben sich komplett verändert.

Nach einem derart wackeligen Klassenerhalt, wie ihn Werder erlebt hat, ist auch das Fundament für alles Zukünftige nicht wirklich stabil. Allein deshalb wird in den kommenden Monaten ganz genau geschaut werden, wie groß die Wunden sind, die der strapaziöse Fast-Abstieg hinterlassen hat. Die Skepsis ist zumindest im Umfeld ein nur logischer Begleiter, wenn es darum geht, ob jetzt wirklich schnellstmöglich wieder alles besser wird. Wobei das Wort „schnellstmöglich“ in diesem Zusammenhang allein schon das gesamte Dilemma zusammenfasst. Natürlich muss und will Werder im Eiltempo erfolgreich sein – spielerisch sogar im wahrsten Sinne des Wortes –, doch Florian Kohfeldt versteht sich in diesem Sommer vor allem als Entwickler. Und Entwicklungen brauchen bekanntlich Zeit. Aber hat Werder diese Zeit auch?

Konstanz statt Kurzgenuss

Zumindest die Lust auf dieses Abenteuer ist vorhanden. „Ich bin voller Energie und habe keine Erscheinungen festgestellt, dass ich müde wäre“, sagt Florian Kohfeldt. „Ich freue mich, wenn wir am Mittwoch wieder auf den Platz gehen und loslegen können.“ Für den Bremer Coach wird es beinahe eine Reise in die Vergangenheit werden. Vor etwas mehr als zweieinhalb Jahren trat er schon einmal an, um einen vom Kurs abgekommenen Bundesligisten wieder in die Spur zu bringen. Diesem ein altbekanntes Gesicht zurückzugeben. Das gelang zunächst, doch dann kamen die zu hohen Ambitionen, falschen Entscheidungen und personellen Rückschläge der Vorsaison hinzu. Und es ging bergab. Werder wahrte dieses Mal zwar halbwegs sein Gesicht, das richtige Werder-Gefühl blieb dennoch auf der Strecke. „Es wird auch für die neue Saison ein Grundziel sein, dass der Fußball, für den wir fast zwei Jahre standen, wieder dauerhaft erkennbar ist“, sagt Kohfeldt. „Das ist ein mutiger, ein offensiver Fußball, der egal gegen welchen Gegner aktiv sein möchte.“

Bislang hat sich der Kern der Stammspieler im Grunde nicht verändert, hinzugekommen sind Hoffnungsträger wie Patrick Erras oder Felix Agu. Keine Soforthilfen, aber Profis, die zeitnah auch im deutschen Oberhaus zeigen sollen, was sie können. „Ich freue mich darauf, mit diesen Jungs daran zu arbeiten, dass sie dauerhaft stabil dieses Niveau spielen können“, sagt Kohfeldt. „Beiden traue ich mit Sicherheit Bundesliga-Einsätze zu, sonst hätten wir sie nicht geholt.“ Überhaupt verteidigt der 37-Jährige den – auch wirtschaftlich bedingten – Weg, den Werder eingeschlagen hat. „Wir können ja nicht auf der einen Seite sagen, dass wir eine junge, entwicklungsfähige Mannschaft aufbauen wollen, auf der anderen Seite dann aber nur namhafte Spieler holen“, sagt Kohfeldt. „Ich bin sehr optimistisch, dass wir am Ende der Vorbereitung einen Kader haben werden, der uns die Möglichkeit gibt, unseren Fußball zu spielen. Denn das ist das Allerwichtigste.“

Lust auf Wiedergutmachung

Und da ist dann vor allem wieder der Entwicklungshelfer Florian Kohfeldt gefragt. Eine Truppe der Namenlosen hat Werder schließlich schon jetzt nicht beisammen. Eher eine, die in der vergangenen Saison schlichtweg nicht bewiesen hat, dass diese Namen zumindest größtenteils für wesentlich mehr Qualität stehen sollten. „Bei jedem Spieler, mit dem ich gesprochen habe, war die Lust zu spüren, es unbedingt besser als das zu machen, was wir vergangene Saison gezeigt haben“, sagt Kohfeldt. Keine schlechte Voraussetzung, aber eben noch lange keine Garantie für eine Besserung.

Um die Chancen zu erhöhen, wurde das Vorbereitungsprogramm ein wenig angepasst. Ein großer Athletikblock im Anschluss an die Leistungstests wurde im Vergleich zum Vorjahr gestrichen, für die Spieler geht es direkt mit dem Ball auf den Platz. „Die erste Woche wird eine Woche der Gewöhnung sein. Da werden wir im Grunde alle Spielphasen des Spiels einmal durchsprechen, gerade für die Neuzugänge“, sagt Kohfeldt. „Es ist schließlich sehr wichtig, dass sie wissen, wie wir spielen, wenn wir den Ball gewinnen, ihn verlieren oder der Gegner geordnet steht.“ In der Zeit danach wird spezifisch gearbeitet, unter anderem am Offensivspiel. „Natürlich wird es auch darum gehen, wie wir uns im letzten Drittel verhalten und wie wir zielstrebig sind und Tore schießen“, sagt Kohfeldt. „Auch das aggressive Verteidigen wird einen sehr großen Schwerpunkt einnehmen.“

Werder will sich also quasi zurückentwickeln. Zu einem Punkt, an dem Florian Kohfeldt und das Team schon einmal waren. Dorthin, wo noch alles schöner war. Und bald wieder alles schön sein soll.

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